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Statue Niklaus und Dorothea von Flüe |© Trägerverein 600 Jahre Niklaus von Flüe/Sibylle Kathriner.

Dorothea - Lichtgestalt im Schatten

Bruder Klaus gehört zu den ganz starken, unsere Geschichte prägenden Persönlichkeiten. Wir verehren ihn als Landespatron. Seine Frau Dorothea hingegen blieb immer in seinem Schatten, obwohl sie mit ihm den ganzen langen Kreuzweg gegangen ist und Beispielhaftes geleistet hat.

Gott hat Niklaus von Flüe berufen, erwählt wurden jedoch beide. Er forderte Dorothea auf, sein Vorhaben mitzutragen. Er bedurfte auch ihres Jas. Hätte sie es verweigert, wäre Bruder Klaus ohne ihre Zustimmung fortgezogen, würde Gott ihm gleichwohl seine ganze Gnadenfülle zugeteilt haben, wäre dem treulos gewordenen Familienvater gleiche Verehrung, gleiches Vertrauen entgegengebracht worden?

Dorothea hatte nicht minder zu zweifeln und zu kämpfen als ihr Mann. Aus guter Familie stammend hatte sie einen geachteten Offizier und Ratsherrn geheiratet. Sie durfte eine gesicherte Zukunft erwarten. Der Kindersegen spricht von glücklichem Zusammensein, die Tätigkeit von Klaus im Rat von gutem eingebunden Sein in die Gemeinschaft. Wie müssen die Veränderungen ihres Mannes Dorothea zu schaffen gemacht haben: ist er krank, was sind das für Anfälle und Visionen, plagt ihn ein Dämon, verwirrt sich sein Geist? Vergessen wir nicht, dies ereignete sich im 15. Jh. und Dorothea war noch jung. Sie war erst knapp 15 Jahre alt, als sie vermutlich um 1446 Gattin des gestandenen Mannes wurde. Die Angst um ihn lastet schwer auf ihr: warum betet er ständig, warum überwirft er sich mit Kollegen? Dorothea ist verunsichert, grübelt, sie schüttet beim Pfarrer ihr Herz aus.

Sie erkennt, dass sie ihren Mann freigeben muss. Dabei ist sie selbst noch Stütze ihres Mannes in seinem Kampf um das Ja und sie muss den Kindern helfen, mit dem unverständlichen Verhalten und dem noch unbegreiflicheren Entschluss ihres Vaters einigermassen zurecht zu kommen. Gerade diese schwierige Aufgabe, ja die ganze Erziehung der zehn Kinder dürfte nicht einfacher geworden sein, als der Vater nebenan im Ranft lebte.

Soll Dorothea von Flüe nun auch heilig gesprochen werden? Ihre Grösse braucht den Heiligenschein nicht. Heiligsprechungen entrücken, heben aus dem Alltag, der Normalität empor. Was wir brauchen sind Vorbilder, die wir verstehen, mit denen wir atmen können. Dorothea von Flüe gehört anerkannt als Leitfigur christlichen Lebens. Sie sollte eingereiht werden unter die bedeutendsten, kraftvollsten Persönlichkeiten, die in unserm Land für ihr Wirken geehrt, geachtet und in Lehrbücher eingetragen bleiben. Ich empfehle auch jenen Patrioten, welche gerne die Stauffacherin beschwören und mit Helvetia ins Gefecht resp. in Wahlen und Abstimmungen ziehen, sie sollen sich doch besser an eine Schweizerin halten, die tatsächlich gelebt, Beispielhaftes geleistet und ihre guten Gene an verbürgte, tüchtige Nachkommen weitergegeben hat.

Etwas Kritik ist an den Kirchenmännern zu üben, die Dorothea übersehen und nur ihren Gatten zur Ehren der Altäre erhoben haben. Mit der weiblichen Hälfte hatten diese und haben viele von ihnen heute noch ihre Mühe. Als Gutmachung würden wir es sehr schön finden, die Schweizer Priester erhöben Dorothea – in Anlehnung an die Bräuche der Primiz – zu ihrer Geistlichen Mutter. Bei Klaus und Dorothea entfällt die Frage der Gleichberechtigung. Sie ist nicht zu stellen. Die beiden führen uns vor Augen, dass Mann und Frau das genau gleiche Recht und die genau gleiche Freiheit haben, zu Gott ja zu sagen oder nein und jede und jeder die Möglichkeit hat, für sich ein wunderbares Ganzes zu werden. Auch deshalb gehört Dorothea neben Klaus ins Jubiläumsjahr.

Maria Küng

19. April 2017
erstellt von «pfarrblatt»
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