Maurice Bavaud
Am 3. Oktober 1938 reiste der junge Neuenburger Maurice Bavaud mit unbekannter Bestimmung von seiner Heimatstadt ab. Er machte sich auf, Hitler zu töten, weil Hitler eine Gefahr für die Christenheit, die Menschheit und die Unabhängigkeit der Schweiz sei. Und weil Hitler die katholische Kirche und katholische Organisationen unterdrücke. Er wurde gefasst und am 14. Mai 1941 enthauptet. Am 15. Januar wäre er 90 Jahre alt geworden. Jetzt regt Peter Spinatsch, Mitglied des Comité Bavaud und Gemeindeleiter in St. Marien, Thun, Bavauds Aufnahme ins Martyrologium des 20. Jahrhunderts an.

Die Gedenktafel am Geburtshaus in Neuenburg. Foto zVg
Am 20. September 1938 schreibt Père Piacentini vom Seminar St. Ilan in der Bretagne seinem Studenten Charles Rappo aus Estavayer auf einer Postkarte:
„Vous savez que le brave Bavaud nous quitte. Que Dieu le guide et nous aussi.“
Der rechtschaffene Maurice Bavaud, bisher wie sein Studienfreund Rappo spätberufener Student im Seminar der Patres vom Heiligen Geist, sollte wie angegeben nicht mehr zurückkehren in die Missionarsausbildung, aber diesen Segen seines ehemaligen Spirituals gut gebrauchen können. Am 3. Oktober reist er mit unbekannter Bestimmung von seiner Heimatstadt Neuchâtel ab.
14 Monate später steht er bleich, aber gefasst vor der Nazi-Justiz am Volksgerichtshof in Berlin. Er gibt zu, auf seiner Reise nach Deutschland (es war in den Tagen der Novemberpogrome 1938) hinter Hitler her gewesen zu sein, um den „Führer“ mit einem Pistolenschuss auszuschalten. Er habe es getan, sagt er, weil Hitler eine Gefahr wäre für die Christenheit, die Menschheit und die Unabhängigkeit der Schweiz. Vor allem aber aus religiösen Gründen, nämlich weil jener die katholische Kirche und katholische Organisationen unterdrücke.
Die Nazirichter verhöhnen den (wie dieser zugibt, aus eigenem Entschluss handelnden) Einzeltäter als religiöspolitischen, vom Gangstertum des politischen Katholizismus inspirierten Fanatiker, der dem deutschen Volk seinen Retter, dem 80 Millionen deutscher Herzen in unendlicher Liebe, Verehrung und Dankbarkeit entgegenschlagen würden, hätte nehmen wollen. Bavaud wird zum Tode verurteilt.
30 Monate ist er in Einzelhaft, wovon 18 im Todestrakt von Berlin-Plötzensee, mit stets gefesselten Händen und in Verhören mehrmals schweren Folterungen ausgesetzt. Mit klarem Kopf, ungebrochenem Selbstbewusstsein und einem festen Vertrauen auf Gottes Gerechtigkeit schreibt er vor seiner Hinrichtung am 14. Mai 1941 einen Abschiedsbrief, der allen, die diesen lesen, höchste Achtung gegenüber dieser starken Persönlichkeit abfordert („je ne meurs pas stoïquement mais chrétiennement“).
Maurice Bavaud ist in seinem offenen Bekenntnis vor seinen Richtern durchaus vergleichbar mit einer Sophie Scholl, die, vom Volksgerichtshofpräsidenten Freisler auf ihre Tat angesprochen, erklärt: „Was wir gesagt und geschrieben haben, denken ja so viele, nur wagen sie nicht, es auszusprechen.“ Auch sie bezahlt ihren Mut mit der Enthauptung. Dass vor einigen Jahren ein Mitglied der „Weissen Rose“ beim Hören der Geschichte von M. B. sagte, „Bavaud ist für uns in die Bresche gesprungen“, vermag deshalb kaum zu überraschen.

In der Ausstellung der Gedenkstätte Deutscher Widerstand in Berlin wird der junge Neuenburger auf einer Schautafel mit Porträt geehrt. Man ist sich dessen bewusst, dass er mit seinem versuchten Anschlag im Bezug auf dessen Gefährlichkeit für das Leben Hitlers hinter den Männern des 20. Juli 1944 und dem Schreiner Georg Elser an dritter Stelle (von 40 bekannten Beseitigungsplänen) einzustufen ist.
Am 15. Januar 2006 gedenken wir des 90. Geburtstages von Maurice Bavaud. Der Missionarsstudent und vormalige Ministrant in der „église rouge“ von Neuchâtel verdient als Glaubenszeuge eine Aufnahme ins Martyrologium des 20. Jahrhunderts der katholischen Kirche. Der „brave (anständige) Bavaud“ hat sich in dunkler Zeit als „Bavaud brave (mutig)“ erwiesen.
Maurice Bavaud, (obere Reihe rechts)
Zwei Jahre vor seinem Entschluss, Hitler zu töten. Klassenfoto des Kurses für Spätberufene des Seminars in St. Ilan (Bretagne) 1936. Bavaud war damals 21 Jahre alt. Links oben sein Klassenkamerad Henri Monnin, unten links der Präfekt des Kurses. Foto: Archiv der Pères du St. Esprit, Fribourg.
Peter Spinatsch, Theologe und Gemeindeleiter Pfarrei St. Marien, Thun, Mitglied des Comité Maurice Bavaud
Weitere Mitglieder Nils de Dardel, a. Nationalrat; Paul Rechsteiner, Nationalrat; Otmar Hersche, Publizist; Stefan Keller, Historiker; Adrien Bavaud, ehem. Dozent Kunstgewerbeschule
Kontakt: Kapellenweg 9, 3600 Thun, Tel. 033 221 51 74.
Weitere Dokumente, auch zur Kontroverse und Wirkungsgeschichte:
www.maurice-bavaud.ch
12.01.2006
Aus cathberne.ch
Malleray: messe télédiffusée et déplacement en car possible