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Franziska Winkler, 51-jährig, ist eine sensible, zerbrechliche Frau. Sie spricht langsam. Überlegt. Zögert, bis sie wieder etwas sagt. Und erst allmählich wird klar, dass die Armut, die sie betrifft, nicht Armut im materiellen Sinn ist. Und weil diese Armut nicht greifbar ist, ist sie auch nicht so leicht begreifbar. „Eigentlich“, sagt sie, „blicke ich auf eine glückliche Jugendzeit zurück. Ich bin in einfachen Verhältnissen aufgewachsen, habe es mit meinen Eltern und den drei Geschwistern gut gehabt.“
Die Mutter war Hausfrau, der Vater arbeitete als Maler in einer Papierfabrik, später bei der Post. Sie machte die Lehre als Pharmaassistentin, verdiente dann aber derart wenig, dass sie sich auch noch zur Pflegefachfrau ausbilden liess. Diesem strengen Beruf ist sie treu geblieben – bis „plötzlich diese Rückenprobleme kamen“, wie sie sagt: „Die Schmerzen verunmöglichten das Weiterarbeiten. Noch in der Probezeit verlor ich die Stelle, die ich eben angetreten hatte.“
Sie nahm mit der Regionalen Arbeitsvermittlung (RAV) Kontakt auf, war wegen ihrer Rückenschmerzen aber nicht vermittelbar. Zur gleichen Zeit ging eine langjährige Partnerschaft in Brüche. Ihr Vater wurde nach einem Velounfall in ein Pflegeheim eingeliefert. Er ist dement, war nahe am Tod. Ihre Mutter blieb einigermassen hilflos in ihrer Wohnung zurück.
Und ihr, Franziska Winkler, wurde „plötzlich alles zu viel“: Sie kam mit ihrer eigenen Situation nicht mehr zurecht und hatte mit den Eltern „zwei weitere Sorgenkinder“. Deshalb „flüchtete“ sie, wie sie sagt – in eine psychiatrische Klinik, wie schon einige Jahre zuvor einmal: „Es machte mir Mühe, dass mein ganzes Lebensgefüge zusammenzubrechen drohte.“ Weil sie nicht mehr arbeitsfähig war, galt sie auch nicht mehr als „Fall fürs RAV“, andererseits erklärte sich der Sozialdienst der Gemeinde lange Zeit nicht zuständig für sie.
„Erst der Sozialarbeiter der Pfarrei Guthirt Ostermundigen, Toni Häfliger, half mir dann, den Scherbenhaufen zu sortieren“, sagt sie. Sie hielt weiterhin Ausschau nach einem Job, den sie sich zutraute – und wurde fündig: „Nun arbeite ich beim Ärztenotruf, verdiene wieder recht gut, bin nicht auf Sozialhilfe angewiesen. Doch arm fühle ich mich immer noch. Arm ist man, wenn niemand da ist, der fragt, wie es dir geht.“
In schwierigen Zeiten habe nur der Sozialarbeiter sie manchmal nach ihrem Befinden gefragt. Dank ihm glaube sie, wieder Perspektiven zu haben. Sie fühle auch, dass Gott ihr beistehe. Mit der katholischen Kirche habe sie „sonst zwar einige Mühe“. Doch: „An der Basis wird sie noch immer gut gelebt.“
Walter Däpp
| Stark gekürzter Vorabdruck aus dem Buch „Vom Traum, reich zu sein“ mit Porträts von Armutsbetroffenen, das im Spätherbst erscheinen wird. Buchvernissage ist am 8. November in der Rotonda, bei der Berner Dreifaltigkeitskirche. |
Alle bisher erschienenen Artikel zu dieser Serie finden Sie im "pfarrblatt"-Archiv.
Aus cathberne.ch
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