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Athalya Brenner

Ohren für weibliche Stimmen in der Bibel

Athalya Brenner (*1943)

Athalya Brenner (*1943)

„Die weiblichen Stimmen im Text hören bedeutet menschliche Kultur als Ganze neu definieren.“
Athalya Brenner wurde in Haifa geboren. Ihre biblischen Studien schloss sie in Jerusalem an der Hebrew University ab, ihr Doktorat 1979 mit einer Arbeit über die hebräischen Begriffe für Farben am Department of Near Eastern Studies in Manchester. Nach Lehrtätigkeiten in Haifa und Nijmegen (NL) war sie bis zu ihrer Emeritierung an der Universität Amsterdam als Professorin für Hebräische Bibel / Altes Testament tätig.

Athalya Brenner gehört zur ersten Generation von feministischen Exegetinnen, die ganz eigene Ansätze der Bibellektüre entwickelten. Wie kaum eine andere Exegetin hat sie die Kategorie des sozialen Geschlechts, „Gender“, zum erkenntnistheoretischen Ausgangspunkt und zum Gegenstand ihrer Forschungen gemacht und so massgeblich die heute allseits bekannten „Gender Studies“ in die Exegese eingebracht. Dass ihr Einfluss, obwohl es wenig deutsche Übersetzungen ihrer zahlreichen auf Englisch publizierten Beiträge gibt, auch über den englischsprachigen Raum hinausgeht, bezeugt der Ehrendoktortitel, mit dem die Universität Bonn sie im Jahr 2002 ehrte.

Gemeinsam mit der Holländerin Fokkelien van Dijk-Hemmes entwickelte Athalya Brenner einen Ansatz, um die weiblichen Stimmen („female voices“) in androzentrischen Bibeltexten hörbar zu machen. Verschriftlichung von Tradition bedeutet immer auch Patriarchalisierung, doch unter der Oberfläche der Texte sind häufig ältere Überlieferungen erkennbar.

Frauen tradierten beispielsweise Klagegesänge und Leichenlieder (vgl. schon den Beitrag über Hedwig Jahnow), die Sieges- oder auch Spottlieder bei der Heimkehr der Krieger (Jiftachs Tochter, Mirjam, Debora u.a.) und weisheitliche Mahnreden (Spr 1–9 und 31). Die Frage, ob Frauen Verfasserinnen biblischer Texte gewesen sein können, wird durch diese Suche nach den „female voices“ ausgeweitet und verfeinert. Da die alttestamentlichen Schriften Traditionsliteratur sind, würde die engere Frage nach weiblicher Autorschaft in die Sackgasse führen.

Die Themenkreise ihrer Publikationen zeigen, dass Athalya Brenner von der Literaturgeschichte, nicht von der Theologie her an die biblischen Texte herangeht und dass sie von Anfang an postmoderne Diskurse – „Sex“, „Gender“ und „Körper“ – aufnahm. Ihr Interesse gilt besonders Texten, die mit Sexualität und speziell weiblicher Sexualität (Hoheslied), mit Gewalt und Herrschaft, ja Voyeurismus und Pornografie (Ezechiel) zu tun haben. Ihre scharfsinnigen Analysen bekunden immer auch ihren grossen Humor.

Neben zahlreichen eigenen Fachbeiträgen und der Mitarbeit bei wichtigen Fachzeitschriften und Sammelbänden hat Athalya Brenner sich als Herausgeberin von zwei reichhaltigen, inzwischen etwa 20 Bände umfassenden Buchreihen feministischer Bibelauslegungen verdient gemacht, die beide unter dem Titel „A Feminist Companion to the Bible“ erschienen und die Kommentare vieler Autorinnen zu den einzelnen biblischen Schriften und zu Grundsatzfragen feministischer Bibellektüre enthalten.

Damit hat sie einen wichtigen Beitrag geleistet, um die Genderforschung in Europa sichtbar zu machen und Theologinnen, Literaturwissenschaftlerinnen und andere, ob sie jüdischer oder christlicher, religiös engagierter oder eher säkularer Herkunft sind, in ein Gespräch zu bringen.

Silvia Schroer

Brenner, Athalya, Hg., The Feminist Companion to the Bible, 10 Bände, Sheffield 1993 ff.;
A Feminist Companion to the Bible (Second Series), bisher 5 Bände, Sheffield 1998 ff.

Alle bisher erschienenen Artikel finden Sie im Pfarrblatt-Archiv.

23.10.2008


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