Römisch-katholische Kirche im Kanton Bern

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Frank Crüsemann

Sensibilität für gesellschaftliche Prozesse

Frank Crüsemann (*1938)

Frank Crüsemann (*1938)

„Die Verbindung von sozialgeschichtlichen Perspektiven und theologischen Grundfragen auf dem Hintergrund der Notwendigkeit einer neuen Beziehung zum Judentum sowie drängender ethischer Fragen der Gegenwart trieb zu immer neuen Schritten.“

Frank Crüsemann hat bei so bedeutenden Lehrern wie Gerhard von Rad, Claus Westermann und Hans Walter Wolff das Alte Testament studiert. Von Anfang an war es das Verhältnis zwischen Text und Realität, das ihn faszinierte und antrieb, und zwar in zweierlei Hinsicht. Ging es ihm zunächst um das Verhältnis zwischen dem Text und seiner antiken Umwelt, die sich uns archäologisch erschliesst, so später immer mehr um das Verhältnis des Textes zur Welt seiner heutigen Leserinnen und Leser.

Diese doppelte Sensibilität zeigt sich etwa darin, dass er in seiner Untersuchung der königskritischen Texte des Alten Testamentes nicht nur einen Blick für deren bäuerliche Trägerkreise in Israel entwickelt, sondern auch erkennt, dass diese Texte von Forschern wie Wellhausen und Budde deshalb als späte Degeneration abgetan wurden, weil sie sie als loyale Beamte des preussischen Königreiches lasen, für die Königskritik etwas Anarchisches hatte.

Zu glänzender Meisterschaft führt Crüsemann diese doppelte Sensibilität in seiner Darstellung der Tora. Schritt für Schritt zeigt er auf, dass Mose die Chiffre für eine Gerichtsbarkeit ist, die sich aus den Normen der vorstaatlichen Zeit über die Gerichtsstätten in den Toren der Städte und ein Obergericht in Jerusalem hin zu einem in der Tora überlieferten feinmaschigen und mehrstimmigen Netz von Geboten und Verboten entwickelt, die in immer wieder neu zu definierenden und legitimierenden Gremien zeitgemäss ausgelegt werden müssen. Mose ist daher für Crüsemann „die Tradition von der Erneuerung der Tradition“.

„Tora und Recht, Freiheit und ihre Bewahrung, die in der Grundorientierung am Gott des Exodus und im freien Tun seiner Gebote Wirklichkeit werden.“ Mit diesen Worten fassen die engsten Kollegen Crüsemanns dessen zentrale Themen zusammen und verdeutlichen so, dass für den von 1980 bis 2004 an der kirchlichen Hochschule Bethel (Bielefeld) wirkenden Gelehrten die Beschäftigung mit dem Ersten Testament immer eng verbunden war mit der Frage nach heutigen Lebensrichtlinien.

Dieses Engagement nahm seit Crüsemanns Mitwirken in der exegetischen Arbeitsgruppe des Deutschen Evangelischen Kirchentages ab 1990 sehr konkrete Gestalt an, wenn es um die Formulierung von zeitgemässen Bibelübersetzungen ging. Die aus solchen synodalen Prozessen hervorgegangenen Texte gehörten zu den Grundlagen der bahnbrechenden „Bibel in gerechter Sprache“.

Die sowohl in der Fachwelt als auch in Kirchenleitungskreisen teilweise harsche Kritik an dieser 2006 herausgegebenen Bibelübersetzung liessen ihn fragen, ob das, was dem Fundamentalismus unterstellt wird, nicht teilweise auf die Bibelwissenschaft selbst zutrifft. Wenn die Exegese Teil einer geistbewegten Kirche sein soll, muss sich dies auch in einer Bibelübersetzung niederschlagen, die kirchliche Lernprozesse widerspiegelt, zum Beispiel punkto Verhältnis Christen – Juden oder Männer – Frauen.

Thomas Staubli

Hauptwerke: Der Widerstand gegen das Königtum: die antiköniglichen Texte des Alten Testamentes und der Kampf um den frühen israelitischen Staat (Neukirchen-Vluyn 1978); Die Tora. Theologie und Sozialgeschichte des alttestamentlichen Gesetzes (München 11992, 32005; am. Minneapolis 1996; br. Petrópolis 2002). Mehr über Frank Crüsemann: Sebastian Grätz/Bernd U. Schipper (Hg.), Alttestamentliche Wissenschaft in Selbstdarstellungen, Göttingen 2007, 232–248.

Alle bisher erschienenen Artikel finden Sie im Pfarrblatt-Archiv.

21.08.2008


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