News-Artikel

Eine Einladung. Nuntius Thomas Gullickson. Foto: Ukrainische Katholische Universität.

Offener Brief an Nuntius Gullickson

«Sehr geehrter Herr Nuntius Gullickson

Im Oktober letzten Jahres sind Sie als Nuntius des Heiligen Stuhles in die Schweiz entsandt worden. Schon sehr schnell haben Sie öffentlich kundgetan, was Ihnen wichtig ist, wie Sie die Kirche in der Schweiz wahrnehmen und wo Sie grosse Defizite und Schwächen sehen.
Als Domherr des Standes Bern, als Co-Dekan des Dekanats Region Bern und in kollegialer Verbundenheit mit den Verantwortlichen der römisch-katholischen Kirche im Grossraum Bern, wo Sie wohnen, nehme ich mit grosser Sorge wahr, dass Ihre wenig differenzierten Äusserungen bei vielen Gläubigen unnötige Aufregungen hervorrufen und sehr wenig positive Resonanz finden. Das zeigte sich vor allem bei einer Aussprache in der letzten Dekanatsversammlung des Dekanates Region Bern von Ende Januar 2016.
Wir stehen zu unserem Bischof Felix. Wir zweifeln auch nicht daran, dass er sein Amt in einem lebendigen Christusglauben wahrnimmt und schätzen es sehr, dass er klar festgehalten hat, dass er an der Regelung im Bistum Basel bezüglich des Predigtdienstes nichts ändern werde.
Mit ihm nehmen wir unseren Auftrag als Kirche in der Region Bern wie auch im ganzen Bistum in einem engagierten Miteinander von Priestern, Diakonen und Laientheologinnen und Laientheologen wahr. Zudem sind viele Religionspädagoginnen und -pädagogen, Sozialarbeitende, Jugendarbeitende und Mitarbeitende im Familien und Kinderbereich aus unserem pastoralen und diakonischen Dienst nicht mehr wegzudenken. Ja, ohne das grosse Engagement von Laien könnte die Katholische Kirche Region Bern und auch das ganze Bistum Basel seinen Auftrag schlicht nicht mehr wahrnehmen. Als älteste Diasporagemeinde der Schweiz gehört es besonders zu unseremAuftrag, die intensive und konstruktive Zusammenarbeit mit den Verantwortlichen und Gläubigen anderer Kirchen, insbesondere der evangelischreformierten Kirche, zu pflegen. Die Ökumene ist in Bern seit 200 Jahren gute und bewährte Tradition.
Von den 15 Pfarreien unserer Region werden nur noch drei von Priestern geleitet. Ihren pragmatischen Vorschlag, die 12 Pfarreien, die nicht von einem Priester geleitet werden, schlicht und einfach zu schliessen, beachte ich, mit aller Bescheidenheit und Respekt Ihnen gegenüber, als seelsorgerisch unklug.
Verbunden mit allen Verantwortlichen in der Römisch-katholischen Kirche der Region Bern, möchte ich Sie mit diesem Schreiben brüderlich einladen, die Kirche in unserer Region besser kennenzulernen, damit Sie die Freude und Nöte der Seelsorgenden, ob die der Laien oder die der Priester, wahrnehmen können. Gerne möchten wir Sie in unsere Pfarreien einladen, damit Sie selbst erfahren können, wie die Botschaft Jesu verkündet und gelebt wird. Wir suchen den Dialog mit Ihnen, damit gegenseitige Vorurteile abgebaut werden. In diesem Jahr der Barmherzigkeit öffnen wir Ihnen die Pforten, damit Sie selbst feststellen können, dass die Kirche Christi im Raum Bern, im Bistum Basel und in der Schweiz lebt. Das Dekanat Region Bern ist gerne bereit, Sie zu einem Gespräch zu empfangen.
Gerne wünschen wir Ihnen die nötige Feinfühligkeit, damit es Ihnen gelingt, die Realität unserer Kirche Schweiz in den nächsten Monaten besser wahrzunehmen und ihre Lebendigkeit nicht vorschnell abzuwerten. Gerne wünschen wir, dass der Ihnen anvertraute Dienst und unser Dienst im Raum Bern gemeinsam zum Wohl aller Menschen, die in unserem Land leben, und zur Ehre Gottes dienen.

Mit freundlichen Grüssen»

Im Namen des Dekanats Region Bern
Abbé Christian Schaller, Domherr und Co-Dekan von Bern

 

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«Heiliger Zorn» - Interview mit Suzanne Brun zum Vermächtnis des 2. Vatikanischen Konzils
«Die Kirche muss das Bild der Ehe polieren» - Interview mit Nuntius Gullickson, Tagesanzeiger 15.12.2015
«Pfarreien ohne Priester schliessen» - Kommentar von Bernhard Waldmüller, pfarrblatt Nr.1-2 , 23.12.2015

Kirchliche Allianz «Es reicht!»

Leserbriefe zum Thema finden Sie hier

10. Februar 2016
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