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David J.A. Clines

Wie sind biblische Texte eigentlich zu lesen?

David J. A. Clines (*1938)

David J. A. Clines (*1938)

„Liest Du einen hebräischen Satz von links nach rechts, tönt es kauderwelsch.“

Er ist ein Urgestein der englischsprachigen alttestamentlichen Wissenschaft und ein Impulsgeber für die Bibelwissenschaft insgesamt – David Clines, der nach dem Studium der Altphilologie in Sydney und der Semitistik in Cambridge 1964 an die Universität Sheffield kam, wo er bis 2001 als Professor lehrte und die Abteilung für Bibelwissenschaft leitete.

Die Breite der Interessen Clines‘ ist atemberaubend, seine Produktivität kennt offensichtlich keine Grenzen. In einer ihm gewidmeten Festschrift aus dem Jahr 2003 umfasst die Liste seiner Werke 16 eng bedruckte Seiten; darunter finden sich philologische Einzelstudien, aber auch ein grosser Kommentar zum Hiobbuch, ausserdem zahlreiche Aufsätze und Bücher.

Als roter Faden zieht sich durch das Gesamtwerk Clines‘ sein Interesse an methodischen Fragen: Wie sind die biblischen Texte eigentlich zu lesen? Neben der Lesart „von rechts nach links“, die der Leserichtung des Hebräischen entspricht, hat Clines vor allem die Lesart „von links nach rechts“, also die Leserichtung unserer modernen europäischen Sprachen, in den Blick genommen: Wir können die Texte der Hebräischen Bibel nicht mehr mit den Augen eines antiken Lesers deuten, auch wenn wir uns noch so sehr darum bemühen; wir lesen die antike hebräische Literatur immer mit den Augen von Europäerinnen und Europäern des 20. und 21. Jh. n. Chr., lesen die Texte also in erster Linie nicht mehr in ihrer eigenen Richtung, sondern in unserer Richtung.

Nach Clines beeinflusst dieser Sachverhalt die Auslegung der Texte in hohem Masse: Die Bedeutung eines Textes entsteht nicht allein aus dem Text heraus, der ja für sich genommen noch nichts ist; ein Text beginnt erst dann etwas zu sein, wenn er gelesen wird. Beim Lesen entsteht ein Wechselspiel zwischen den antiken Verfassern und den modernen Leserinnen und Lesern – die Weltbilder der Beteiligten kommen ins Spiel, das antike Weltbild beim Abfassen, das moderne Weltbild beim Lesen des Textes.

Um Missverständnisse und Vereinnahmungen zu vermeiden, muss man sich diesen verwickelten Prozess der Bedeutungsentstehung eines Textes klar machen; wird das Wechselspiel zwischen antiken Verfassern und modernen Rezipienten nicht bedacht, können Texte ideologisiert und damit auch missbraucht werden.

Für Clines ist die historische Exegese, die nach der Geschichte der biblischen Literatur fragt, damit keineswegs unwichtig; er befragt die Texte aber über die historischen Aspekte hinaus auf ihre gegenwärtige Wirkung und Bedeutung hin und legt sie in diesem Sinne als Literatur aus, die zwar ihre eigene Geschichte hat, in ihrer vorliegenden Form aber ein Gesamt(kunst)werk bildet, das als solches gewürdigt und gelesen werden muss, um seine Wirkung entfalten zu können.

„Warum gibt es ein Buch Ijob und was geschieht mit dir, wenn du es liest?“ ist einer der sprechenden Titel eines Aufsatzes von Clines. Die Herausgeber der Festschrift zu Clines‘ 65. Geburtstag waren versucht, den Titel zu wählen: „Warum gibt es einen David Clines und was geschieht mit dir, wenn du ihn liest?“ Ganz im Sinne Clines‘ müsste diese Frage jede Leserin und jeder Leser selber beantworten. Die Festschrift trägt übrigens den Titel „Von rechts nach links lesen (Reading from Right to Left)“.

Markus Saur

Weiterführende Literatur:
David Clines, Interested Parties: The Ideology of Writers and Readers of the Hebrew Bible (JSOT.SS 205), Sheffield 1995.
Ders., On the Way to the Postmodern: Old Testament Essays 1967–1998 (JSOT.SS 292/293), Sheffield 1998.

Alle bisher erschienenen Artikel finden Sie im Pfarrblatt-Archiv.

07.08.2008


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