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Fernando Belo

Bibel und Politik

Fernando Belo (geb. 1933)

Fernando Belo (geb. 1933)

„Die Subversivität in der Praxis der geschichtlichen Menschen und Klassen kann zum Schlüssel für unser Schicksal werden.“

„C durch X“ – so lautete das provozierende Programm von Fernando Belo: Das Evangelium des Markus (franz. Marc) konnte nach Marx gelesen werden! Damit eröffneten sich völlig neue Horizonte und Fragestellungen.

Eine auf Karl Marx basierende Bibellektüre scheint auf den ersten Blick ziemlich paradox. Doch Belo schulte seinen Blick nicht nur bei Marx, sondern auch am französischen Strukturalismus und an der Psychoanalyse.

Sein Buch reflektiert die einzigartige Situation in einem Europa des Aufbruchs, als fundamentale Transformationen mit dem zweiten vatikanischen Konzil, dem Auftauchen der Befreiungstheologien, der Weltkonferenz von Kirche und Gesellschaft in Genf 1966, der Entscheidung des Weltkirchenrates, ein Programm gegen den Rassismus 1969 zu lancieren, neben den Studentenrebellionen der 68er und ihren utopischen und sozialen Hoffnungen nahe schienen.

Die 60er Jahre waren in Europa eine Dekade von spannenden Entwicklungen, die dazu geführt hatten, dass soziale, ökonomische, politische und rassistische Ungerechtigkeit auf die theologische Agenda der Kirchen gerückt waren. In diesem Kontext entwickelten sich neue Arten der Bibellektüre in Westeuropa. Sie nannten sich, „konkret“, „politisch“, „sozialgeschichtlich“, „nicht idealistisch“ oder „materialistisch“.

Die Bezeichnung „materialistische Lektüre“ wurde von Belo eingeführt und bedeutete in erster Linie das Gegenteil von „idealistisch“, also eine nicht individualistische, nicht abstrakte, nicht jenseitige Lektüre, die die Lebenswirklichkeit, wie sie von ökonomischen, politischen Strukturen, von sozialen Kämpfen gegen Unterdrückung, Ausbeutung, Diskriminierung etc. geprägt ist, in eine Interpretation miteinbezieht.

Während seine „Lektüre“ weite Akzeptanz in Europa fand, fasste sie in US-amerikanischem Raum kaum Fuss: „Insgesamt bleibt das Bibelstudium unter Christen privaten Sorgen und Ängsten verhaftet – während unsere Welt an einem imperialistischen Kreuz von Gewalt und Ausbeutung hängt.“ (Ched Myers)

Fernando Belo wurde 1933 in Lissabon geboren. Sein grosses Interesse an gesellschaftlichen Fragen führte ihn zum licence d’ingénieur civil und zur Lektüre von Karl Marx. 1968 schloss er sein Studium der katholischen Theologie in einem von Studentenunruhen geschüttelten Paris ab. Sein Interesse an Gesellschaftsumbau, Marxismus, Sozialutopien und Erneuerung der Theologie verknüpfte er mit strukturalistischen Methoden der Textcodierung und entwickelte so einen neuen Zugang zu biblischen Texten. Seinen gewichtigen Kommentar zum Markusevangelium: „Lecture matérialiste de l’évangile de Marc“ publizierte er 1974.

Das Werk wurde ins Spanische, Deutsche und Englische übersetzt. 1977 erhielt Belo die Ehrendoktorwürde vom „Institut de Théologie Protestante“ in Paris. Nach dem Linksputsch (der „Karnations-Revolution“) kehrte der verheiratete Ex-Priester aus seinem französischen Exil in seine Heimat nach Portugal zurück, als das Land sich nach der Diktatorenzeit langsam zu öffnen begann. Bis zu seiner Emeritierung (2003) lehrte er an der Universität Lissabon als Professor für Sprachphilosophie.

Luzia Sutter Rehmann

Hauptwerk von Fernando Belo:
Das Markusevangelium materialistisch gelesen. Stuttgart 1980.

Alle bisher erschienenen Artikel finden Sie im Pfarrblatt-Archiv.

19.06.2008


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