News-Artikel

«La velata» oder «La donna velata» («Die verschleierte Frau»), Raphael, 1514–1515, Öl auf Leinwand, Galleria Palatina, Palazzo Pitti, Florenz.

Schleier und Entschleierung

Im Chor der Französischen Kirche ist vom 5. März bis 2. April die Ausstellung «Schleier & Entschleierung – Zur Kulturgeschichte und Gegenwart eines politisierten Kleidungsstückes» zu sehen. Die Ausstellung zeigt auf eindrückliche Weise die lange kulturgeschichtliche Tradition des Schleiers von der Antike bis heute – und stellt dar, wie das Phänomen der Entschleierung Fuss fasste.


Kopftuch und Schleier sind längst ein Politikum. Schleier erhitzen bei den einen die Gemüter und erzeugen Angst, die anderen betrachten ihn mit Gelassenheit und Akzeptanz. Es gibt inzwischen viele muslimische Frauen, die den Schleier mit einem neuen Selbstbewusstsein tragen und ihn nicht als Symbol der Unterdrückung der Frau verstehen. Sie wollen zeigen, dass das Kopftuch Teil ihrer Religion und ihres persönlichen Glaubens ist.
Oft wird inmitten der Debatte um den Schleier vergessen, dass Kopfbedeckungen eine lange Tradition haben – auch im Christentum und in der westlichen Welt. Christinnen haben über viele Jahrhunderte hinweg den Schleier getragen. In Südspanien pflegte man sogar bis ins 19. Jahrhundert hinein die Ganzkörperverhüllung. Christliche Ordensschwestern tragen bis heute noch eine Kopfbedeckung. Der Schleier hat im Christentum zwei Bedeutungen. Er steht zum einen für Anstand und Sitte. Zum anderen zeigt er als Brautschleier bei Bräuten und Ordensschwestern an, dass diese Frauen eine Bindung durch Ehe oder Gelübde eingegangen sind.

Entschleierung

In der heutigen westlichen, säkular geprägten Welt ist das Tragen eines Schleiers nicht mehr üblich. Denn mit Beginn des 20. Jahrhunderts veränderte sich die Mode für Frauen. Frauen erarbeiteten sich Zug um Zug das Recht, den Körper zeigen zu dürfen oder beim Tragen von Hosen eine grössere Bewegungsfreiheit zu haben. Das Phänomen der Entschleierung setzte sich gesellschaftlich durch. Das Zeigen der Haare, das Tragen eines Mini-Rockes oder eines Bikinis wird heute meist nicht mehr als unanständig aufgefasst. Auch daran erinnert die Ausstellung.
Die Entschleierung wird aber wiederum von denjenigen Muslimen infrage gestellt, die den Schleier sehr wohl noch mit Anstand verbinden und in der westlichen Freizügigkeit, vor allem im Blick auf die inzwischen omnipräsente mediale Darstellung von Frauenkörpern, eine Entwürdigung der Frau sehen.

Interreligiöse Vernissage

Die Vernissage ist als eine interreligiöse Eröffnungsfeier mit arabischer Musik und Apéro sowie einer Einführung in die Ausstellung gestaltet. Es gibt öffentliche Führungen durch Ausstellungsmacherin Elisabeth Reichen. Die Ausstellung wird zudem von einem vielfältigen Rahmenprogramm begleitet. Die Finissage wartet mit einem ökumenischen Gottesdienst auf. Die Veranstaltungen vom 21. bis 27. März sind Teil der Aktionswoche der Stadt Bern gegen Rassismus.

Martina Bär

Fachstelle Kirche im Dialog

Infos zur Ausstellung

Daten: 5. März bis 2. April, jeweils Dienstag bis Freitag, von 09.00–17.00 und Samstag, von 09.00–13.00
Ort: Chor der Französischen Kirche, Zeughausgasse 8, Bern
Vernissage: 5. März, 17.00
Führungen: 7. März (18.00); 15. März (13.30); 23. März (13.30); 28. März (13.00 und 18.00)
Finissage: 2. April, 10.00, ökumenischer Gottesdienst
Infos und Rahmenprogramm: www.kathbern.ch/kid

15. Februar 2017
erstellt von «pfarrblatt»
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