Erhard Blum
Komposition statt Quellen

Erhard Blum (*1950)
„Die völkergeschichtliche Bedeutung der Väterüberlieferungen steht an deren Anfang.“
Lehrer von Blum war Rolf Rendtorff (*1925), der noch vor seinem zwanzigsten Lebensjahr über drei Jahre bei der Kriegsmarine diente und später bei Gerhard von Rad in Altem Testament promovierte. Eine Israelreise im Jahre 1963 löste einerseits sein politisches Engagement für die Gründung und langjährige Leitung der deutsch-israelischen Gesellschaft und vielfältige Friedensarbeit aus, andererseits für eine Exegese, die gegenüber jüdischen Lektüreansätzen offener ist als das damals gängige Modell Wellhausens.
Dieses war in latent antisemitischer Haltung ständig anzunehmen bereit, dass die biblische Überlieferung gestört ist und geprägt von unsorgfältig und gefühllos nebeneinandergestellten Traditionen, in die es durch Entflechtung des Stoffes in stimmige Quellenstränge, die fiktiven Autoren zugeordnet wurden, (christliche) Ordnung zu bringen gilt. Demgegenüber rechnete Rendtorff mit einer über Jahrhunderte voranschreitenden, sinnvollen Fortentwicklung von Erzählstoffen: Urgeschichten, Erzelterngeschichten, Moseerzählungen usw.
Blum, der seit 2000 in Tübingen lehrt, hat diesen Ansatz aufgegriffen, methodisch durchdacht und systematisch angewandt: Zunächst auf die Vätergeschichten, dann auf den ganzen Pentateuch, in jüngster Zeit auch auf die Geschichtswerke. Älteste biblische Erzählungen erkennt er, ähnlich wie seinerzeit Hermann Gunkel, in Sagen und Legenden, die an altehrwürdigen Heiligtümern überliefert wurden.
Eine davon ist Jakobs Traum von der Himmelstreppe. Um diese Geschichte herum lagerten sich nach und nach weitere an, die in subtiler Erzählkunst das geopolitische Verhältnis Israels zu seinen Nachbarn in Gestalt von Familiengeschichten darstellen: Jakob ist Israel, Esau ist Edom, Laban steht für die verwandten Aramäer in Nordsyrien. Zu dieser Jakob-Esau-Laban-Erzählung gesellt sich vermutlich im 8. Jh. v. Chr. die Josefsgeschichte, in der es um die Vorherrschaft der Josefsstämme über ganz Israel geht.
Erst in der Exilszeit (6. Jh. v. Chr.) wurden den Jakobsgeschichten der Abraham-Lot-Zyklus und die Abraham-Sara-Hagar-Geschichten vorangestellt, in denen es, wiederum in Gestalt von dramatischen Familienstories, um die Thematisierung eines jüdischen Lebens im Exil, aber auch um das Verhältnis zu den aufstrebenden Arabern (= Ismael) geht.
Die so über Jahrhunderte hinweg natürlich gewachsenen, anspielungsreichen Erzelternerzählungen wurden zur Zeit der Perserherrschaft und wohl auf deren Veranlassung hin unter dem jüdisch-persischen Beamten Esra mit den Urgeschichten und mit den umfassenden Rechtsbüchern der israelitischen Priester verbunden. Eine besondere Leistung dieses von Blum «Priesterliche Komposition» genannten Werkes ist es, dass es eine ältere Komposition, welche die Moseerzählungen, das fünfte Buch Mose, aber auch eine ganze Reihe von Prophetengeschichten aus den Geschichtsbüchern umfasst, integriert hat.
Dieses Erklärungsmodell hat jenes von Wellhausen ersetzt. Es wird heute im deutschsprachigen Raum als wegweisend betrachtet, in unzähligen Varianten diskutiert und verfeinert. Es versteht den Text als nach vorne hin offen, ständig kommentier- und erweiterbar. Nicht zuletzt dieser Eigenart der Texte verdankt die Bibel ihren bis heute durchschlagenden Erfolg.
Thomas Staubli
Hauptwerke: Die Komposition der Vätergeschichte, Neukirchen-Vluyn 1984;
Studien zur Komposition des Pentateuch, Berlin – New York 1990.
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13.11.2008
Aus cathberne.ch
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