Jazz und Mystik in einer Vesper verbunden

In der Vesper, also dem Abendgebet, werden Psalmen gebetet. Zum Abschluss des Tages wird gemeinsam dem Leben und Gott gedankt. Die Verantwortlichen der Fachstelle Kirche im Dialog gehen nun ganz neue Wege und verbinden zusammen mit dem Musiker John Voirol Jazz und Mystik. Das Resultat ist aussergewöhnlich und heisst Jazzvesper!

Psalmen sind zweieinhalbtausend Jahre alte jüdische Gebete. Sie wurden von christlichen Kirchen, Klöstern, von Musik und Literatur vielfältig aufgenommen. Über Jahrhunderte fanden Menschen in den Psalmen ihre Lebenssituation, ihre Sorgen und Hoffnungen in Worte gefasst. Doch wer hat heute noch einen Zugang zu Psalmgebeten? Kaum jemand, muss wohl zugegeben werden. Gewiss gibt es einige, die etwa im gregorianischen Psalmengesang noch Heiliges und Schönes erfahren. Andere mögen noch einen einzelnen Psalmvers kennen, der ihnen etwas bedeutet. Doch für die meisten Menschen heute ist diese Welt fremd. Für sie haben Psalmen keinen fühlbaren Lebensbezug, keine gesellschaftliche Relevanz.
Ganz anders war es zur Entstehungszeit der Psalmen: Da waren die Psalmgebete verdichtete Lebenserfahrung, ehrliche Suche nach Sinn, Schrei in tiefster Not, knallharter Protest gegen Unrecht. Im Meditieren und Rezitieren von Psalmen erlebten unzählige Menschen Selbsterkenntnis und Selbstfindung. Dadurch wurden Psalmen zu Lobliedern auf das Leben, zu Gotteslob, zu tiefstem Ausdruck von Vertrauen und Hoffnung.

Die modernen Jazzinterpretationen von John Voirol mit ihren seelendurchringenden Improvisationen lassen die urtümliche Kraft der Psalmen emotional neu erfahrbar werden. Die Jazzvesper ist somit ein Versuch, ein Experiment und eine Einladung, Mystik und Beten im Kirchenraum neu zu entdecken.
John Voirol ist Dozent für Saxophon am Institut Jazz der Hochschule Luzern und leitet dort verschiedene Ensembles. Er hat über 40 Jahre mit Musikern aus aller Welt verschiedene Musik-Genres durchforstet. Was hat ihn zum Jazz geführt und wieso diese Verbindung von Mystik und Jazz, die für einen Laien nun nicht per seh auf der Hand liegt?

«pfarrblatt»: John Voirol, warum sind Sie Jazzmusiker geworden?

John Voirol: Jazz ist die Musik der Improvisation und die Improvisation ist für mich existenziell. Als ich John Coltrane’s «My FavoriteThings» und «A Love Supreme» das erste Mal hörte, war ich von dieser Musik so ergriffen, dass ich um jeden Preis Jazz-Saxophonist werden wollte.

Sie haben Kompositionen zu uralten Psalmgebeten geschrieben – wie passen Mystik und Jazz zusammen?

Mystik hat mit «geheimnisvoll» und «Spiritualität» zu tun. Beides ist im Jazz enthalten: inden spannungsvollen Harmonien und in der Improvisation, dem kreativen Weg zum Ziel, der oft durch unvorhersehbares und spontanes Agieren im JETZT bestimmt wird.

Ist es für Sie und junge Jazzmusiker etwas Besonderes, in einer Kirche zu spielen?

Ja, da die Kirche für unsereins nicht der alltägliche Konzertraum ist. Zudem ist die Kirche ein besonderer Kraftort und bietet eine besondere Akustik.

Gibt es keine Schwellenängste?

Schwellenangst kann überall vorkommen, wo Neuland betreten wird. Da der Jazz, den wir spielen, spirituelle Musik ist, lebendig, mit direktem Bezug zu religiösen Texten, passt er sehr gut in Kirchen und gibt keinen Anlass, Ängste zu entwickeln.

Was bedeuten Ihnen Psalmen?

Psalmen widerspiegeln u.a. Hoffnung, Vertrauen,Zorn, Liebe, Würde. Diese Gefühle und Werte waren zur Zeit der Bibelschreibung aktuell und sind es heute noch.

Löst es bei Ihnen etwas aus, wenn Sie uralte Psalmen vertonen?

Ja, die Psalmen enthalten viele Gedanken und Wahrheiten, die ich mittels meiner Musik vermitteln möchte.

Text und Interview: André Flury

 

«jazzvesper» in Bern
• Samstag, 17. Juni 2017, 17.00 - 17.45 Uhr, St. Josefskirche, Stapfenstrasse 25, 3098 Köniz
• Donnerstag, 22. Juni 2017, 20.00 - 20.45 Uhr, Dreifaltigkeitskirche, Taubenstrasse 4, 3011 Bern
• Sonntag, 24. September 2017, 17.00–17.45 Uhr, St. Antoniuskirche, Burgunderstrasse 124, 3018 Bern-Bümpliz

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2. März 2017
erstellt von «pfarrblatt»
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