Die Päcklisuppen sind bei der Buchhandlung Voirol an der Rathausgasse 74 in Bern erhältlich. Bestellungen nimmt auch die reformierte Kirchgemeinde Wohlen info@kg-wohlenbe.ch entgegen.

Per päpstliches Edikt zum Fisch erklärt: der Biber. Foto: zVg/Christof Angst

Biber, Gänse und andere Fische

Drei ganz besondere Tütensuppen lancier­ten Karolina Huber und Heinz Wulf zum Luther-Jahr. Denn all die Vorträge, Bücher und Ver­anstaltungen zum Reformationsjubiläum empfand das Pfarrerspaar in Wohlen als kopflastig. Doch Luther habe den Menschen aufs Maul geschaut. Die Historie erzählt auch sonst von Essgewohnheiten in der Fas­tenzeit, die überraschen.

Genüsslich leckt sich Martin Luther die Lippen auf der Päckli-Buchstabensuppe «Sola Scriptu­ra» (Allein die Schrift). Der Blick von Huldrych Zwingli auf der Fleischkügeli-Suppe «Sola fide» (Allein durch den Glauben) wirkt etwas verhan­gen. Johannes Calvins Augen hingegen auf der Bündner Gerstensuppe «Sola Gratia» (Allein aus der Gnade) haben etwas Packendes. Die wohlklingenden Namen bezeichnen die theo­logischen Grundsätze der Reformation und der reformatorischen Theologie, nach denen die Heilsbotschaft durch die Bibel vermittelt wer­den. Die Wohlener Suppentüten stapeln sich im Gemeinschaftszentrum Kipferhaus, gestal­tet hat sie der Grafiker Bruno Fauser.  

Mit dem herrlichen Duft heisser Suppe hat Zwingli in Zürich den Glauben verbreitet. Der Reformator verpflichtete den Staat per Almo­senverordnung, die Armen zu versorgen. De­ren Unterstützung und die Versorgung der Kranken rückte auch Johannes Calvin in den Fokus. Er forderte Armenspeisung, denn «Al­lein aus der Gnade Gottes kommt das Heil und nicht durch unseren Verdienst». Zudem forder­te der gestrenge Reformator Krankenhäuser und Fremdenherbergen, wobei für Arme kos­tenlose Behandlung erfolgen sollte. Fremde und besonders Flüchtlinge seien aufzuneh­men und zu versorgen.

Martin Luther tat sich nicht als Kostverächter hervor, denn er liebte einen guten Brathering und Erbspüree, dazu eine «Pfloschen» von Ka­tharinas selbst gebrautem Bier, wie überliefert ist. Doch er riet auch: «Trinken ohne Durst, Stu­dieren ohne Lust, Beten ohne Innigkeit – sind verlorne Arebeyt.» Luther fastete auch, äusser­te aber, der Mensch werde «nicht durch das Fasten angenehm bei Gott, sondern allein durch die Gnade, allein durch den Glauben». Die Fastenzeit des Mittelalters bedeutete As­kese. Auf der Verbotsliste: Fleisch, Eier, Milch und Käse. Erst Ende des 15. Jahrhunderts hob Papst Julius II. die strengen und freudlosen Re­geln auf. Verboten war lediglich Fleisch – Eier, Fisch sowie Milchprodukte wurden fortan zu­gelassen. Die Zoologie tat sich zu dieser Zeit allerdings nicht durch Präzision hervor. So wird von mittelalterlichen Klöstern in Bayern er­zählt, dass die Ordensleute fröhlich Gänse ver­speisten, denn als Wassertiere konnten die nahrhaften Tiere gut als Fische durchgehen. Welche Tiere man essen durfte und welche nicht, war eigentlich immer klar: Das Fleisch «warmblütiger Tiere» hatte Papst Gregor I. schon im Jahr 590 verboten. Fisch war erlaubt. So wurden im Lauf der Jahrhunderte einige Säugetiere und Vögel zu Fischen ehrenhalber erklärt. Ein Benediktiner-Abt in Fulda fand zu­dem eine pfiffige Auslegung: Laut Genesis sei­en Fische und Vögel am selben, nämlich am fünften Schöpfungstag, geschaffen worden – wären also dieselbe Gattung Tier.

Diese Entwicklung bekam dem Biber und auch dem Fischotter gar nicht gut: Christof Angst, Leiter der Biberfachstelle des Bundes­amtes für Umwelt BAFU, erklärt: «Im Mittelal­ter ging es dem Biber an den Kragen. Zum ei­nen, weil er ein schönes Fell besass, zum ande­ren, weil er per päpstlichen Edikt zum Fisch erklärt wurde, da er sich überwiegend im Was­ser aufhält und sein Schwanz geschuppt ist.» Mit dieser eigenwilligen Klassifizierung war es somit an Fastentagen erlaubt, Biber zu braten. Diese Meinung hielt sich bis ins 18. Jahrhun­dert. Im «Wald-Forst-und Jägerey-Lexicon» von 1754 steht geschrieben: «Man koente mit recht sagen, dass der Bieber halb Fisch, halb ein Thier zu Lande sey, zumalen da er niemalen lange aus dem Wasser seyn kann, und fast al­lezeit mit dem Schwantze im Wasser eingetau­chet bleiben muss.»

Im schwäbischen Kloster Maulbronn lebten einfallsreiche Mönche. Während des dreissig­jährigen Krieges (1618–1648) erfanden sie die Maultasche (eine Art Riesen-Ravioli) – bis heu­te ein geliebtes Regionalgericht. Zur Fasten­zeit bekamen sie ein grosses Stück Fleisch ge­schenkt. Der Hunger war in Kriegszeiten gross. Also häckselten die kreativen Mönche das Fleisch klein, versteckten es in Spinat und an­deren Zutaten. Das Ganze verschwand in den Teigtaschen. Kein Wunder wird die Maulta­sche deshalb gerne als «Herrgotts-Bscheißer­le» bezeichnet.

Bei Schokolade stritt man sich einige Zeit, ob sie ein Nahrungsmittel und verboten oder ein Getränk und erlaubt sei. Im Jahr 1569 schick­ten die mexikanischen Bischöfe den Mönch Gi­rolamo di San Vincenzo zu Papst Pius V. (1566–1572). Der Pontifex sollte entscheiden, ob «Xo­colatl» in der Fastenzeit als Getränk erlaubt sei. Der Papst entschied: «Potus iste non frangit je­junium» (Schokolade bricht das Fasten nicht).

Sicherlich tut es angesichts des Überange­bots an Speisen gut, manchen Produkten zu entsagen – ob in der Fastenzeit, oder nicht. Die Reformationssuppen der Gemeinde Wohl­en bieten die Gelegenheit, beim Löffeln in sich zu gehen.

Christina Burghagen

 

Hier gibt es die reformierte Buchstabensuppe:
Reformierte Kirchgemeinde Wohlen bei Bern
Ökumenische Buchhandlung Voirol

15. März 2017
erstellt von «pfarrblatt»
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