Nach dem Zweiten Weltkrieg beherrschten sieben grosse Ölkonzerne den globalen Ölmarkt. Foto: Pia Neuenschwander

Die 7 Schwestern

«Die sieben Schwestern» – das ist die Sieben im Multipack. Wenn sie den Begriff hören, denken die einen an eine Familiensaga oder einen Fjord in Norwegen. Andere wiederum sehen sieben kitschige Hochhäuser in Moskau vor sich. Wer weiss jedoch, dass mit «Sieben Schwestern» auch Ölkonzerne gemeint sind?

Alle, die jetzt erwartet haben, dass ich mich heute mit dem Bestseller «Die sieben Schwestern» der irischen Autorin Lucinda Riley beschäftige, muss ich enttäuschen. Ich mag zwar üppige Familiengeschichten. Nachdem ich aber verschiedene begeisterte Amateurrezensionen über die Saga gelesen habe, lasse ich lieber meine Hände davon. Zu rührselig, definitiv nicht mein Geschmack.
Das trifft auch für die «Sieben Schwestern» in Moskau zu. Damit werden die sieben im Stil des Sozialistischen Klassizismus im Auftrag Stalins erbauten Hochhäuser bezeichnet. Zu ihnen gehören unter anderem der Campus der Lomonossow-Universität, das Gebäude des Aussenministeriums und das Hotel Ukraine. Prunk und Protz, und das in kitschigem Zuckerbäckerstil – für mich passt das irgendwie nicht zusammen.

Im Gegensatz dazu halte ich zwei Naturschönheiten, die unter der Bezeichnung «Sieben Schwestern» bekannt sind, für authentischer. Zum einen sind das die sieben Wasserfälle, die direkt nebeneinander aus einer Höhe von 300 Metern in den norwegischen Geirangerfjord stürzen, ein faszinierendes Naturschauspiel für die Touristen vor allem auf den Kreuzfahrtschiffen, die sich täglich durch den engen Fjord quetschen. Zum andern ist es die Kette von sieben Kreidenfelsen an der englischen Südküste zwischen Eastbourne und Seaford. Bei diesen «Seven Sisters», die ihren Namen seit 1600 tragen, handelt es sich um die eindrucksvollsten Klippen in Sussex.

Sieben reale Schwestern, sieben Gebäude oder sieben Naturphänomene auf engem Raum – hier drängt sich die Bezeichnung «Sieben Schwestern» gleichsam auf. Aber bei den sieben grossen Ölkonzernen, die nach dem Zweiten Weltkrieg bis in die 1970er Jahre hinein den globalen Ölmarkt beherrschten? Es waren dies Standard Oil of New Jersey (Esso), Royal Dutch Shell, Anglo-Persian Oil Company, Standard Oil Co. of New York, Standard Oil of California, Gulf Oil und Texaco. Dass sie unter dem Begriff «Seven Sisters» zusammengefasst wurden, soll auf Enrico Mattei zurückgehen, den Chef der 1953 gegründeten italienischen staatlichen Erdölgesellschaft Eni. Diese stand mit den Konzernen, die im Zeichen des Wiederaufbaus nach 1945 von der gesteigerten Nachfrage nach Erdölprodukten profitierten, in äusserst hartem Konkurrenzkampf.

Mattei beklagte sich, die Grossen versuchten, die Newcomer mit unsauberen Mitteln vom Geschäft fernzuhalten. Unsaubere Mittel? Da kommt doch gleich der Verdacht auf kartellistisch-mafiöse Zustände auf, und da die Mafia selbst familiennahe Strukturen pflegt, war es wohl naheliegend, dass Mattei in den gegnerischen Konzernen eine verschworene Gemeinschaft von «Sieben Schwestern» sah. Der Eni-Chef, der selber einige fragwürdige Geschäfte und Deals abschloss, kam 1962 beim Absturz seines Privatflugzeugs in der Nähe von Mailand ums Leben. Über die Unglücksursachen wird heute noch gerätselt.

Synes Ernst


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15. März 2017
erstellt von «pfarrblatt»
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