Junge Menschen stellen Bibeltexte vor
Die «pfarrblatt»-Serie 2011 widmete sich der Bibel. Während des ganzen Jahres erzählten junge Menschen von ihren liebsten Bibelstellen.
Zur Einführung
Einzigartig, ohne Unterschied
Bis Ende Jahr haben 44 junge Menschen in der «pfarrblatt»-Serie ihre liebste Bibelstelle vorgestellt oder – wie es der Titel der Serie sagt – ausgelesen, ausgelebt, ausgelegt haben. Was wurde da wie interpretiert? Gibt es eine Quintessenz? Zeit für eine Bilanz.
Zur Bilanz
«Verzaubert hast Du mich, meine Schwester Braut; ja verzaubert mit einem Blick deiner Augen, mit einer Perle deiner Halskette. Wie schön ist deine Liebe, meine Schwester Braut; wie viel süsser ist deine Liebe als Wein.» Hohelied Salomons 4,9

Donnerstag, 22. Dezember 2011 / Dies ist ein Auszug aus dem Hohelied oder dem Lied der Lieder (hebräisch: Schir Haschirim). Das Hohelied besingt in einer bildhaften Sprache die Liebe und Erotik zwischen einem Mann und einer Frau. Ich habe mich bereits vor einigen Jahren mit dem Hohelied auseinandergesetzt. Damals machte ich im Rahmen meiner Ausbildung zur Sexualpädagogin ein Praktikum in einem Altersund Pflegeheim in Basel. Zusammen mit einer Aktivierungstherapeutin gestaltete ich einen Nachmittag zu Liebe und Sexualität.
Zur Einstimmung ins Thema las ich den anwesenden Frauen und Männern einige Textpassagen aus dem Hohelied vor. Die poetische und sinnliche Sprache, aber auch die offenkundige Erotik des Hohelieds beeindrucken mich. Ich glaube nicht, dass jemand, der diesen Text nicht kennt, ihn als biblisch identifizieren würde. Zu lust- und menschenfeindlich lautet die gängige Meinung über die Bibel. Ich befasse mich nur sporadisch mit biblischen Texten, staune jedoch über deren Vielfalt und die zahlreichen Möglichkeiten, aus den Interpretationen etwas für das eigene Leben herauszunehmen. Ich bin Mutter von zwei kleinen Kindern, einem Jungen und einem Mädchen. Von Geburt an besitzen sie die Fähigkeit, Liebe und Sexualität zu empfinden und zu schenken. Richtet sich beides zu Beginn noch auf sich selbst oder die Eltern, wenden sich die Kinder mit der Zeit Menschen ausserhalb der Familie zu. Als Mutter ist es meine Aufgabe, meine Kinder auf diesem Weg zu begleiten, sie später aber auch gehen zu lassen. Liebe und Sexualität verändern sich im Lauf eines Lebens. Ihnen achtsam zu begegnen, sie zu bewahren, an diese hohe Kunst erinnert mich das Hohelied

«Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben – und es in Fülle haben.» Joh. 10,10

Donnerstag, 15. Dezember 2011 / Dieser Vers findet sich im Johannes-Evangelium, in der Bildrede vom guten Hirten, und es gibt keinen zweiten Vers in der Bibel, der mich so sehr mit meinem verstorbenen Vater verbindet wie dieser. «Richte deinen Blick auf die Fülle und konzentrier dich nicht auf deine Mängel.» Das hat er mich immer wieder gelehrt und selbst geübt bis zu seinem Tod. «Ich bin gekommen, damit ihr das Leben habt – und es in Fülle habt.» Deshalb ist dieser Vers von besonderer Bedeutung für mich. Wenn man Menschen heute fragt, was ihre grösste Hoffnung und Sehnsucht ist, hat ihre Antwort fast immer etwas mit erfülltem Leben, mit Glück und Liebe zu tun. Da ist der Wunsch, dass Gott in uns das Vertrauen in die Zusage Jesu vertiefe, dass er in uns das Vertrauen nähre in die unerschöpfliche Kraft des Lebens und dass er gekommen ist, damit wir das Leben haben – und es in Fülle haben.
Dieser Sehnsucht zu folgen, hält uns lebendig und lässt uns ahnen, dass wir im Grunde genommen schon jetzt aus der Fülle leben. Dennoch sind wir mit unseren Erwartungen an uns selber und an das Leben selbst auch immer wieder mit unseren Mängeln konfrontiert. Jesus lädt uns ein, uns nicht auf die Mängel zu konzentrieren, sondern der Fülle auf die Spur zu kommen.
Die Erkenntnis, dass vieles in uns nie zur Entfaltung kommt, gilt es, so denke ich, auszuhalten und gleichzeitig der Einsicht Platz zu machen, dass dies der Fülle keinen Abbruch tut. Denn auch Fülle ist Realität und wir sind aufgefordert, die Fülle des Lebens wahrzunehmen und immer wieder nach dem Zeichen der Liebe zum Leben zu suchen. Wenn ich das Gefühl habe, dass alles wankt, möchte ich, dass es mir gelingt, das unerschütterliche Vertrauen in die Lebenskraft Gottes zu erneuern, denn diese Heilkraft umgibt uns mitten in diesem Leben. Ich bin überzeugt davon, dass uns beim Übergang von diesem Leben in das vollendete Leben endgültig aufgehen wird, was Jesus uns zusagt: «Ich bin gekommen, dass sie das Leben haben und es in Fülle haben.» Immer wieder neu will ich mich für das Leben entscheiden und für die Fülle darin.

Durch den einen Geist wurden wir in der Taufe alle in einen einzigen Leib aufgenommen, Juden und Griechen, Sklaven und Freie; und alle wurden wir mit dem einen Geist getränkt. / Auch der Leib besteht nicht nur aus einem Glied, sondern aus vielen Gliedern. 1 Kor 12,13–14

Mittwoch, 07. Dezember 2011 / Diese Stelle ist für mich wichtig, weil sie zeigt, dass jeder Mensch, unabhängig von Rasse oder sozialem Stand, von Gott angenommen ist. Damit der Leib leben kann, braucht es alle! Zu meinen, man sei besser als die anderen, oder es brauche sie nicht, führt zu nichts. Diese Stelle zeigt uns ebenso, wie stark wir Menschen aufeinander angewiesen sind. Ein Leib hat viele verschiedene Organe und eines allein kann nicht überleben. Jedes Organ hat eine Funktion und so hat jeder Mensch eine Aufgabe in diesem Leib. Dies sollte meiner Meinung nach allen bewusst werden. Ich denke, dass dadurch das Zusammenleben in einem anderen Licht erscheint. Dieser Text beeinflusst mich insofern, als dass ich selbst noch nicht weiss, welche Aufgabe mich nach dem Studium erwartet. Gott, der geniale Erfinder eines jeden Menschen, hat uns allen die Fähigkeit geben, auf ihn zu hören und so unseren Weg zu gehen. Manchmal dauert es eben seine Zeit, bis man es kapiert. Dieser Geist, den Paulus nennt, das ist die treibende Kraft, die Motivation dafür. Er kann helfen, die innere Stimme wahrzunehmen und den Weg zu finden. Mal ehrlich, kennen Sie das nicht auch, dass Sie vor einer Entscheidung stehen und tief in ihrem Herzen längst wissen, was richtig oder falsch ist? Das ist für mich die Wirkung dieses Geistes, vorausgesetzt, man hört zu. Ich will alle Menschen ermutigen, ob alt oder jung, Frau oder Mann, ihre Fähigkeiten für das Evangelium Jesu Christi einzusetzen, egal, wo das ist. Wir alle und damit meine ich auch die Kirche, müssen erkennen, dass es ohne die anderen Menschen nicht geht. Die Verschiedenartigkeit der Glieder bildet einen funktionierenden Körper. Die Verschiedenartigkeit der Menschen bildet eine spannende und sich ergänzende Gesellschaft. Die Kombination ergibt ein sinnvolles Ganzes und das ist es, was Gott will. Seien wir erfinderisch, ohne zu vergessen, Rücksicht zu nehmen!

«Seid still und erkennt, dass ich Gott bin!» Psalm 46,11

Donnerstag, 01. Dezember 2011 / Diese klare und direkte Aufforderung Gottes klingt so einfach. Doch zumindest ich habe damit so meine Probleme. Jeden Tag hetze ich voneinem Termin zum nächsten, und meine To-do-Liste scheint täglich anzuwachsen. Auch die Erwartungen und der Druck steigen ständig. Es zählt nur noch die erbrachte Leistung. In solch einer Leistungsgesellschaft ist keine Zeit mehr für eine Verschnaufspause. Leider übertragen wir diese Erfahrung auch auf Gott und denken, dass er uns nur dann liebt, wenn wir etwas für ihn leisten, wie z.B. beten, Bibel lesen, Lobpreislieder singen, unseren nichtchristlichen Freunden von Jesus erzählen usw. Die Liste ist endlos und kann beliebig erweitert werden. Doch fordert Gott uns genau zum Gegenteil auf. Wir sollen ruhig werden, still sein, nichts tun, auch nichts für Gott tun. Denn wir können nichts tun, um uns seine Liebe zu verdienen.
Er schenkt sie uns einfach, bedingungslos. Um das wieder zu verinnerlichen und in ihr zu leben ist es wichtig, dass wir uns wieder Zeit nehmen zum Ruhigwerden und Stillsein. Ich merke, dass ich mir oft gar keine Zeit nehme, Gott zuzuhören. Ich bin oft viel zu beschäftigt, mein Leben selbst zu meistern und ertappe mich selbst, wie ich der Lüge aufliege, unabhängig und stark sein zu müssen und keine Schwäche zeigen zu dürfen. Dabei hat uns Gott doch durch Jesus Christus wieder in die Gemeinschaft mit ihm gerufen, als wir noch Sünder waren, schwach und fehlerhaft! Alles, was er von uns will ist, dass wir vor ihm still werden, in Wort und Tat, damit er wieder mit seinem schöpferischen Wort in unser Leben sprechen kann. Denn bei ihm darf ich ein kleines Kind sein, das ihn ihm einen grossen Papa im Himmel hat, zu dem ich immer kommen darf, so wie ich bin, ohne etwas zu leisten. In dieser innigen Beziehung mit ihm erkenne ich dann auch, dass nicht ich, sondern er Gott ist, der in Christus am Kreuz schon alles für mich vollbracht hat. Und alles beinhaltet alles. Da darf ich einfach still sein und staunen.

«Tod und Leben stehen in der Macht der Zunge; wer sie liebevoll gebraucht, geniesst ihre Frucht.» Sprüche 18,21

Donnerstag, 24. November 2011 / Wieso gibt es so viel Gewalt auf der Erde? Diese Frage beschäftigt mich immer wieder. Der Blick in die Zeitung, die täglichen Nachrichten machen mir bewusst, dass es sehr viel Gewalt auf der Welt gibt. Dann frage ich mich oft, wie es zu einer gewaltlosen oder wenigstens einer gewaltloseren Welt kommen könnte. Was müsste passieren? Es müsste sich etwas ändern, aber was? Wir müssten dem Positiven mehr Raum geben. Dabei sollten wir das betonen, was durch Liebe, Respekt, Verständnis, Wertschätzung, Mitgefühl und Fürsorge für andere ausgedrückt werden kann. Die negativen Einstellungen wie: Selbstbezogenheit, Selbstsucht, Neid und Vorurteile gegenüber anderen Menschen stehen hier nur im Weg. Wenn wir uns den weitverbreiteten negativen Einstellungen anpassen, da wir Angst haben, mit der Welt nicht «mithalten» zu können, wird sich auf der Welt nichts ändern können. Die Welt ist eben genau das, was wir aus ihr gemacht haben. Demzufolge kann jeder Einzelne etwas dazu beitragen.
Wo sollte/könnte man anfangen? Am besten bei der Sprache! Im Buch der Sprichwörter heisst es «Tod und Leben stehen in der Macht der Zunge; wer sie liebevoll gebraucht, geniesst ihre Frucht.» Dieses Zitat aus der Bibel zeigt, dass Sprache eine grosse Macht hat. Oft sieht man nicht, was wir alles mit der Sprache und der Art, wie wir kommunizieren, anrichten können. Sie kann zerstören, aber auch Frucht bringen. Sie kann eine gute Frucht bringen, wenn wir beim sprachlichen Ausdruck und beim Zuhören darauf achten, dass wir ehrlich und klar sind und gleichzeitig anderen Menschen unsere respektvolle Aufmerksamkeit schenken. Damit können wir die Türen für eine «gewaltfreie Kommunikation» öffnen.

"Gott ist die Liebe, und wer in der Liebe bleibt, bleibt in Gott und Gott bleibt ihm." 1 Joh 4,16

Donnerstag, 17. November 2011 / Lange habe ich überlegt, welchen Bibeltext ich wählen sollte. Verschiedene Texte aus den Evangelien oder den 5 Büchern Moses kamen mir in den Sinn, aber keiner schien richtig gut zu passen. Plötzlich aber erinnerte ich mich … Ich war noch ziemlich klein, vielleicht zwölf, als in der Messe ein Vers aus dem ersten Johannesbrief Gegenstand der Predigt war. Von der Predigt weiss ich heute nicht mehr viel, die Aussage «Gott ist die Liebe» ist mir aber geblieben. Oft werde ich gefragt, was glaubst du eigentlich? Oder was bedeutet dir Gott? Wie stellst du dir diesen Gott vor? Was bedeutet dein Glaube für dein Leben?
Genau auf diese Fragen ist dieser Vers eine perfekte Antwort. Ich glaube an Gott, der die Liebe selbst ist, der in bedingungsloser Liebe Mensch wird und unsere Sünden auf sich nimmt. Dadurch wird Vergebung der Sünden möglich. Bei Gott sind alle Menschen willkommen und finden Trost, Geborgenheit und Vergebung, weil Gott die Liebe selbst ist. Christ und Christin zu sein bedeutet, sich Gott zum Vorbild zu nehmen und danach zu leben. Im Umgang mit den Mitmenschen aber auch mit sich selber zählt stets und in erster Linie die Liebe. Es geht um das Gebot der Nächstenliebe, das nicht primär von Sympathie oder blosser Zuneigung gegenüber dem Nächsten handelt. Es ist viel mehr ein Anstoss, die Herausforderung anzugehen, unsere Mitmenschen und uns selbst mit Stärken und mit Schwächen zu akzeptieren, damit eine Begegnung ohne Vorurteile und mit Toleranz möglich wird. Dieses Wohlwollen gegenüber anderen Menschen und die damit verbundene Bereitschaft zur Vergebung sind für mich essenziell. Der Versuch, die Liebe über den Hass zu stellen, bringt uns oft an unsere menschlichen Grenzen, aber im Vertrauen auf Gott und seine Gegenwart kann ich mich dieser Herausforderung ohne Angst stellen. Ich kann mir sicher sein, dass durch gelebte Nächstenliebe Gottes Liebe erfahrbar wird und mich nichts von Gott trennt, so lange ich in der Liebe bleibe.

«Sieh doch zum Himmel hinauf und zähl die Sterne.» Gen 15,5

Donnerstag, 10. November 2011 / Es war unter strahlendem Nachthimmel, bei ruhiger Stimmung am Stadtrand von Sevilla. Da sagte ein Freundin vor sechs Jahren zu mir: «Schau mal da oben, die vielen Sterne! Wenn es mir nicht gut geht, schaue ich in den Himmel und erinnere mich, dass ich nur ein winziger Teil des Universums bin. Meine Probleme sind dann plötzlich nicht mehr so gross.» Diese Strategie hat mich beeindruckt. Auch heute noch, wenn mein Blick in den Sternenhimmel schweift, denke ich oft an ihre Worte. Natürlich ist es fragwürdig, ob die Grösse des Weltalls dazu beiträgt, persönliche Probleme zu bewältigen. Doch eines ist für mich klar: Der Blick in den Himmel öffnet den Horizont. Ich unterbreche das Kreisen um mich selber, um meine Pflichten und Pläne, und schaue auf.
Ähnlich ergeht es Abraham in der biblischen Geschichte. Die Stimme fordert ihn auf, zum Himmel hinauf zu schauen und die Sterne zu zählen. Sein Blick wird abgelenkt von der eigenen Person, dem Alter, den fehlenden Kindern und hingeführt zur Hoffnung auf Zukunft. So unzählig wie die Sterne werden seine Nachkommen sein. Abraham soll zum Segen für alle werden. Das drückt für mich ein Leben in Fülle aus, einen Reichtum an Erfahrungen und Beziehungen. Es ist nicht das Bibelzitat selber, das mich in den letzten Jahren begleitet hat, sondern die Stimme meiner Freundin. Aber der Vers trifft ihre Aussage und ergänzt meine Erfahrung. Zum nüchternen und lockeren Umgang mit Problemen kommt der hoffnungsvolle Blick auf die Zukunft hinzu. Perspektivenwechsel kann weiterführen.

Es sagt ihr Jesus: Frau, was weinst du? Wen suchst du? Jene meint, dass es der Gärtner ist und, sagt ihm: Herr, wenn du ihn wegtrugst, sprich zu mir, wohin du ihn legtest, und ich werde ihn holen. Es sagte ihr Jesus: Maria! Sich umwendend sagt jene ihm hebräisch: Rabbuni, das heisst Lehrer. Joh 20,15-16

Donnerstag, 03. November 2011 / Mit dieser Bibelstelle habe ich mich einmal während einer Meditation etwas länger auseinandergesetzt und sie begleitet mich seither in unterschiedlichen Lebenskontexten. Mich beeindruckt und berührt die Textstelle, weil Maria in ihrer wohl unbeschreiblich tiefen Erschütterung und Bestürzung über den Tod Jesu und im Schock über das leere Grab nicht einfach stehen gelassen wird – nein, sie wird gar zur ersten Zeugin, dass Jesus Christus lebt. Das johanneische Evangelium schildert, dass zwei Engel wie auch Jesus selbst Maria, die Magdalanerin, direkt ansprechen. Mit den Fragen «Was weinst du?», «Wen suchst du?» wird der Unfassbarkeit jener Geschehnisse, die sie gesehen und erfahren hat, Raum geschaffen.
Es ist eine existenzielle Frage, die auch mich trifft. «Wen (oder was) suche ich in meinem Leben?» Maria sucht den Leichnam ihres Herrn und erkennt Jesus vorerst nicht, obwohl er ihr «Gegenüber » ist. Jesus braucht aber kein einziges aufklärendes Wort, um sie ihn erkennen zu lassen. Er nennt sie einzig in direkter Anrede bei ihrem Namen. So verstehe ich es, dass dieses Von-Gott-Angesprochensein ihre Sinne ihr Herz öffnet, und sie erkennt ihren Lehrer Jesus. Dies ist eine Textstelle, die ich auch für mein eigenes Leben als sinnbildlich erachte. Bei der Suche nach Gott stellen sich mir immer neue Fragen und ich kann in meiner menschlichen Begrenztheit nie zur letzten Gewissheit kommen. Ich hoffe und vertraue aber darauf, dass auch ich erfahren darf, dass Gott mir «gegenüber steht», mich direkt anspricht und mich bei meinem Namen ruft.

«Ich habe Euch ein Beispiel gegeben, damit auch Ihr so handelt, wie ich an Euch gehandelt habe.» Johannes 13,15

Donnerstag, 27. Oktober 2011 / Das Leben Jesu ist für mich sehr spannend, weil er immer anderen Menschen geholfen hat. Ich suchte mir dieses Zitat aus, weil auch ich versuche, wie Jesus zu leben. Es ist möglich, wenn man daran glaubt. Ich helfe Menschen gern, darum ist Sozialarbeiterin mein Traumberuf. Vielleicht orientieren sich nur die Leute, die Schlimmes erlebt haben, am Leben Jesu und denken darüber nach. Ich jedenfalls halte bis heute immer Kontakt zu ihm. Als ich zehn Jahre alt war, ging ich in eine katholischen Schule. Dort hörten wir von Jesus. Es war teilweise langweilig, aber insgesamt empfand ich das als sehr interessant.
Ich machte Katechese und bin heute Kursleiterin. Ich bin glücklich, den Kindern vom wunderbaren Leben Jesu zu erzählen. Im Zitat ist von der Beispielhaftigkeit des Lebens Jesu die Rede. Er möchte, dass wir es auch so machen: wie wir helfen, sprechen und beten sollen. Er ist ein Beispiel Gottes. Jesus hat getan, was Gott von ihm erwartet hat. Jesus zeigt uns auch, wie wir ohne Geld Menschen helfen können. Er hatte auch kein Geld. Das erstaunt mich sehr. Er gibt sich damit zufrieden, wenn wir ihm nacheifern. Und wenn wir ein Problem haben, lässt er uns nie im Stich. Er ist immer für uns da! Helfen ist ein grosses Wort, und viele Leute haben Angst davor.
Ich bin jetzt 17 Jahre alt und ich helfe viel, beispielsweise in der Kirche. Ich gehe jeden Sonntagmorgen in die Kirche. Ich könnte im Bett bleiben, ich verdiene nichts dabei. Ich mache es aber trotzdem gern. Viele Leute helfen anderen Menschen, wollen aber mit dieser Arbeit Geld verdienen. Ich finde das schade, weil Jesus das nicht will. Auch eine Person mit wenig Geld kann anderen Menschen helfen. Das heisst, dass wir allen helfen sollen und nicht diskriminieren, nicht rassistisch sein. Lassen Sie es uns wie Jesus machen, einander helfen und lieben, damit das Leben besser weitergeht.

Alle Menschen hatten die gleiche Sprache und gebrauchten die gleichen Worte. Genesis 11,

Donnerstag, 20. Oktober 2011 / Ich reise leidenschaftlich gern. Finde unterschiedliche Kulturen und Sprachen enorm spannend und erlebe immer wieder ein Hinterfragen eigener Gewohnheiten und Lebensvorstellungen durch die Begegnung mit Menschen aus anderen Ländern. Faszinierend ist für mich zu sehen, wie viel ich verstehen kann, ohne die Sprache zu sprechen und im Vergleich dazu, wie wenig ich oft verstehe, obwohl ich mich in meiner Muttersprache verständige.
So habe ich in einem Praktikum in Kenia mit einer Frauengemeinschaft zusammengearbeitet, die Grossteils nur Kamba, einen lokalen Dialekt, gesprochen hat. Es war trotzdem möglich, gemeinsam ein Projekt zu verwirklichen. Neben dem Übersetzen wurden für mich die Atmosphäre, die Stimmlage, der Redefluss usw. wichtig und bedeutend.
Im Turmbau zu Babel geht es nach meiner Interpretation auch um Kommunikation. Einleitend wird vom Gebrauch gleicher Sprache und gleicher Worte geschrieben, jedoch wird im Laufe der Erzählung die Sprache verwirrt. Für mich ist diese Bibelstelle faszinierend, wirft gleichzeitig aber auch einige Fragen auf: Wie findet eine gute Kommunikation statt? Braucht es «gleiche » Wörter dazu? Die Sprachvereinheitlichung stelle ich mir wie das binäre Zahlensystem der Computersprache vor. «0» und «1» funktionieren zum Befehleingeben, doch jegliche zwischenmenschliche Komponente ist nicht mehr kommunizierbar.
Beeindruckend finde ich, dass diese Vereinheitlichung in dieser Bibelstelle jedoch nicht akzeptiert wird und somit das Menschliche bewahrt bleibt. Es geht wieder zurück zu der Vielfalt, dem oft sehr schwierigen Zwischenmenschlichen. Dem schwer zu interpretierenden Unterton, der Tonlage – dem versteckten Eisberg der Kommunikation. So schwierig es auch manchmal sein mag, mir macht diese Bibelstelle Mut zum Zuhören und neugierig Sein auf die Vielfalt der Kommunikation.

Da sagte der Herr zu Abraham: «Verlass deine Heimat, deine Sippe und die Familie deines Vaters und zieh in das Land, das ich dir zeigen werde!» Gen 12,1

Donnerstag, 06. Oktober 2011 / Für mich gibt es verschiedene, immer wieder neue Lieblingsstellen der Bibel. Sie sind weniger philosophische Anregungen, sondern meine spirituelle Quelle und Inspiration, die im richtigen Moment zu mir sprechen. Meine Lieblingsstelle Gen 12 ist aktuell und persönlich zugleich: Seit ein paar Wochen lebe ich studienhalber in Jerusalem und es ist ein spannendes, aber auch intensives Leben mit vielen Herausforderungen: Der Hebräischkurs ist extrem kopflastig, durch die Gesellschaft muss man sich mehr durchboxen als bei uns, Vertrautes vermisse ich manchmal.
Für dieses akademische und spirituelle Weiterbildungsjahr habe ich in meinem Schweizer Leben einiges verändern müssen: Job, Karriere, Beziehungen. Ein hoher Preis. Ein zu hoher? Manchmal scheint es so, manchmal überhaupt nicht. Gemäss der Kabbala – so habe ich hier gelernt – ist jeder Geburtstag des Jahres einer bestimmten Stelle der Thora zugeordnet. Quasi eines jeden persönliche Bibelstelle. Meine (7. November) ist nun eben Gen 12 bis 17 und ich lese darin: Hör auf deine innere Stimme, dein Gefühl, lass dich vom Grundvertrauen leiten und wage es, deine angestammten Verhältnisse, deine Beziehungen und vermeintlichen Wahrheiten zu verlassen, wenn du dich auf deinen Weg machen willst. Dann werde ich dich leiten. Worte des Vertrauens, wenn Zweifel kommen und Ängste da sind.
Wir wählen jedes Mal, ob wir vorangehen oder zögern und zurückbleiben wollen. Folge ich meinem Ruf und gehe ins Unbekannte, lasse los oder bleibe ich in Sicherheit, tue neue Wege als Spinnerei ab? Wenn ich entschieden habe, kann ich im Vertrauen gehen. Darin fühle ich Gott. Nun bin ich ins selbe Land gezogen wie Abraham. Ob ich soviele Nachkommen wie er haben werde, mag bezweifelt werden. Aber die Belohnung ist ein anderer Reichtum: Wenn wir es wagen, uns auf unseren eigenen Weg zu machen und darauf achten, was wir erhalten können, statt nur, was wir zu verlieren fürchten, dann findet uns das Glück. Trauen wir uns zu, Väter und Mütter von was ganz Grossem zu werden!

Du stellst meine Füsse auf weiten Raum. Psalm 31,9b

Donnerstag, 22. September 2011 / Der Freudenruf scheint in diesem Psalm auf den ersten Blick überraschend. Mitten in Krankheit und Bedrängnis erfolgt plötzlich dieser Ausdruck von Freude und Dankbarkeit. Mitten in der Not beginnt das Gotteslob im Vertrauen darauf, dass Gott hilft. Er stellt unsere Füsse auf weiten Raum. Dieser Vers aus dem 31. Psalm wurde mir an meiner Ordination auf meinen weiteren Lebensweg, auf die Entdeckungsreise durch den weiten Raum, mitgegeben; ausgewählt wurde er von meinem Ausbildungspfarrer.
Gott stellt meine Füsse auf weiten Raum; er gibt mir die Möglichkeit, mein Leben zu gestalten, mich auszuleben, mich in alle denkbaren Richtungen zu bewegen. In meinen Augen ist dies ein ermutigender Satz. Uns Menschen wird so die Chance gegeben, immer wieder neue Wege zu gehen; Gott gibt uns den Raum, den wir brauchen, auch wenn die Lage, wie für den Beter des Psalms, manchmal nicht so rosig aussieht. Ich stehe auf meinen eigenen Füssen; es gibt einen Platz, an den ich hingestellt bin. Dieser Ort, der mir gegeben ist, kann der Ausgangspunkt sein, von dem aus ich den Raum meines Lebens entdecken kann.
Wir Menschen erhalten die Weite um uns entfalten zu können und Verantwortung zu übernehmen. Verantwortung dafür, dass auch andere ihren Raum, ihre Möglichkeiten, entdecken können; dass wir anderen ihren Raum lassen können. Gott traut es den Menschen zu, ja er ermutigt sie dazu, eigene Wege durch die weiten Räume zu finden. Ich kann selbst über die Richtung bestimmen, in die es gehen soll, denn Gott stellt meine Füsse auf weiten Raum.

Und wenn ich prophetisch reden könnte / und alle Geheimnisse wüsste / und alle Erkenntnis hätte; / wenn ich alle Glaubenskraft besässe / und Berge damit versetzen könnte, / hätte aber die Liebe nicht, / wäre ich nichts. (...) Die Liebe hört niemals auf. 1 Kor 13,2 und 13,8

Donnerstag, 15. September 2011 / «Wenn ich (…) alle Erkenntnis hätte, (…) hätte aber die Liebe nicht, wäre ich nichts» ist ein Satz, der in unsere heutige Zeit nicht zu passen scheint. Es ist wichtig und kennzeichnend für unsere Kultur, dass die Menschen gebildet sind und Bildung erhalten. Ebenso sind Leistungsdruck, Können und harte Arbeit Merkmale unserer Gesellschaft. Schliesslich soll sich unsere Gesellschaft ja weiterentwickeln.
Die Liebe aber, die pausenlos vorhanden ist, wird im Alltag meistens übersehen. Ist es da erstaunlich, dass immer mehr Leute Burn- Out-Symptome aufweisen? Natürlich sind all diese Merkmale wichtig. Aber Paulus stellt sich eine viel bedeutendere Frage, indem er nach dem Fundament und dem Ursprung von allem anderem fragt. Als Antwort nennt er nicht Sprache, Wissen, Solidarität, Glaube oder Selbstlosigkeit, sondern ganz einfach: Liebe! Alles entspringt aus der Liebe. Ohne die Liebe hat alles andere keinen Sinn. Ohne Liebe gäbe es keine Gesellschaft, keine Solidarität, keinen Glauben und keine Hoffnung.
Abgesehen von dieser tiefgründigen Weisheit des 13. Kapitels des 1. Korintherbriefes, welche in der heutigen Zeit in politischen Fragen oder interreligiösen Fragen auch häufig übersehen zu werden scheint, wirft der Text viele weitere Themen auf. Was ist gut und böse? Wie war ich, als ich ein Kind war? Was ist Wahrheit? Wie verhalten sich Glaube, Hoffnung und Liebe zu einander? Dieser Text wurde vor nicht ganz 2000 Jahren geschrieben, ist dennoch so aktuell wie nie zuvor, betrifft jeden Menschen (ob er nun gläubig ist oder nicht), wirft viele interessante Fragen auf und berührt auch heute noch das Herz, welches ja das Symbol der Liebe ist, von der Paulus spricht. Deshalb ist der Text wahnsinnig lohnenswert zu lesen.
Falls Sie neugierig geworden sind, welche Antworten der Text auf die Frage nach der Liebe liefert und welche Fragen er in Ihnen aufwirft, lesen Sie ihn doch selbst. Lassen Sie sich von ihm inspirieren.

"Verwurzelt in Christus und gegründet auf ihm, fest im Glauben" (vgl. Kol 2,7)

Donnerstag, 08. September 2011 / Unter diesem Motto hat vom 16. bis 21. August der Weltjugendtag in Madrid stattgefunden. Diese Bibelstelle ist meines Erachtens in der heutigen Zeit besonders aktuell, denn viele Menschen wissen angesichts der vielfältigen Möglichkeiten nicht mehr, woran sie sich in ihrem Leben wirklich festhalten können und was ihnen nachhaltige Orientierung und Sinn gibt.
Zahlreiche Menschen haben ihre Wurzeln verloren. Es ist deshalb gut, nach den eigenen Wurzeln zu fragen und diesen eingehend auf den Grund zu gehen. Es sind gerade die Schwierigkeiten und freudigen Momente meines Lebens, welche mich immer wieder danach haben fragen lassen.
Im Verlauf meines Lebens habe ich immer mehr gespürt, dass ich mich in Christus verwurzeln und auf ihm gründen muss, wenn ich mich nicht auf Wegen verlieren will, die Leere und Enttäuschung hinterlassen. In meinem Alltagsleben trägt gerade das Gebet dazu bei, dass die Wurzeln meines Glaubens weiter wachsen und mich immer stärker in Christus verankern. Die Wurzel Christi schenkt mir neue Lebenskraft.
So kann man den Glauben mit einem Apfelbaum vergleichen, welcher gepflegt werden will, wenn er wachsen und Frucht bringen will. Das heisst für mich vor allem: Es ist wichtig, einen regelmässigen Kontakt zu Jesus Christus zu haben. Das Gebet ist dabei wie der Schein der Sonne oder wie der Regen, der einen Apfelbaum wachsen und reifen lässt. Ein Baum, welcher tief in der Erde wurzelt, hat festen Halt, auch wenn ihm Stürme bedrohlich werden. Für mich steht fest, dass mir der in Christus verwurzelte Glaube den nötigen Halt gibt, die Herausforderungen meines Lebens zu meistern. Dankbar bin ich für das Geschenk des Glaubens.

«Kein Reichtum geht über den Reichtum gesunder Glieder, kein Gut über die Freude des Herzens.» Jesus Sirach 30,16

Donnerstag, 01. September 2011 / In der heutigen Zeit erhält man auf den ersten Blick den Eindruck, dass Glück und Erfolg vor allem von Reichtum und Geld abhängen. Wenn man reich ist, kann man sich leisten, was man sich wünscht und sich all seine Träume erfüllen. Ausserdem ist Reichtum oft mit Macht, Einfluss und hilfreichen Beziehungen verbunden, wodurch Ziele und Wünsche noch schneller verwirklicht werden können. Aber ist Reichtum wirklich der Schlüssel zum Glück? Was nützt all das Geld, wenn man an einer unheilbaren Krankheit leidet? Man kann sich zwar die besten Ärzte leisten, aber die Gesundheit ist meistens unwiederbringlich verloren.
Herzenswünsche und Träume muss man loslassen, weil man sie trotz Geld nicht mehr verwirklichen kann. Welchen Wert hat Reichtum noch, wenn man einen schweren Verlust erleidet, unglücklich oder einsam ist? In solchen Situationen erscheint aller Reichtum plötzlich nicht mehr so wertvoll und erstrebenswert. Es sind dann die «kleinen Dinge », wie Freundschaften, Zufriedenheit und Gesundheit, die das Leben lebenswert und glücklich machen. Sehr oft sind diese für uns heute so selbstverständlich, dass wir sie erst dann richtig schätzen lernen, wenn wir sie bereits verloren haben. Obwohl ein glücklicher Augenblick, ein treuer Freund oder ein gesunder Tag nichts kostet, sind es gerade diese immateriellen Dinge, die am Schluss am wertvollsten sind.
Ich habe dieses Zitat ausgewählt, weil es mir bewusst macht, wie sehr wir unsere Gesundheit schätzen und pflegen müssen und weil es mich daran erinnert, dass wir jeden schönen Moment im Leben geniessen sollten, denn Reichtum allein macht nicht glücklich. Es gibt Dinge, die man sich auch mit noch so viel Geld nicht kaufen kann – Dinge, die auch arme Menschen reich und glücklich machen können.

«Ich lasse dich nicht fallen und verlasse dich nicht.» Josua 1,5b

Donnerstag, 25. August 2011 / Diesen Satz sagt Gott zu Josua, der nach dem Tod Mose zu dessen Nachfolger wird. Ihm steht eine schwierige Aufgabe bevor – doch Gott hält zu ihm und unterstützt ihn. Diese Bibelstelle gibt mir Halt, Hoffnung und Zuversicht. Gott wird auch mich nicht fallen lassen und mich nie verlassen, egal wohin ich auch gehe, was ich auch mache. Er hält zu mir in jeder Situation. Diese Sicherheit gibt mir Kraft in Zeiten des Aufbruchs, der Veränderung und des Neuanfangs.
Ich kann gewiss sein, eines wird sich nicht ändern, denn Gott bleibt bei mir, er hält zu mir und stärkt mich, er verlässt mich nicht. Ich kann mutig neue Schritte wagen, eine neue Stadt erkunden, eine herausfordernde Stelle annehmen, mich auf Reisen machen. Wie wichtig es ist, andere nicht fallen zu lassen, spüre ich gerade selber sehr deutlich, wenn ich mein kleines Patenkind auf den Armen trage. Sie benötigt den Schutz und Halt meiner Arme. Ein Kind fallen zu lassen – undenkbar! Diesen Schutz spür ich durch Gottes Halt und möchte ihn weitergeben.
Ob ich das wirklich immer und überall im Alltag schaffe, weiss ich nicht. Zumeist gelingt es mir und wenn ich es spüren kann, macht es mich sehr glücklich. Zum Beispiel wenn der Kontakt zu einer alten Freundin nach langem Schweigen wieder aufblüht und wir uns verstehen, als hätte man sich gestern erst getroffen. Dann weiss ich, niemand von uns beiden lässt diese Freundschaft fallen. Jemanden fallen zu lassen bedeutet für mich auch, ihn im Stich zu lassen, ihn zu verraten oder nicht zu beachten. Ich wünsche mir, dass wir alle mit der Zuversicht durchs Leben gehen, die uns Gott mit seiner Aussage schenkt. Er lässt uns nie fallen und begleitet uns immer und überall hin. Diese Zuversicht könnte noch mehr wachsen, wenn auch wir uns untereinander stützen und begleiten.

„Sorgt euch nicht….“ Mt 6,25-35

Donnerstag, 11. August 2011 / Kommende Prüfungen, fällige Rechnungen, ausstehende Stipendienentscheide, die Steuererklärung und eine ganz ungewisse Zukunft vermischen sich mit schrottreifen Atomreaktoren, ölverklebten Vögeln und verhungernden Kindern zu einer vernichtenden Brühe. Zähflüssig wälzt sie sich in meinem Kopf und reisst jeden klaren Gedanken mit sich in verschlingende Finsternis. Das Gegenteil zu dieser lähmenden Sorgensuppe ist ein Satz: «Sorgt euch nicht.» Nicht um euer Leben, nicht um die Nahrung, die Kleidung, nicht um den morgigen Tag. Ein Satz, leicht wie die Vögel des Himmels und luftig- zart wie Blumen auf einer Frühsommerwiese.
«Sorgt euch nicht» ist die Einladung Gottes, ganz auf ihn zu vertrauen – im Kleinen wie im Grossen. Es ist Einladung zu einem Vertrauen, neben dem Sorge und Angst keinen Platz mehr haben. Tor zu einem Leben, in dem ich nicht mehr muss, sondern darf, weil Gott weiss, was ich brauche. Vernünftige Stimmen erwidern jetzt: wie naiv, wie verantwortungslos! Welch unerträgliche Unsicherheit! Und überhaupt, schau dich doch um: Wo du hinblickst herrschen Ungerechtigkeit, Ignoranz, Gier, Zerstörung und Chaos.
Gerade deswegen versuche ich, Gottes Einladung immer wieder anzunehmen. Gerade weil diese Welt ist, wie sie ist, weigere ich mich, mich von Sorgen lähmen und von Angst treiben zu lassen. Das würde bedeuten, aufzugeben. Ich will aus der Fülle des Lebens schöpfen und in Dankbarkeit alles, was ich habe und kann, wieder in diese Fülle hinein zurückgeben. Will meine Energie nicht dort verschwenden, wo sie in unüberblickbarer Weite und Ferne versandet, sondern mich hier und jetzt einsetzen, wo ich etwas bewirken kann. «Sorgt euch nicht» bringt den Strudel der Nacht zum Stillstand. Die Gedanken um alles, was ich nicht sofort ändern kann, verstummen. «Sorgt euch nicht» wird zu einem weichen Kissen, auf dem ich ruhig schlafe. Dann kommt ein neuer Morgen und ich mache mich ausgeruht und gelassen auf in den Tag, der für sich selber sorgt.

"Den Himmel und die Erde rufe ich heute als Zeugen gegen euch an. Leben und Tod lege ich dir vor, Segen und Fluch. Wähle also das Leben, damit du lebst, du und deine Nachkommen. Liebe den Herrn, deinen Gott, hör auf seine Stimme, und halte dich an ihm fest; denn er ist dein Leben." Dtn 30, 19–20a

Donnerstag, 28. Juli 2011 / In den letzten zwei Jahren ist für mich das Thema Leben im Gegensatz zum Tod wichtig geworden. Beide Begriffe beziehen sich für mich nicht nur auf die körperliche Ebene, sondern schliessen die Seele und den Geist mit ein. Ob ich am Ende eines Tages sagen kann: "Ich habe gelebt, ich habe am Leben teilgenommen", hängt von einigen Faktoren ab, nicht zuletzt von meiner Einstellung. Die zitierte Bibelstelle bringt für mich genau das zum Ausdruck: Gott lässt mir die Wahl zwischen Leben und Tod. In dem "Wähle" höre ich die Liebe und Sorge desjenigen, der mich geschaffen hat und mein Bestes will. Es ist eine Aufforderung, die mir die Freiheit lässt, mich zu entscheiden. Ob die Lebendigkeit das vorherrschende Prinzip meines Lebens wird, hängt auch von meiner Gottesbeziehung ab. Vor allem das "und halte dich an ihm fest" beeindruckt mich an dieser Stelle. Gott zu lieben und auf ihn zu hören, das klingt bekannt und überrascht uns nicht mehr (und wäre deshalb wert, wieder einmal neu in seiner Bedeutung entdeckt zu werden). Mich an Gott festhalten – das fällt nicht immer leicht, das hat mit dem Vertrauen zu tun, dass Gott wirklich alles Leben sorgsam in seinen Händen hält und auch in meinem Leben wirkt. Es hat auch mit dem Verzicht zu tun, alles selber machen zu wollen und mit dem Annehmen meiner eigenen Grenzen. Solange ich meine, selbst handeln zu können, mein Leben im Griff zu haben, solange halte ich mich nicht wirklich an jemand anderem fest. Und doch erfahre ich es als befreiend, wenn ich Gott den Anker in meinem Leben sein lasse, wenn ich alles, was mir widerfährt, in Bezug zu Gott bringen kann. Die schweren, hoffnungslosen und angstvollen Momente bekommen einen anderen Charakter, sie sind nicht mehr absolut, sondern relativ auf Gott hin. Sie verschwinden dadurch nicht einfach, sie wollen trotzdem durchlebt werden, aber eben nicht einfach nur durchstanden. In ihnen scheint schon etwas von dem Licht der Auferstehung durch, "denn er ist mein Leben".

Fürchte dich nicht, denn ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein. Jes 43,1

Donnerstag, 14. Juli 2011 / Zum ersten Mal habe ich diesen Bibelvers bei einer Tauffeier gehört. Selten hat mich ein Bibelvers so zum Nachdenken angeregt.
Für mich drückt dieser Bibelvers, wie kaum ein anderer, die enge Beziehung zwischen Gott und Mensch aus. Gott ruft mich bei meinem Namen und somit trete ich aus der Anonymität heraus. Mein Name gibt mir meine Identität, ich bin nicht nur ein Mensch unter vielen, sondern eine eigenständige Person, mit einem Namen, einer Geschichte, Schwächen und Stärken. Nimmt man mir meinen Namen, verliere ich meine Identität, verschwinde in der Menge und werde zu einem Menschen unter vielen. Meine Identität wird aufgelöst, ich und meine Geschichte geraten in Vergessenheit.
«Denn ich habe dich bei deinem Namen gerufen» ist ein ganz persönlicher Zuspruch. Ich bin nie allein und werde von Gott nicht vergessen. Er ruft mich, kommt auf mich zu, auch dann, wenn ich mich fürchte, mich auf meinem Lebensweg verloren und von Gott abgewandt habe. Ich bin angenommen und geliebt als Mensch, ich bin sein. Zum Leben eines jeden Menschen gehört auch das Leid. Für mich bedeutet dieser Vers das JA Gottes zum Menschen mit all seinen Schwächen, Ängsten und Zweifeln. In diesem JA zum Menschen, in diesem Angenommensein und dem persönlichen Zuspruch von Gott zeigt sich die Liebe Gottes.
Lieben heisst, sich hinzugeben, zu vertrauen, den Anderen zu nehmen, wie er ist. Auch wenn wir die Liebe Gottes nur für ganz kurze Augenblicke spüren, ist es für mich unglaublich befreiend und tröstend zu wissen, dass ich angenommen bin, als ganzer Mensch mit meinen Schwächen, Ängsten und Zweifeln.

Was meint ihr? Wenn jemand hundert Schafe hat und eines von ihnen sich verirrt, lässt er dann nicht die neunundneunzig auf den Bergen zurück und sucht das verirrte? Und wenn er es findet – amen, ich sage euch: er freut sich über dieses eine mehr als über die neunundneunzig, die sich nicht verirrt haben. So will auch euer himmlischer Vater nicht, dass eines von diesen Kleinen verlorengeht. Mt 18, 12–14

Donnerstag, 30. Juni 2011 / Der gesuchte Text
Einen Artikel über eine Bibelstelle schreiben, das ist schwierig, denke ich, ich kenne die Bibel gar nicht gut. Und dann finde ich, es ist doch leicht, weil ich mich an Texte erinnere, die mir gefallen. Als ich diese aber in der Bibel suchen will, zeigt sich: Sie stammen überhaupt nicht von da her.
Ein Text ist das Gedicht "Deine Kinder sind nicht deine Kinder" von Khalil Gibran. Ein zweiter ist die Geschichte von den Senfkörnern, die die traurige Mutter eines toten Kindes in den Häusern sammeln sollte, in denen noch nie jemand gestorben war, damit – nicht Jesus – sondern der Buddha, ihr Kind wieder zum Leben erwecken könne. Ach so. Und zu dumm – was machte mich nur glauben, dass diese Worte aus der Bibel wären?
Und dann finde ich es doch gut, dass ich sie da hineingedacht habe. Jetzt muss ich aber doch einen richtigen Bibeltext heraussuchen, also schlage ich das Buch auf um die richtigen Worte zu finden. Klein und verschlossen stehen die Buchstaben. Ich bin beunruhigt, ob mich etwas ansprechen wird.
Der gefundene Text
Aber dann finde ich bei Matthäus: Ein verlorenes Schaf. Das Schaf ist ein Kleines, ein Kind, ein Mensch, ein Geschöpf und wieder ein Schaf. Ist es aus Eigenwille verloren gegangen oder aus Selbstvergessenheit? Aus Intelligenz oder Dummheit? Aus Initiative oder aus Faulheit? Ist es fortgegangen oder zurückgeblieben? Egal. Ich liebe dieses Schaf sofort und schäme mich dann aber, weil das irgendwie so unfair ist den anderen Schafen gegenüber. Doch bestimmt geht jedes von denen einmal verloren? Und dann kriegt es einfach besonders viel Liebe. Jesus‘ Rede ist schafwollig weich, lebendig warm, göttlich menschlich und einfach herzig. Und was meint ihr?

"Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die euch erfüllt." 1 Petr 3,15

Donnerstag, 23. Juni 2011 / Etwa um das Jahr 90 nach Christus wurde dieser Vers aus dem ersten Petrusbrief an die Gemeinden in Kleinasien geschickt. Mehr als 1900 Jahre später und auf eine moderne Art und Weise wurde dieser Vers auch mir zugeschickt: Ich erhielt den Vers als SMS im Rahmen einer Fastenaktion im Jahr 2003.
Sicherlich hatte ich den Vers schon vorher einmal gelesen oder gehört, doch damals nahm ich ihn bewusst war und er liess mich nicht mehr los. Zum einen wurde er zu einem wichtigen Begleiter im Theologiestudium und bei meiner Entscheidung als Pastoralassistent zu arbeiten. Zum anderen motivierte und motiviert mich der Vers dazu, in unzähligen Alltagsgesprächen über meinen Glauben zu sprechen. Gerade als Theologe ist man oft eine Art "Exot" und wird schnell auf den Glauben und die Kirche angesprochen. Häufig kommt es dann zu interessanten und tiefen Gesprächen über den Glauben.
In diesen Gesprächen geht es oft um ganz persönliche Fragen wie etwa "Warum glaube ich?" oder "Was glaube ich?".
Der erste Petrusbrief wurde in einer Zeit geschrieben, in der Christsein nicht dem Mainstream entsprach und Christen wegen ihres Glaubens auch angegriffen wurden. Trotz dieser schwierigen Umstände ruft der Verfasser dazu auf, von der Hoffnung zu sprechen, die die Christen erfüllt. Glücklicherweise haben sich für uns – zumindest in diesem Teil der Welt – die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen geändert. Als Christinnen und Christen sind wir keinen Verfolgungen mehr ausgesetzt. Deshalb müsste es uns doch umso leichter fallen, über unseren Glauben und die damit verbundene Hoffnung zu sprechen. Ich bin sicher, es gibt unzählige Möglichkeiten in unserem Alltag, in denen wir – ganz einfach und individuell – von unserem Glauben erzählen können. Alltagssituationen, in denen wir anderen mitteilen können, welche Hoffnung uns der Glaube an Jesus Christus gibt.
Also, bringen wir unseren "Glauben ins Spiel" und seien wir "stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt", die uns erfüllt!

"[...] sie sucht nicht das Ihre." 1 Kor. 13,4

Mittwoch, 15. Juni 2011 / Ich schreibe gerne Gedichte, denn sie helfen mir im Alltag zwischen Empfindung und Geist zu vermitteln: einen miesen Tag verarbeiten, Trauer, Wut, Sehnsucht ausdrücken und erstere zwei in Richtung Atmosphäre weisen ..., solche Dinge. Heute habe ich ein Gedicht über persönliche Grenzen geschrieben. Manchmal fühlt es sich so richtig gut an, mit einem Gedicht fertig geworden zu sein, denn es kann bei mir ein Bewusstsein hervorrufen, etwas ungeheuer Originelles geschaffen zu haben.
So auch heute, ... zumindest vorläufig. Vorhin nämlich, als ich mir dessen sicher geworden bin, welche Bibelstelle ich dem Pfarrblatt schicken soll, da ist es eben passiert: Bewusstsein "Siehe oben" war verschwunden, und zwar weil der Apostel Paulus alles schon gesagt hat ... so à la: Wär heds erfunde? Obwohl dies etwas merkwürdig sein mag, möchte ich jetzt das eigene Gedicht interpretieren, und zwar damit man meine unbewussten intertextuellen Bezüge verstehen kann.
Der Text könnte suggerieren, dass wir Menschen im Geist und im Raum Gitter oder Mauern aufbauen, damit unsere persönliche Welt überschaubar und sicher bleibt. Er legt nahe, dass sich die Fläche, die von Grenzen eingeschlossen ist, ständig verändert. Und jetzt kommt eben die Liebe ins Spiel: Ist sie ausfüllend, dann könnte sich die Fläche weiten und der Protagonist wagt einen Ausflug oder eine Reise jenseits ... Ist sie verkümmert, dann wird die Fläche klein, der Protagonist verbringt seine Zeit vornehmlich damit, sich um die Mauern zu kümmern. Der Apostel Paulus hat in seinem Korintherbrief die Liebe wunderbar in Worte gekleidet. Lese ich seine christliche Philosophie mit der Frage nach Liebe und Grenzen auf den Lippen, dann steht bei Paulus kurz und prägnant: "[...] sie sucht nicht das Ihre." Es war dies, was ich ausdrücken wollte. So einfach ist es. Nun ja, besonders originell war ich nicht, kreativ hoffentlich schon. Zudem habe ich auch noch den mir so wichtigen Text auslegen können.

"Versag dir nicht das Glück des heutigen Tages; / an der Lust, die dir zusteht, geh nicht vorbei!" Jesus Sirach, 14.14

Donnerstag, 09. Juni 2011 / Ich habe noch nicht allzu oft in der Bibel geblättert. Als ich es tat, bin ich bei Weisheiten und Sprichwörtern des Alten Testaments hängen geblieben. Besonders angetan hat es mir dieser Satz. Aussagekräftig und einfach erscheint er mir – vielleicht ZU einfach, könnten kritische Stimmen fragen? Ich finde nicht. Viel Kraft steckt in diesen Worten, eine Wahrheit, die meines Erachtens aus dem vollen Leben schöpft. Auch das ist die Bibel, auch das ist Glaube – ein Glaube an das Gute im Leben, an die eigene Kraft, an das Unvorstellbare – an einen Gott? Ein Glaube, der immer wieder hoffen lässt.
Aber was ist Glück? Wann gilt man als "glücklich"? Sind manche Menschen glücklicher als andere und wenn ja, woran liegt das? Fragen über Fragen und doch scheint mir die Botschaft dieser Bibelstelle klar und deutlich. Das Glück – wenn man es sehen will – ist allgegenwärtig. Es steckt in der Pracht der Natur, im freundschaftlichen Lächeln der Mitmenschen, in uns selbst. Auch traurige Momente gehören zum Glück – sie bringen Liebe, tiefe Verbundenheit und Freundschaft mit sich. Sie lassen uns unsere eigene Stärke spüren.
Dieses Glück bewusst wahrzunehmen, einzutauchen in die Kraft des Lebens und dankbar zu sein, das ist unsere Aufgabe. Es ist da, jeden Tag von Neuem. Es zu sehen, es zu leben – das hingegen liegt in unserer eigenen Verantwortung. Gehen wir nicht vorbei, atmen wir ein, das Glück, das uns zusteht. Geben wir der Lust des Lebens immer wieder bewusst nach – der Lust zu lachen, zu weinen, glücklich zu sein. Es steht uns zu.

"Herr, gib du Acht auf mich!" Jeremia 18,1

Mittwoch, 01. Juni 2011 / Für diesen Artikel grüble ich in meinem Reiseportemonnaie nach einem Bibelvers, den mir meine Mutter im Jahre 2004 geschenkt hat – "für all deine Reisen", wie sie präzisierte. Seither ist der Bibelvers (gedruckt auf einem kleinen Kärtchen) mein stetiger Begleiter und gab bisher an allen Ecken und Enden Europas (gut gepolstert zwischen fremder Währung, Zugtickets und Umrechnungstabellen) Acht auf mich. 2004 – als mir meine Mutter den Vers schenkte – wurde ich gefirmt. Als Erstes kam der Bibelvers wohl also auf die Firmreise mit – nach Assisi. Obschon ich mich damals sehr auf diese Reise gefreut hatte, war mir der Firmweg ansonsten ziemlich egal.
Ich habe es wohl meiner damaligen besten Freundin zu verdanken, dass ich überhaupt gefirmt bin. Sie leistete nämlich die nötige Überzeugungsarbeit, weil sie unbedingt mit mir nach Assisi reisen wollte. Und diese Reise nach Assisi über Auffahrt 2004 – die löste etwas in mir aus. Etwas, das ich nicht wirklich beschreiben kann. Damals wusste ich vor allem: Hierhin will ich wieder. Diesen Gedanken habe ich verwirklicht – und zwar jedes Jahr an Auffahrt (mit einer einzigen Ausnahme). Allerdings als Firmbegleiterin. Ich, die mich ursprünglich gar nicht für den Firmweg hatte anmelden wollen. Sogar meine Freunde wissen, dass sie an Auffahrt weder ihr Kind taufen noch heiraten sollten, es sei denn, sie wünschten, ich wäre abwesend. Dabei hat Jeremia 18, 19 für mich eine zentrale Rolle gespielt. Gott hat auf mich Acht gegeben und in mir den Wunsch geweckt, in diese faszinierende Stadt zurückzukehren. Durch mein Engagement als Firmbegleiterin wurden mir nicht nur weitere Assisi-Reisen ermöglicht. Ich lernte vor allem viele spannende Menschen jeglichen Alters kennen und schätzen. Und – ich setzte mich immer wieder mit mir selber, meinem Glauben und meinem Nicht-Glauben und mit meiner Biografie auseinander.
Danke, Gott, dass du auf mich Acht gegeben hast.

"Der Sabbat ist für den Menschen da, nicht der Mensch für den Sabbat" Mk 2,27

Donnerstag, 26. Mai 2011 / Es begab sich, dass Jesus von den Schriftgelehrten zur Rechenschaft gezogen wurde, weil seine Jünger an einem Sabbat Ähren pflückten und die Weizenkörner assen. Dabei störten sich die Gelehrten nicht am Mundraub, sondern daran, dass dieser an einem Sabbat geschah. An einem Sabbat, an dem an nichts Hand angelegt werden durfte. Jesus entgegnete ihnen, dass der Sabbat für den Menschen da sei und nicht umgekehrt. In meinen Augen ist dies ein klares Bekenntnis gegen Gesetze, welche um ihrer selbst willen da sind. Ein Bekenntnis gegen Gesetze, welche solange tradierte wurden, bis sie zu Dogmen gerannen. Es handelt sich hierbei um ein grundsätzliches Prinzip, das bei Auslegungsfragen immer angewendet werden sollte: Dient ein Gesetz dem Menschen, oder dient der Mensch dem Gesetz? Es geht darum Gesetze historisch-kritisch zu betrachten und diese nicht wortwörtlich, sondern im jeweiligen Kontext auszulegen.
Der Mensch soll dabei im Mittelpunkt stehen und es geht nicht an, die Verantwortung für das eigene Handeln auf das geschriebene Wort abzuschieben. Ich verstehe diese Bibelstelle als Aufforderung Verantwortung zu übernehmen und damit als Anleitung zur Freiheit. Denn auch heute gibt es sie, die "Ährenpflücker" und "Schriftgelehrten". Warum dürfen zum Beispiel Frauen nicht Priester werden oder Priester nicht heiraten? Wie beurteilt sich die päpstliche Unfehlbarkeit vor diesem Hintergrund? Was sagt uns diese Bibelstelle zum strikten Abtreibungsverbot oder zum Verbot der Empfängnisverhütung? Fragen über Fragen, ich berufe mich daher gerne auf den englischen Schriftsteller Gilbert Chesterton, welcher Gesetze mit Laternenpfählen verglich: "Laternenpfähle sind dazu da, dass sie den Weg beleuchten – nur Betrunkene halten sich daran fest."

Darauf verliess er sie und ging in ihre Synagoge. Dort sass ein Mann, dessen Hand verdorrt war. Sie fragten ihn: Ist es am Sabbat erlaubt zu heilen? Sie suchten nämlich einen Grund zur Anklage gegen ihn. Er antwortete: Wer von euch wird, wenn ihm am Sabbat sein Schaf in eine Grube fällt, es nicht sofort wieder herausziehen? Und wieviel mehr ist ein Mensch wert als ein Schaf? Darum ist es am Sabbat erlaubt, Gutes zu tun. Mt. 12,9 – 12,12

Donnerstag, 19. Mai 2011 / Dies ist nur eine von vielen Stellen, in denen Jesus mit den Geboten des Alten Bundes bricht. War er ein Revolutionär? Ein Zelot? Diese Bibelstelle vermag vielleicht eine Antwort auf diese Fragen zu geben und darin kommt meines Erachtens etwas Grundlegendes im Handeln Jesu zum Ausdruck: Er hebt die Gebote des Alten Bundes nicht auf, sondern erweitert sie um das universelle Gebot der Liebe, der er alle anderen Gebote unterordnet. Der Dekalog schreibt zwar vor, am Sabbat zu ruhen, aber das darf uns nie davon abhalten, Gutes zu tun und uns unseren Mitmenschen anzunehmen. Von Missgunst getrieben versuchen die Pharisäer, Jesus in Konflikt mit den Geboten zu bringen, um ihm einen Strick daraus zu drehen. Doch er entlarvt sie ihrer Doppelmoral. Gerade wenn es um emotional aufgeladene Themen wie Abtreibung und Homosexualität geht, erlebe ich immer wieder, wie sich unter dem Deckmantel die Herzen von Mitbrüdern und -schwestern verhärten; welch ein Hass sich geradezu bei einzelnen Menschen auf Andersdenkende und -fühlende unter dem Deckmantel von Frömmigkeit und Rechtgläubigkeit entlädt. Das ist wohl auch der Grund, wieso der Begriff «Dogma» für viele einen negativen Beigeschmack bekommen hat.
Dogmen und Gebote geben den Menschen eine wichtige Orientierungshilfe und die Zuversicht, ihr Leben im Sinne der Evangelien zu führen. Doch sollten wir uns hüten vor einer dogmatischen Erstarrung (Verstockung?). Wenn sie dazu führen, dass wir Mitmenschen allzu schnell verurteilen und wir dadurch gehindert werden, unseren Mitmenschen mit offenem Herzen begegnen und uns ihnen annehmen, ist dies kaum im Sinne ihres Schöpfers. Gerade eine solche dogmatische Erstarrung schreckt viele junge Menschen ab, sich in der Kirche zu engagieren und Ämter zu übernehmen.
Viele fürchten sich, dadurch in ein normatives Korsett aus Geboten und Dogmen gepresst zu werden, die sie nur teilweise mit ihrem Gewissen vereinbaren können. Ist es nicht eh viel einfacher, ausserhalb der kirchlichen Institutionen Gutes zu tun und sich für die Mitmenschen zu engagieren? Nein. Denn kaum eine Institution bietet dafür solche Strukturen und Ressourcen wie die Kirche. Und nur wer sich engagiert, kann auch etwas bewegen und verändern. Dogmen und Gebote sind richtig und wichtig, aber sie sollen uns nie davon abhalten gegen das Gebot der Liebe und gegen unser Gewissen handeln. Denn es ist auch am Sabbat erlaubt, Gutes zu tun.

"Ihr wisst, die als Herrscher der Völker gelten, unterdrücken sie, und ihre Grossen setzen ihre Macht gegen sie ein. Unter euch aber sei es nicht so, sondern: Wer unter euch gross sein will, sei euer Diener, und wer unter euch der Erste sein will, sei der Knecht aller." Markus 10,42–44

Donnerstag, 12. Mai 2011 / Jesus gibt uns eine klare Antwort! Mich fasziniert diese Bibelstelle, weil mir scheint, dass sie den Kern des ganzen Evangeliums enthält und zwar auf eine Weise, die möglicherweise auch Leute überzeugt, die sich als ungläubig bezeichnen.
Es ist leicht erkennbar, dass Jesu Ansatz, hielten sich alle Mächtigen daran, Gewaltausschreitungen vermeiden würde. Jesus stellt kurz und knapp eine Gegebenheit fest, die sich bis heute immer wieder bestätigt hat. Machtmissbrauch ist aber keine Notwendigkeit: Er muss nicht sein. Und bei den Christen soll er nicht sein. Hier sollen die von Egoismus, Konkurrenz und Rücksichtslosigkeit geprägten weltlichen Verhältnisse umgekehrt werden.
Ich habe selber erlebt, als ich nach der Matura zwei Monate im Altersheim in Florenz als «volontario» gearbeitet habe, dass im Dienen eine Kraft steckt. Dienen bedeutet nicht, dass man für alle Handlungen erwartet, etwas Konkretes zurückzuerhalten. «Geben ist seliger als nehmen », sagt Paulus in Apg 20,35, indem er sich auf die Worte Jesu beruft. Ich war jedoch manchmal im Dienen gar übereifrig: Einmal kam ich an einem Zimmer vorbei, wo eine Frau zu Boden gefallen war, als sie sich aufs Bett setzen wollte, und je mehr sie versucht hat, sich wieder zu erheben, desto mehr ist sie unter das Bett gerutscht, sodass nur noch die Beine zum Vorschein kamen, als ich ins Zimmer blickte. Ich habe sie dann hervorgezogen und aufs Bett gehoben, worauf ich vom Pflegepersonal getadelt wurde. Ich hätte das nicht selber tun dürfen, denn sie hätte verletzt sein können.
So habe ich gemerkt, dass es oft nicht Heldentaten sind, die ich tun muss, um ein guter Diener zu sein. Oft reichen schon die kleinen Gefallen, die man seinen Mitmenschen im Alltag tut, welche einen selber auch erfreuen. Gott selbst ist in Jesus Christus Mensch geworden, um einer von uns zu werden. Doch kam er nicht, um sich bedienen zu lassen, sondern zu dienen und uns wie in der Fusswaschung ein Beispiel zu geben, damit auch wir zu Dienern der Liebe werden.

«Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts
mangeln.» Psalm 23

Donnerstag, 05. Mai 2011 / Dieser Vers drängte sich mir in den letzten zwei Wochen sozusagen auf. Als Konfirmationsspruch einer Freundin, als Predigt in einem Lektürekurs an der Uni und als Lesung in einem Gottesdienst. Der Herr ist nicht mein Hirte, und mir mangelt alles. Das habe ich etwa vor einem Monat gedacht und gefühlt. Geht es nicht vielen so? Dass wir Mangel erleben? Abgrundtiefe Verluste? Und da sagt mir dieser Psalm, der Herr sei mein Hirte und es werde mir nichts mangeln?
Ich stehe zurzeit am Ende einer schweren, rund dreizehnmonatigen Krise. In dieser Zeit habe ich oft grossen Mangel erlebt. Habe mich nach vielen Dingen gesehnt, die mir fehlten. Im vergangenen Monat erlebte ich eine solch intensive Versorgung von Gott, wie sie mir während der ganzen dreizehn Monate zuvor nicht widerfuhr. Jetzt ist der Winter vorbei. Es ist Frühling geworden. Das Warten auf neues Leben hat endlich ein Ende gefunden. Jeder Mensch erfährt Mangel. Sozial, emotional, materiell usw. Gott schenkt uns aber nicht immer und überall alles, was wir brauchen für ein gelingendes und erfülltes Leben.
"Mir wird nichts mangeln." Der Vers beschreibt nicht die Gegenwart, sondern die Zukunft. "Da ist Hoffnung! Es wird wieder anders sein und ich werde wieder mehr als genug haben! "Gott bewahrt mi nöd vor allem Leid, sondern i allem Leid", hat mir eine Freundin vor kurzem gesagt. Darum geht es in diesem Psalm 23. "Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich." In diesem Psalm geht es um Ich und Du, um Gott und mich. Es geht um Beziehung. Beziehungsarmut ist die grösste Armut der modernen westlichen und kapitalistischen Welt. In dieser meiner Armut sagt Gott "Du" zu mir. Er hört, sieht und kennt mich wie niemand sonst. Und er begegnet mir in den Menschen, die täglich meinen Weg kreuzen.

"Ich will dich segnen, und du sollst ein Segen sein." Gen 12,2

Donnerstag, 28. April 2011 / Ich bin getauft. Das war mir als Kind sonnenklar. Nicht, weil ich mich an meine Taufe erinnern könnte – ich wurde als winziger Säugling getauft. Dass ich getauft bin, sagte mir vielmehr ein Bibelvers. Mein Taufvers, der mir bei der Taufe zugesprochen wurde. Ich kenne ihn auswendig, seit ich denken kann: "Ich will dich segnen, und du sollst ein Segen sein." Dass der Vers zunächst Abram gilt – nicht mir –, macht ihn mir nur noch wertvoller.
Gott schenkt seinen Segen Abram und Sarai. Dem Paar, das offenbar keine Kinder bekommen kann, verheisst er Nachkommen und Zukunft. Auch wenn die Voraussetzungen dafür denkbar schlecht sind. Was für ein Segen! Und was tun Abram und Sarai? Sie vertrauen Gott und machen sich auf den Weg. Auf Hoffnung hin. Ihr Vertrauen wird zwar geprüft, aber letztlich nicht enttäuscht werden.
Die Geschichte geht weiter. Gottes Segen ist kein Schlusspunkt, sondern die Grundlage für einen Auftrag. "Alle Geschlechter der Erde" sollen in Abram und Sarai Segen erlangen (Gen 12,3). Als Gesegnete sollen die beiden Gottes Segen in die Welt tragen. Für die Welt. Das ist ihr Auftrag, ihr Lebensinn – ja, ihre neue Identität. Diese neue Identität kommt durch die neuen Namen zum Ausdruck, die Gott ihnen gibt: Abraham und Sara.
In der Taufe wurde auch mir eine neue Identität geschenkt. Und auch diese neue Identität ist Verheissung und Aufforderung zugleich. Ich gehöre zu Jesus Christus. Er, der Auferstandene, verspricht bei seiner Kirche zu sein, "alle Tage, bis zum Ende der Welt" (Mt 28,20). Auf dieser Grundlage kann ich mich aufmachen, wie Abraham und Sara. Ob menschlich gesehen die Voraussetzungen stimmen oder nicht. Denn Gottes Segen will in dieser Welt verkörpert werden. Durch alle Zeiten. Auch heute noch.

«Sucht wesentlich nur das Königtum und sein rechtes Leben vor Gott, und dies alles wird euch dazugelegt werden.» Mt 6,33

Mittwoch, 20. April 2011 / Dieser Vers steht in einem der schönsten Texte der Bergpredigt und birgt in sich den ganzen Ernst und die wundersame Verheissung des Evangeliums. Worauf kommt es letztlich und wesentlich im Leben an? Was ist wirklich wichtig, was nicht? Und, auch so wird man heute fragen müssen: Was macht einen Menschen krank – und was heilt ihn, befreit ihn aus ängstlicher Sorge und Entfremdung? Darauf versucht Jesus in all seinen Worten und Taten eine Antwort zu geben; doch diese fällt so radikal aus, dass sie heutige wie damalige Hörer der Botschaft überfordern muss.
Was müsste es heissen: wesentlich nur nach der Wirklichkeit Gottes zu suchen, einsgerichtet zu sein auf dieses Wesentliche, das in einer von Leistung, Lärm und Konsum beherrschten Welt schlechterdings keinen Platz hat? Geht es doch – versteht man Jesu Forderung recht – offenbar noch nicht einmal darum, sich hin und wieder auch etwas Zeit für «die wichtigen Dinge im Leben» zu nehmen; nein: Hier wird eindringlich dazu aufgerufen, alles «weltliche» Sorgen hinter sich zu lassen und sich nur mehr um «die Schätze im Himmel» (Mt 6,20) zu kümmern.
Denn sind es nicht schon die selbstverständlichsten und alltäglichsten Sorgen und Pflichten, welche den Menschen in einer Weise einspannen, die das Sehnen und Suchen nach einer anderen Wirklichkeit, nach einem anderen Leben – jenseits des Funktionierens – kaum mehr zulässt? Diese Sehnsucht wieder zu lernen, ist heute religiös die vielleicht wichtigste Aufgabe; denn nur von der Sehnsucht her vernehmen wir die Forderung Jesu als Ruf im Innersten unseres Wesens: ein Ruf, der uns alles abverlangt – und doch auch alles verheisst; nur von der Leidenschaft der Sehnsucht her finden wir, als je Einzelne, eine Antwort auf die Frage, was es heisst, wesentlich nur noch das Königtum Gottes zu suchen und alles andere hinter sich zu lassen.

"Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in das Reich Gottes gelangt." Mk 10,25

Donnerstag, 14. April 2011 / Der Satz ist gut, der Satz ist zeitlos. Jeder und jede versteht ihn, egal, ob man im Mittelalter und in der Schweiz geboren wurde und sein ganzes Leben noch nie ein Kamel gesehen hat, oder in der Sahara. Es ist wie das Bild vom Elefanten, der von der Schlange verschluckt wurde. Es bleibt. Als ich den Satz das erste Mal gelesen hatte, wirkte er so klar, so unumstösslich. Doch dann habe ich mehr darüber nachgedacht, was er für mich als Jungpolitikerin bedeutet. Plötzlich war er ganz anders. Zuerst habe ich gedacht, Jesus ist ein Kommunist. Jede soll gleich viel haben. Jeder, der durch mehr Ehrgeiz und Arbeit zu Reichtum gelangt ist, soll ihn verschenken. Denn reich kann ja nur werden, wer sich die Hände schmutzig macht. Doch wir in der Schweiz sind alle reich. Wir werden reich geboren. Wir haben immer genug zu Essen, konnten in die Schule gehen, haben eine Wohnung mit Heizung und Steamer. Will Jesus, dass wir all dies verschenken? Doch wem soll ich es geben? Es gibt so viele Arme. Irgendjemandem am anderen Ende der Welt, irgendjemandem, den ich nicht sehe, nicht kenne, nicht liebe? Sollte ich mich politisch dafür einsetzen, dass die Steuern für Reiche erhöht werden? Dass die Reichen ärmer werden? Ich glaube nicht. Der Staat sollte so organisiert sein, dass die Möglichkeit besteht, ein guter Mensch zu sein. Dass niemand für sein Überleben töten oder stehlen muss. Aber der Staat soll dir nicht vorschreiben, ein guter Mensch zu sein. Denn das ist etwas, was zwischen den Menschen passieren sollte. Der, der viel hat und gibt, wird viel glücklicher, wenn er gibt, weil er will und nicht, weil er muss. Er kann erleben, wie es wirkt, wenn ein Mensch dem anderen hilft. So, dass er erfährt, was Jesus sagte: «Geben ist schöner als nehmen.»

Rette mich, Herr, vor bösen Menschen, vor gewalttätigen Leuten schütze mich! Denn sie sinnen in ihrem Herzen auf Böses, jeden Tag schüren sie Streit. Wie die Schlangen haben sie scharfe Zungen und hinter den Lippen Gift wie die Nattern. (…) Ich weiss, der Herr führt die Sache des Armen, er verhilft den Gebeugten zum Recht. Deinen Namen preisen nur die Gerechten; vor deinem Angesicht dürfen nur die Redlichen bleiben. Psalm 140

Donnerstag, 07. April 2011 / Dieser Psalm ging mir im Benediktinerkloster in Engelberg über die Lippen. Ich sass zur Vesper im Chorgestühl, mein Magen knurrte und ich freute mich auf ein ausgiebiges Nachtessen, doch zuvor führte mich der Psalm 140 in ein Meer von Gedanken.
Ich liebe die Psalmen. Für mich leben diese Texte. Sie haben einen Pulsschlag, der mal langsam klopft, mal – von Adrenalin beschleunigt – rast. Sie haben Blutadern, durch die das pure Leben strömt. Lese ich die Psalmen, eröffnet sich mir das Buch der Menschheit. Ich sehe Intrigen, Mauern die fallen, ich sehe Menschen, die für Freiheit und Gerechtigkeit kämpfen. Ich sehe Ängste, Trauer, Einsamkeit, Feinde, Liebe, Glaube, Hoffnung. Diese Texte haben seit ihrer Dichtung keinen Funken Aktualität eingebüsst. Für mich ist das Buch der Psalmen ein Lied, das in die Ewigkeit hinein gesungen wird und die Erde weiter drehen lässt. Dieses Buch ist ein Stück vom Gefälle, welches den Fluss des Lebens zur ihrer Mündung führt.
So beteten die Mönche, eine Handvoll Kollegen aus dem Studium und ich, in der immer selben Tonfolge und Lautstärke, Zeile für Zeile, auch den Psalm 140. Darauf folgte das „Ehre sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist, wie im Anfang, so auch jetzt und alle Zeit und in Ewigkeit. Amen“. Die Vesper ging zu Ende. Der Abt gab ein Zeichen: „Tock“. Wir erhoben uns, verliessen schweigend das Chorgestühl und ich freute mich noch immer auf ein saftiges Stück Fleisch und einen süssen Schluck Wein.

(…) Selig, ihr Armen, denn euch gehört das Reich Gottes. Selig, die ihr jetzt hungert, denn ihr werdet satt werden. Selig, die ihr jetzt weint, denn ihr werdet lachen. Selig seid ihr, wenn euch die Menschen hassen und aus ihrer Gemeinschaft ausschliessen, wenn sie euch beschimpfen und euch in Verruf bringen um des Menschensohnes willen. Freut euch und jauchzt an jenem Tag; euer Lohn im Himmel wird gross sein. (…) Aber weh euch, die ihr reich seid; denn ihr habt keinen Trost mehr zu erwarten. Weh euch, die ihr jetzt satt seid; denn ihr werdet hungern. Weh euch, die ihr jetzt lacht; denn ihr werdet klagen und weinen. (…) Die vollständige Perikope: Lk 6,20–26

Donnerstag, 31. März 2011 / Ich bin kein täglicher Bibelleser. Auch habe ich die Bibel noch nie an einem Stück durchgelesen. Vielmehr bin ich ein Bibel-Nascher. Ich habe meine Hit-Liste, die sich je nach Stimmungs-, Bedürfnis- und Weltlage verändert. Zuoberst stehen oft Texte von beglückenden Lebenserfahrungen und solche, die Hoffnungsperspektiven auf Veränderung im Jetzt gegen alle Skepsis und Kritik wachhalten. Ein solcher Hoffnungstext, der gleichzeitig keinen Konflikt scheut, ist für mich das Programm Jesu, die sogenannten Seligpreisungen aus dem Lukas-Evangelium. Es bestärkt mich im Glauben, dass Jesus nicht nur verschiedene individuelle Glückserfahrungen ermöglichte, sondern solche Begegnungen unter ein grösseres Projekt stellte: das Projekt der Umkehrung aller Lebensverhältnisse, welche Betroffene als ungerecht und gemein erfahren. Einige dieser Betroffenen werden im Text sogar genannt – das find ich mutig. Es fordert heraus, Menschen in ähnlichen Situationen heute zu erkennen und mit ihnen etwas von dieser Dynamik zu erfahren, die in solchen Betroffenheiten steckt: das neue Erkennen von Realitäten und das kreative Tüfteln an Alternativen. Wo ich solche Bewegung erfahren kann, bin ich glücklich – ich spüre, wie sich mein individuelles ICH auf andere hin öffnet und sich dadurch etwas Neues ereignet. Diese Dynamik erlebe ich auch in den Seligpreisungen: Menschen werden zu glücklichen Menschen, weil sich andere ihnen zuwenden und in diesem Zusammenspiel etwas aufbricht. Was hier entsteht, ist ein neues Projekt, das sogenannte Reich Gottes. Wie es konkret aussieht, wird nicht gesagt. Einzig die Bedingungen werden festgelegt: Im Zentrum stehen die bis anhin verdrängten Menschen und Realitäten und alle andern sind eingeladen, Teil dieses Projekts zu werden und sich beglücken zu lassen. Und die andern, jene, die nicht mitmachen wollen? – Die Freude der neuen Bewegung wird sie nicht erreichen – ihr Reichtum und ihre Sicherheit hindern sie daran. Persönlich glaube ich, dass in diesem Projekt, welches von Menschen unterschiedlichster Couleur, Weltanschauung und Religionszugehörigkeit realisiert wird, ein Reichtum liegt, für den es sich lohnt zu leben.

Durch einen Anfang hat Gott Himmel und Erde geschaffen. Da war die Erde Chaos und Wüste, Dunkelheit war da angesichts der Urflut, und Gottes Geistkraft bewegte sich angesichts der Wasser. (Gen 1.2-2)

Donnerstag, 24. März 2011 / Schöpfung aus dem Chaos war am Anfang! Die Anfänge eines Buches interessieren mich bei jeder Lektüre. Manchmal schlage ich – am Ende angekommen – noch einmal den ersten Satz auf. Nicht selten merke ich dann, dass im ersten Satz viel Wesentliches lag, heimlich platziert, um die Neugier und die Phantasie nicht zu hemmen. Anfänge, die haben es in sich!
Etwas Neues anzufangen kann ungeheuer aufregend, aber auch äusserst unbequem sein. Die «Bibel in gerechter Sprache » ist sich dessen bewusst und bietet der Leserin gleich mehrere Anfänge, um den Varianten eines kleinen Präfixes gerecht zu werden. Ich habe mich für «Durch einen Anfang» entschieden. Das entspricht häufig dem Lebensgefühl, wenn in meinem Leben ein Anfang im Chaos fällig wird. Da muss ich eben durch: durch den An-fang im Chaos.
Anzufangen ist hier der Akt der Schöpfung schlechthin. Das tröstet mich immer dann, wenn ich mein Leben furchtbar chaotisch, unstet und aus den Fugen geraten erlebe. Das macht mir Mut, Anfänge zu wagen mitten in Trümmern und ohne Aussicht darauf, dass das Chaos ein für alle Mal bezwungen werden könnte (nein wirklich, das wäre ja auf Dauer auch langweilig). Das lässt mich ehrfürchtig Gott schauen, die angesichts des Chaos beweglich bleibt und ihren schaffenden Geist nicht durch unkontrollierte Fluten trüben lässt. Diesem Gott immer ebenbildlicher zu werden, ist ein grosses Glück.

In jener Zeit ging Jesus an einem Sabbat durch die Kornfelder. Seine Jünger hatten Hunger; sie rissen deshalb Ähren ab und assen davon. Die Pharisäer sahen es und sagten zu ihm: Sieh her, deine Jünger tun etwas, das am Sabbat verboten ist. Da sagte er zu ihnen: Habt ihr nicht gelesen, was David getan hat, als er und seine Begleiter hungrig waren – wie er in das Haus Gottes ging und wie sie die heiligen Brote assen, die weder er noch seine Begleiter, sondern nur die Priester essen durften? Oder habt ihr nicht im Gesetz gelesen, dass am Sabbat die Priester im Tempel den Sabbat entweihen, ohne sich schuldig zu machen? Ich sage euch: Hier ist einer, der grösser ist als der Tempel. Wenn ihr begriffen hättet, was das heisst: Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer, dann hättet ihr nicht Unschuldige verurteilt; denn der Menschensohn ist Herr über den Sabbat. (Mt 12,1-8)

Donnerstag, 17. März 2011 / Mir gefällt diese Perikope, weil sie so lebensnah die Sprengkraft aufzeigt, welche im Evangelium steckt und weil in ihr etwas angesprochen wird, das mich in meinem privaten Umfeld momentan stark beschäftigt: Mein Freundeskreis befindet sich nach den «Sturm-und- Drang-Jahren» jetzt in der Phase der privaten und beruflichen Etablierung.
Dieser natürliche Prozess hat neben der durchaus wohltuenden einkehrenden Ruhe auch eine Seite, die mich manchmal stutzig macht: Nachdem die sozialen Normen (und Gewohnheiten) etwas ausgelotet worden sind, werden sie nun oft unhinterfragt übernommen und als unveränderliche Regeln des «Nebeneinanderlebens » akzeptiert. Selten wird danach gefragt, was hinter diesen (in unserem Land oft sehr eng gesetzten und verbürokratisierten) Begrenzungen steht. Man (wer genau?) kann sich weder damit noch mit möglichen Alternativrouten oder gar dem Pannenstreifen (der Barmherzigkeit) beschäftigen, weil man auf der Autobahn des Lebens vorankommen will, soll oder muss. Am besten auf der Überholspur …
Die Geschichte der Ähren am Sabbat greift mir da immer wieder abrupt ins Steuer: Sie will uns zu Hinterfragenden machen, die äussere Vorgaben nicht um ihrer selbst willen befolgen, sondern auch nach dem Dahinterliegenden («Grösseren») suchen und diesem durch alle bürokratischen Verkrustungen hindurch folgen. Denn dieser Dahinterliegende ist es, der uns unsere Selbstbestimmung zutraut und damit auch ermöglicht. So, ich muss weiter. Hoffentlich bis zur nächsten Raststätte …

In seinen Augen bin ich geworden wie eine, die Frieden findet. (Hld 8,10)

Donnerstag, 10. März 2011 / In verschiedenen Lebensphasen mag ich verschiedene biblische Texte. Zurzeit gefallen mir besonders jene Texte, die von der Gnade erzählen. Vor ein paar Wochen habe ich über einen Aufsatz von Fulbert Steffensky diesen Vers aus dem Hohelied für mich entdeckt. Dieses Liebeslied ist ein Lobpreis der Liebenden auf die Schönheit des anderen und gipfelt in diesem Satz der Geliebten, die ihren Frieden im Blick ihres Freundes gefunden hat. Wenn ich mich selber anblicke, merke ich, dass ich in meinen Augen oft nicht besonders gut aufgehoben bin. Ich sehe, wie unperfekt und bruchstückhaft ich bin. Aus diesem Gefühl der Unzulänglichkeit lerne ich aber, was die biblische Tradition mit «Gnade» meint.
Meine Unvollkommenheit lässt mich erkennen, dass ich den fremden Blick brauche, der mir zuspricht, was ich selbst nicht bin, der mich schön findet und ganz macht. Ich brauche diesen liebevollen Blick, in dem ich mich bergen kann, der mir Freundschaft und Vergebung schenkt. Der erbarmungslose Blick meiner Augen lehrt mich, dass ich auf den gütigen Blick angewiesen bin, der mir zuspricht, was ich selbst nicht leisten kann. Davon erzählt die Bibel, wenn sie von der Gnade spricht.
Mein Glaube an die Barmherzigkeit Gottes nährt sich aus Texten wie diesem, der vom Frieden erzählt, den ich nicht aus eigener Willenskraft und mit eigenen Waffen erkämpfen kann, sondern der mir aus Liebe geschenkt wird. Wenn ich mich gut aufgehoben fühle in den gütigen Augen eines lieben Menschen, um wie viel mehr darf ich mich bergen im gütigen Blick Gottes und darauf vertrauen, dass ich in seinen Augen schön und wohl behütet bin.

Jesus antwortete ihnen: Ich bin das Brot des Lebens; wer zu mir kommt, wird nie mehr hungern, und wer an mich glaubt, wird nie mehr Durst haben. Joh 6,35

Donnerstag, 03. März 2011 / Ich mag es, im Sommer an reifen Getreidefeldern vorbei zu wandern. Dann kommt mir oftmals die Bibelstelle aus dem Johannesevangelium in den Sinn, wo Jesus sagt: «Ich bin das Brot des Lebens.» Brot ist für mich ein Sinnbild für die Nahrung, die Gott uns schenkt. Das zeigt sich auch in der Perikope vom «Brotwunder » (Joh 6,1–15), wo Jesus über 5000 Menschen satt werden lässt.
Unsere Aufgabe ist es nun, auch heute die Gaben der Natur gerecht miteinander zu teilen, sodass «die 5 Brote und 2 Fische unserer Welt» wie in der Bibelstelle für alle reichen. Gott will uns aber nicht nur körperlich ernähren, sondern auch seelisch. Er will uns ein erfülltes und gelingendes Leben schenken. Dieses Leben erschliesst sich uns Christinnen und Christen in Jesus. So sagt er: «Ich bin das Brot des Lebens, wer zu mir kommt, wird nie mehr hungern und wer an mich glaubt, wird nie mehr Durst haben.» Um diese Verheissung herum möchte ich mein Leben aufbauen: Er ist es, der unseren inneren Hunger, unsere Sehnsucht nach Leben stillt.
Diese Botschaft ist mir wichtig in meinem Alltag. Besonders dann, wenn ich mich überfordert fühle und vor lauter Stress kaum mehr zum Atmen komme. Sie erinnert mich daran, dass der Sinn des Lebens nicht darin besteht, aus eigener Kraft endlose Leistungen zu erbringen. Denn es gibt einen, auf den ich vertrauen kann: Jesus Christus. Er ist das Brot, die Grundlage, die Quelle meines Lebens. Er trägt mich, wo immer ich bin. Aus dieser Zusage heraus kann ich mein Leben gestalten.

Ich bin müde vom Rufen, meine Kehle ist heiser, mir versagen die Augen. (...) Gott, du kennst meine Torheit, meine Verfehlungen sind dir nicht verborgen. (...) Ich aber bete zu dir, Herr, zur Zeit der Gnade. Erhöre mich in deiner grossen Huld, Gott, hilf mir in deiner Treue! (...) Denn der Herr hört auf die Armen, er verachtet die Gefangenen nicht. (Psalm 69)

Donnerstag, 24. Februar 2011 / Vor Jahren hat mir eine alte Frau gesagt, dass jeder Mensch einen eigenen Psalm haben sollte. «Einen vertrauten Text, der einen immer begleitet». Dies war mir zu dieser Zeit ziemlich fremd. Trotzdem begann ich die unterschiedlichsten Psalmen zu lesen und mit ihr zu besprechen. Meist, gar nicht historisch-theologisch reflektiert, sondern einfach ganz nach den unterschiedlichsten Lebenslagen und Lebensstimmungen. Heute mag ich die über dreitausend Jahre alten Gebete, Lieder und Gedichte sehr.
Der Klagende beschreibt im Psalm 69 all seinen Schmerz, seine Angst. Mit diesen menschlichen Abgründen konfrontiert, wendet sich der Erzähler aber nicht ab oder verbittert – verliert sich nicht in passivem Ausharren. Er wendet sich hoffnungsvoll an seinen Gott. Dadurch zeigt sich ein Gottesbild, das mir sehr gut gefällt. Das Handeln in diesem Psalm könnte durch ein «Trotzdem» umschrieben werden. Ich rufe, auch wenn ich müde bin. Ich wende mich an dich, auch wenn ich Fehler mache. Ich darf dich immer anrufen, auch wenn es nur in der Not ist. Ich weiss, du wendest dich nicht ab, auch wenn alle anderen mich ausgrenzen.
Ein solches «Trotzdem» will ich mir bewahren, will versuchen es durch meine Gedanken und mein Handeln immer wieder neu zu leben.

Da kamen die Männer, die er um die elfte Stunde angeworben hatte, und jeder erhielt einen Denar. Als dann die ersten an der Reihe waren, glaubten sie, mehr zu bekommen. Aber auch sie erhielten nur einen Denar. Mt 20, 9-10

Donnerstag, 17. Februar 2011 / Bei dieser Bibelstelle geht es für mich darum, dass man nicht neidisch sein soll, sondern man soll damit zufrieden sein, was man selbst für einen Lohn erhält. Denn die ersten Arbeiter bekommen den Lohn, den sie mit dem Gutsbesitzer vereinbart hatten. Dieses Gleichnis ist nicht einfach anzunehmen.
Es ist schwierig zu verstehen, wieso ein anderer Taglöhner, der nach den ersten Arbeitern angefangen hat, den gleichen Lohn bekommen sollte. Es ist aber nicht an den ersten Arbeitenden, dies zu rügen, da sie den vereinbarten Betrag erhalten. Ich rufe mir diese Bibelstelle immer wieder ins Gedächtnis, wenn der Giftpfeil des Neids sich in mein Herz bohren möchte. Auch versuche ich, sie meinen Mitmenschen näher zu bringen, denn ich denke, dass Neid sich einfach nicht lohnt.
Wieso sollte ich mich aufregen über etwas, das mich gar nichts angeht. In meinen Alltag übertragen heisst das: Es kümmert mich nicht, wenn eine Mitstudentin eine bessere Note bekommen hat als ich. Ich habe meine verdiente Note bekommen und bin mit dieser zufrieden. Es ist nicht an mir, darüber zu urteilen, ob die Note, die meine Kommilitonin erhalten hat, gerechtfertigt ist. Das Leben ist viel angenehmer, wenn man sich nicht darüber beklagen muss, dass der Nachbar sich dies und jenes leisten kann. Ich habe genug in meinem Leben, um mich vollkommen neidlos für alle anderen zu freuen, die bessere Noten erhalten, sich eine grössere Wohnung leisten können, das grössere Auto besitzen. Seit ich gestützt auf diese Bibelstelle bewusst auf Neid «verzichte», bin ich völlig entspannt und im Einklang mit mir und meiner Umwelt.

Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt und wir haben seine Herrlichkeit gesehen, die Herrlichkeit des einzigen Sohnes vom Vater, voll Gnade und Wahrheit. (Joh 1,14)

Donnerstag, 10. Februar 2011 / Diese Bibelstelle ist mir während meines Theologiestudiums immer wieder an ganz zentralen Stellen begegnet. So beispielsweise in der Auseinandersetzung mit der Theologie Luthers, Barths oder Rahners. Auch kann ich mich noch heute an eine Predigt in einer afro-amerikanischen Kirchgemeinde in den USA erinnern, in der die «Fleischwerdung» in Worten so lebendig vorgetragen wurde, dass ich im Hören Gottes Menschwerdung tatsächlich von Neuem zu erfahren vermochte. Noch wichtiger aber ist für mich, dass in diesem Vers schlicht ein ganz zentraler Inhalt des christlichen Glaubens zum Ausdruck gebracht wird: Der ewige Gott lebt als Mensch mit mir und interessiert sich für mein Leben. Joh 1,14 formuliert für mich kurz und prägnant das, was Wahrheit ist. Der Mensch kann ihr als Mensch nicht entfliehen, weil Gott in Jesus Christus Wahrheit und menschliche Existenz für immer aufeinander bezogen hat. «Gott zur Welt bringen» als das Weihnachtsthema schlechthin wird hier pointiert vorweggenommen. Der von mir gewählte Vers sagt mir nicht schwarz auf weiss, wie ich konkret Gott in der Welt vergegenwärtigen kann. Ich deute den Vers aber als ungeheure Zusage, dass mein Menschsein Gottes eigene Gabe für mich ist. Denn Jesus Christus war ein Mensch wie ich. Und als Mensch war er der Ort, an dem Gott zur Welt kommen konnte. Im Horizont dieser Tatsache frage ich mich immer wieder: Wie kann ich als Mensch mit Gott leben, um ihn in die Welt zu «tragen»?
«Der ewige Gott lebt als Mensch mit mir und interessiert sich für mein Leben.» Dominik Fröhlich, Theologiestudent, Luzern

Muss ich auch wandern in finsterer Schlucht, / ich fürchte kein Unheil; denn du bist bei mir, / dein Stock und dein Stab geben mir Zuversicht. Psalm 23,4

Donnerstag, 03. Februar 2011 / Es gab eine Zeit, da haben mir diese Worte das gegeben, was man «Halt» nennt. Es war der Gedanken ans «Du», das mir zur Seite steht, wenn ich durch die «Täler der Finsternis» meines Lebens wandle. Inzwischen hat sich mein Ergriffensein von dieser biblischen Zusage gewandelt.
Während meiner Zeit bei der UNO sah ich, wie Palästinenser Hals über Kopf aus dem Irak nach Syrien flüchten mussten. Sie hatten alles verloren und bangten ums schiere Überleben. Einige von ihnen verliessen das «finstere Tal» nie und starben einsam und verzweifelt in der Wüste. In diesem Moment zu sagen – oder auch nur zu hoffen! – dass sie jetzt bei Gott «aufgehoben » seinen, erscheint mir zynisch. Oder höchstens als denkerischen Trick für uns, die wir weiterleben müssen und nicht wissen, wie wir mit menschlichen Absurditäten umgehen sollen.
Aber dies ist nicht die eigentliche Absicht des Psalmverses. So wurde das «Du bist bei mir» für mich zu etwas «Undenkbarem». Der Psalmist spricht für mich Unvorstellbares aus. Und ob das Undenkbare bzw. Unvorstellbare auch etwas Unmögliches ist, darüber kann ich momentan nichts sagen. Was bleibt, ist die Erinnerung ans einstige «Ergriffensein».
Auch wenn mich meine Erfahrungen eines Widersprechenden belehren, bleibt es als eine Sehnsucht weckende Vermutung. Vielleicht wird aus der Vermutung wieder Zusage, oder aber sie wird ins Mythische übergehen und dann einfach eine menschliche Überlebensstrategie sein, um sich im «finstern Tal» zurechtzufinden.
Patrick Huser. Er war Benediktinermönch in Engelberg und Rom und schrieb eine Dissertation über die Entstehung der Menschenrechte im 16. Jh. aus dem kirchlichen Recht. 2011 wird er als Delegierter für das Internationale Komitee vom Roten Kreuz im Ausland unterwegs sein.

Amen, das sage ich euch: Wer das Reich Gottes nicht so annimmt wie ein Kind, der wird nicht hineinkommen. (Mk 10,15)

Donnerstag, 27. Januar 2011 / Wenn ich an eine Bibelstelle denke, kommt mir Mk 10,13- 16 als erstes in den Sinn. Sie sagt sehr viel über meinen Glauben aus und hat für mich als Mutter einer Tochter auch eine ganz praktische Bedeutung. In dieser Bibelstelle steckt ganz viel Liebe zu den Menschen. Ich überlege mir, was es heisst, das Reich Gottes anzunehmen wie ein Kind. Ich erlebe jeden Tag, wie offen, herausfordernd, kritisch und doch ohne Vorurteile meine Tochter mit dem Leben umgeht. Wie sie die kleinen Dinge, die uns «Erwachsenen» oft schon verborgen oder sogar verloren sind, mit einer grossen Neugier und Freude sieht und entdeckt. Sie stellt Fragen, die mir vielleicht manchmal sogar peinlich oder lästig sind – Fragen, die aber bei genauem Hinhören viel vom Leben erzählen. Fragen, die mir als Mutter, Mensch und Glaubende einen immensen Horizont eröffnen. Auch durch diese Neugier entdecke und erfahre ich die unendliche Liebe Gottes zu uns Menschen und zu seiner gesamten Schöpfung, ja das Reich Gottes ganz konkret hier, in meinem Leben. Gott ist für uns ALLE Mensch geworden, keiner ist höher oder besser als der andere, wir alle sind Mensch. Auch das ist eine Besonderheit der Kinder – jedenfalls in den ersten Jahren – sie machen keinen Unterschied, ob Frau oder Mann oder Kind – der Mensch steht im Vordergrund. Das ist ein wunderschöner Gedanke, der gepflegt werden soll, den ich ganz persönlich pflegen will: Mensch, DU bist gemeint

Gott sprach: Hagar, Sklavin von Sarai, woher kommst du? Und wohin gehst du? (Gen 16,8)
Donnerstag, 20. Januar 2011 / Seit mehr als fünf Jahren lese ich den kurzen Text immer wieder, ich grüble, lese, denke, er lässt mich nicht los.
Hagar ist Sklavin, nicht einmal über ihren eigenen Körper kann sie selbst bestimmen. Sie ist ganz unten auf der Skala des Ansehens. Hagar nimmt ihr Leben in die Hand und flieht aus der ihr unerträglichen Situation. Sie flieht in die Wüste, zu einem Brunnen. Hier trifft sie Gott.
Gott findet sie, heisst es im Text, und spricht sie mit Namen an: «Hagar, Sklavin von Sarai, woher kommst du? Und wohin gehst du?» Eigentlich ganz simple Fragen, wie zum Anknüpfen eines Gesprächs.
Es sind aber gleichzeitig Fragen, die ins Zentrum der Existenz weisen. Woher? Wohin? Es sind Fragen, die ich aus vielen Märchen kenne. Für eine (auf)richtige Antwort wird dort die Heldin oder der Held mit einem zukunftsweisenden Hinweis belohnt. Auch Hagar erhält einen solchen.
Er ist schrecklich und grossartig. Er lotet die Grenzen der Existenz aus. Hagar versteht. Sie sieht sich selbst und ihr Leben mit neuen Augen, neuer Einsicht. Und sie tut, was sonst in der ganzen Bibel niemand tut: Sie gibt Gott einen Namen.
Seit mehr als fünf Jahren gehe ich immer wieder mit Hagar in die Wüste, finde mich gefunden, angesprochen. Ich frage nach dem Woher und dem Wohin, benenne, was mich bewegt. Immer neu mich den Fragen Gottes stellend. Immer neu mich von den Antworten an die Grenzen bringen lassend.
Moni Egger (1976),
Fachmitarbeiterin Fachstelle Katechese – Medien, Aarau, FAMA-Redaktorin. Ihre Dissertation zu Hagar erscheint im Herbst 2011 im Herder Verlag.

Theologin, Mitglied im Leitungsteam des
Sunnehügels – Haus der Gastfreundschaft in Schüpfheim LU
Donnerstag, 13. Januar 2011 / Der Geist des Herrn ruht auf mir; / denn der Herr hat mich gesalbt. Er hat mich gesandt, / damit ich den Armen eine gute Nachricht bringe; damit ich den Gefangenen die Entlassung verkünde / und den Blinden das Augenlicht; damit ich die Zerschlagenen in Freiheit setze und ein Gnadenjahr des Herrn ausrufe. (Lk 4,18–19)
Im Rahmen meiner Masterarbeit analysierte ich die Bibelstelle Lk 4,18–19. Ein Text, der mich weit über die wissenschaftliche Arbeit hinaus beschäftigt. Jesus liest in der Synagoge aus der Buchrolle des Jesaja vor und will deren Inhalt auf sich selbst bezogen wissen.
Nicht nur der ersttestamentliche Prophet, sondern auch Jesus ist gekommen, um die Lebensrealität der Armen und Benachteiligten zu verbessern. Es ist von befreienden Veränderungen und befreiten Zuständen die Rede. Mir gefällt, dass in dieser Bibelstelle das Wirken im Vordergrund steht. Das angekündigte Handeln Jesu zieht ganz konkrete Veränderungen nach sich, die soziale, politische und theologische Brisanz besitzen.
Als Christin verstehe ich mich als Teil der Nachfolgegemeinschaft Jesu und möchte mein Handeln am Wirken Jesu ausrichten. Gewiss, dies ist ein sehr hoher Anspruch, dem nie ganz entsprochen werden kann. Ich frage mich jedoch, wer in meinem Umfeld zu den Armen zählt, wie ich mich für die Rechte und Würde der Armen einsetzen und wo ich mich für Befreiung stark machen kann.
Dabei habe ich nicht bloss das Bild eine materiell armen Person vor mir, sondern denke auch an all die sozial ausgegrenzten Menschen oder die theologisch Armen – jene, welche weder Gott noch sich selbst vertrauen können. Jesu Aufmerksamkeit richtete sich auf diese Menschen und so möchte auch ich immer wieder auf solche Menschen zugehen – sei es auf den Bettler am Bahnhof, meine Nachbarin oder einen Gast, der in einer Krisensituation für eine Auszeit in den Sunnehügel kommt.

Die neue «pfarrblatt»-Serie widmet sich der Bibel. Während des ganzen Jahres erzählen an dieser Stelle junge Menschen von ihren liebsten Bibelstellen.

Donnerstag, 06. Januar 2011 / Es gibt Sätze, Sinn- und Denksprüche, die wir besonders mögen. Worte, die man nicht vergisst. Eine Zeile, die wir irgendwo notiert haben. Sätze, die besonders wahr erscheinen. Es sind vielleicht Sätze, die in uns etwas zum Klingen bringen. Sätze, die von Träumereien, von Möglichkeiten, vom Glück erzählen.
Peter Bichsel schreibt in seinen Frankfurter Poetik-Vorlesungen, dass für ihn Lesen immer und unabhängig vom Inhalt der Eintritt in eine Gegenwelt ist. Das würde heissen, schon die Tatsache, dass wir lesen, verändert unseren Bezug zur Realität. Beim Lesen brauchen wir unsere Vorstellungskraft.
Gibt es Texte aus der Bibel, die in meinem Leben einen Abdruck hinterlassen haben?
Lesen weckt in uns einen Möglichkeitssinn. Wir beginnen als Leserin und Leser zu erfinden: Es könnte, sollte oder müsste geschehen. Das bedeutet nicht unbedingt, dass wir vor der bitteren Realität flüchten. Nur wenn wir uns etwas vorstellen können, wird es für uns überhaupt wünschbar. Nur wenn für uns denkbar wird, was ebenso gut sein könnte, wird uns klar, was ist.
Vielleicht haben wir bei diesen Sätzen auch einen aus der Bibel dabei. Die Bibel ist ja geradezu spezialisiert aufs Vorstellen, aufs Vorträumen. In ihr erzählen uns ganz unterschiedliche Menschen auf ihre je eigene Art vom guten Anfang und vom guten Ende. Und was es von uns Menschen dazu braucht. Das Besondere an den Geschichten in der Bibel ist, dass sie Verkündigungstexte sind.
Die Texte wollen so verstanden werden, dass sie eine Wirkung haben. Wir setzen sie in Beziehung zu uns als Lesende und zu unserem Lebenszusammenhang. Und wir verstehen die Bibeltexte in jeder konkreten Situation, in der sie gelesen und ausgelegt werden, neu und anders.
Für die diesjährige «pfarrblatt»-Serie haben wir junge Menschen gebeten, uns zu Mitleserinnen und Mitlesern von Bibeltexten zu machen, die in ihrem Leben einen Abdruck hinterlassen haben. Sie haben eine Bibelstelle ausgelesen. Sie erklären uns, wie sie diesen Bibeltext auslegen, wie sie ihn verstehen. Und sie zeigen uns, wie sie diese Bibelstelle «ausleben», sie erzählen also, wie sie die biblischen Worte in ihrem je eigenen Kontext mit Leben füllen.
Benjamin Ruch, Theologe, Bern
