
an acht Autorinnen und Autoren

Donnerstag, 23. Februar 2012 / «Carte blanche» bekommt in dieser Ausgabe die Berner Fotografin Pia Neuenschwander. Autorenportraits

In dieser Ausgabe erteilen wir dem Religionspädagogen Patrik Böhler «Carte blanche». Offenbar vertrauen wir ihm mehr, als das die SBB tun.
Donnerstag, 16. Februar 2012 / Ich sitze im Zug von Bern nach Zürich. Mein Natel klingelt!
P: «Hallo»
M: «Hallo, schön dich zu hören»
P: «Gleichfalls. Ich habe Neuigkeiten: Ich bekomme eine ‹Carte blanche›!»
M: «Tennis»
P: «Nein, ‹pfarrblatt›!»
M: «Aha …»
P: «Ich darf schreiben, was ich will.»
M: «Ob das gut kommt? Besser du als ich!»
P: «Da könntest du recht haben!»
M: «Wie meinst du das?»
P: «Na, meine ‹Carte› ist ‹blancher› als deine. Ich habe weniger Dreck am Stecken, katholisch gesehen!»
M: «Das ‹pfarrblatt› ist katholisch?»
P: «Voll!»
M: «Aber auch du hast einige Flecken auf deiner katholischen ID!»
P: «Wer nicht?»
M: «Du sagst es!»Ich sehe den Zugbegleiter zur Wagentür hereinkommen. Ich suche mein Billett mit derfreien Hand in meiner Umhängetasche.
P: «Flecken machen das Leben abwechslungsreich und spannend. Stell dir ein klares, fehlerfreies Leben in all seiner Konformität vor. Es wäre von Tag zu Tag ein Wiederkäuenvon Gewesenem.»
M: «Das Leben ist vielleicht spannend, aber auch wahnsinnig anstrengend. Apropos Flecken; den Rotweinfleck unseres letzten philosophischen Gesprächsabends habe ich nicht sauber gekriegt.»
P: «Irdischer Plunder; hätte dazu mein Ex-Pfarrer gesagt.»
M: «Was, hat er eine Freundin?»
P: «Nein, pensioniert.»
M: «Aha!»
P: «Apropos irdisch … es geht ja um Flecken auf der Seele, nicht auf Teppichen.»
M: «Auf Seelenteppichen!»
P: «Auf Seelenteppichen – nicht angenehm, wenn da was befleckt ist … deshalb haben wir ja die Beichte.»
Nachdem ich die verschiedenen Fächer meiner Umhängetasche erfolglos durchsucht habe, bilden sich die ersten Schweissperlen auf meiner Stirne. Ich habe ein Billett gekauft und hoffentlich nicht im Automaten liegen gelassen. Der Kondukteur kommt näher.
M: «Gäbig; und du glaubst daran?»
P: «Ja schon … das hat mit Vertrauen in Gott zu tun, mit dem Glauben an ihn.»
M: «Den Glauben möchte ich haben!»
P: «Weisst du, das Vertrauen, dass nach dem Scheitern noch Hoffnung ist.»
M: «Das Vertrauen möchte ich haben!»
P: «Du musst nur wollen und bereit sein.»
M: «Ich spreche nicht von meinem Vertrauen und meinem Glauben!»
P: «Von wessen denn?»
M: «Dem der ‹pfarrblatt›-Redaktion, dir eine ‹Carte blanche› zu geben! Das braucht Gottvertrauen!»
P: «Genau um das geht es im Leben. Ist doch ein schöner Vertrauensbeweis.»
M: «Schön, aber mutig!»
Immer noch suche ich das Billett, der Kondukteur ist bedeutend näher gerückt, so nah, dass er meine Schweissperlen auf der Stirne sehen könnte.
P: «Da fängts an. Den Mutigen gehört die Welt.»
M: «Und den Demütigen das Reich Gottes.»
P: «Du, ich muss auflegen, der Kondukteur kommt! Tschüss!»
M: «O.K., tschau.»
K: «Bitte alle Fahrscheine vorweisen!»
Ich erkläre die Geschichte vom liegengebliebenen Billett. Ich appelliere an die
Menschlichkeit und das Vertrauen in meine Worte.
P: «Ehrlich, glauben sie mir, es ist wirklich so passiert!»
Die anderen Fahrgäste schauen weg. Der Kondukteur schaut mich mitleidig an. Er hat wohl schon bessere Ausreden gehört.
K: «Das macht dann 100 Franken!»
Patrik Böhler, Religionspädagoge, Erwachsenenbildner, Mitarbeiter der Fachstelle Religionspädagogik, lebt in Bern.
Autorenportraits


Donnerstag, 09. Februar 2012 / Begegnungen mit Kunstwerken in Ausstellungen, Museen oder ganz zufällig, zum Beispiel in der Aula eines öffentlichen Gebäudes, inspirieren mich. Wenn ich im Kunstwerk etwas vom Lebensgefühl des Künstlers wahrnehme, von seinem Ringen spüre, was er freizusetzen suchte und mir eine Ahnung seiner schöpferischen Intuition zuteil wird, entsteht eine Verbindung besonderer Art, sehr direkt und existenziell. So stand ich vor einiger Zeit staunend in einer Aula vor Gemälden des Künstlers Antonio Máro. Seine grossflächigen Gemälde mit ihren kräftigen, aber nicht schreienden, sondern tiefgründigen, dramatischen Farben zogen mich an und seine Art der Abstraktion war mir zugänglich. Kurz: die Gemälde sprachen mich an, besonders die beiden mit dem Titel «Kairos» und «Chronos», denen ein Kommentar des Arztes Guido Zäch zugefügt war: «Kairos – der richtige Augenblick. Wo Zeitströme sich treffen, quadrieren sich ihre Wirkungen. Die irdische Aufgabe, im Zeitstrahl den nutzbaren, sinnerfüllten Zeitpunkt zu treffen, geht einher mit lebendiger Selbstfindung im eigenen Leben...
Chronos – der unablässige Lauf der Zeit. Die Zeit als alles bestimmende Grösse unseres Daseins und unbeeinflussbare vierte Dimension im Raum kennt in ihrer Absolutheit weder Anfang noch Ende. Zeit lässt geschehen und bewirkt Geschichte ...»
Die Gemälde des Künstlers, der Kommentar des Mediziners und meine Deutung des Lebens als Theologin trafen sich an diesem Tag so ganz überraschend. Ich war glücklich – noch viel mehr – als mir in der Mitte dieser besonderen Begegnung zuinnerst Jesu Ruf gegenwärtig wurde, den er an alle Menschen richtet, welcher beruflichen Disziplin, in welcher Situation auch immer: Die Zeit ist erfüllt («Kairos»), das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um und glaubt an das Evangelium! (Mk 1,15). Hinkehr zu Ihm, der das Evangelium in Wort, Tat und Person ist, bewirkt, seinen Ruf als befreiende Freudenbotschaft zu verstehen: Wendet euch dem Leben zu, das ich euch zeigen will.
Ich schöpfte Freude aus dieser Begegnung und ging weiter, die Welt und das Leben mit Sehnsucht zu erkunden, denn sie sind durchsichtig für die Wirklichkeit des Reichs Gottes. Dabei bekam Jesu Wort vom Nicht-Sorgen für mich einen neuen Geschmack: Sorge dich nicht, lebe vertrauensvoll im «Chronos» deiner Tage, lebe in Demut, ohne etwas erhaschen zu wollen. Geh achtsam, denn jeder Tag birgt den «Kairos», Ihm zu begegnen und die Wirklichkeit des Reichs Gottes zu erahnen, das Er auferbaut. Du bist Teil davon, lebe hingebungsvoll, schöpferisch zur Ehre Gottes.
Antonie Aebersold-Stängl (1952) Theologin, Gemeindeleiterin St. Mauritius, Frutigen. Autorenportraits
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Donnerstag, 02. Februar 2012 / Immer, wenn ich meine Füsse in die Skischuhe zwänge, muss ich an Isabel Allende und Sophia Loren denken. Dass ich zu Beginn eines Tages auf der Skipiste an diese beiden Frauen denke, hat einen einfachen Grund: Das Anziehen der Skischuhe ist mühsam und verleitet mich dazu, zu ächzen und zu stöhnen. Doch die chilenische Schriftstellerin hat in einem ihrer Bücher verraten, welchen Trick sie von der italienischen Filmdiva abgeschaut hat, um jung und frisch zu wirken: Sie bemüht sich nämlich, sich immer gerade zu halten und keine Greisengeräusche von sich zu geben. Also keine Seufzer, Grunzer, Schnaufer, Rülpser, keine Selbstgespräche und vor allem keine abgelassenen Darmwinde.
Ich denke an Isabel und Sophia, steige in die Skischuhe, freue mich, dass dies (fast) ohne Ächzen und Stöhnen gelingt, und spätestens auf dem Skilift ist die vorherige Anstrengung vergessen. Der Schnee, die Sonne und die frische Luft lassen meine Gedanken schweifen. Was wird in unserem Land – in Kirche, Politik und Gesellschaft – nicht ständig vieldeutig geseufzt, dumm gegrunzt, tief geschnauft und hemmungslos gerülpst? Wie viele Fachgremien und Spezialistenteams sind vom normalen Leben der meisten Menschen derart abgekoppelt, dass sie nur noch mit sich selbst und ihresgleichen im Gespräch sind? Und welches Problem, welche Frage wird nicht medial von warmer, übelriechender Luft begleitet? In der Kirche, in der ich seit vielen Jahren unterwegs bin, sind es nicht unbedingt die Kirchgänger und Kirchgängerinnen, sondern vor allem das kirchliche Personal – Kleriker wie Laien – und die Mitglieder diverser Gremien, aber auch kirchliche Medien und manche Theologieprofessorinnen und -professoren, die oft einen hässlichen Lärm verbreiten. Ja, was wird in unserer Kirche doch vieldeutig geseufzt, tief geschnauft, dumm gegrunzt und hemmungslos gerülpst! Öffnet dieses Gejammer irgendjemandem das Ohr für die Frohbotschaft Jesu Christi? Ich glaube nicht! Aber weshalb ächzen und stöhnen wir dann tagaus, tagein?
Die Kirche kann bei uns in grosser Freiheit wirken, und sie ist immer noch mit vielen personellen und finanziellen Möglichkeiten ausgestattet. Wessen Schicksal bemitleiden wir also mit unserem Gejammer?
Im Gespräch mit der jüngeren Generation, mit MinistrantInnen, Firmlingen, Angehörigen der Armee, Brautpaaren oder Taufeltern, ist mir aufgefallen: Junge Menschen fragen auch heute nach Gott, vielleicht nicht im Religionsunterricht, dafür im Sportverein. Und auch ältere Menschen reden über Religion, vielleicht nicht in der Bibelgruppe, aber ganz sicher auf der Ferienreise, dann, wenn aus unbekannten Leuten Tischnachbarn und Reisebekanntschaften werden.
Alle Getauften dürfen die Frohbotschaft Jesu Christi zu den Menschen tragen. Sein Evangelium ist das, was die Kirche anziehend gemacht hat und immer noch anziehend macht und durch dich und mich die Kirche, die Politik und die Gesellschaft im Geiste Jesu neu macht. Und können wir diesen Auftrag, den Menschen von Jesus zu erzählen, nicht leichter erfüllen, wenn wir uns dabei gerade halten und Greisengeräusche vermeiden? Wenn ich mir die Skischuhe anziehen will, weiss ich, dass dies nicht ganz leicht geht. Aber ich gebe mir redlich Mühe, dies ohne Ächzen und Stöhnen zu tun!
Alex L. Maier, Theologe, Domherr, Co-Dekan, Pfarrer in Wangen an der Aare. Autorenportraits


Donnerstag, 26. Januar 2012 / Letztes Jahr habe ich Woche für Woche mit Neugier und Freude in der Samstagsbeilage Magazin von «Der Bund» gelesen, welches Buch prominente Persönlichkeiten «fürs Leben» auswählen. Vor allem die Erklärung dieser Wahl war spannend, als sei ein Buch eine Art «Sesam öffne dich» und würde den Weg zu einer neuen Freundschaft ebnen. Das Buch wird zum Spiegel der Persönlichkeit, weil ausgerechnet es unter tausenden mehr oder weniger bedeutenden Werken ausgelesen wurde. Das Buch als (eine) Art Ich-Botschaft! Ich habe mir jede Woche die Frage gestellt, welches Buch ich selbst fürs Leben auswählen würde, und die Antwort bleibt mir nach Aussetzen der Magazin-Rubrik immer noch aus. Es gibt ja das Buch für die Ferien (idealerweise ist der Ferienort auch Teil der Geschichte, damit ich ihn durch fremde Augen entdecken kann) … zum Geniessen … zum Abschalten nach einem mühsamen Tag … das Buch als poetischer Unterbruch … für den ungestillten Wissenshunger … das Buch, das vom ersten bis zum letzten Buchstaben verschlungen wird … den «Jugendfreund», den ich jährlich einmal lese, auch wenn mir mit den Jahren jegliche Überraschung ausbleibt, wie ein profanes Ritual oder eine Pilgerreise ins Bekannte … das Buch, «das du unbedingt lesen musst» … das Buch, das angeregte Gespräche mit Kollegin oder Freund zur Folge hat … das Sehnsüchte weckt … das Buch als Tor zu meiner oder zu deiner Kultur (ich schenke gerne Bücher von Westschweizer-Autoren) … der Erstling eines noch unbekannten Talents oder das Meisterwerk der Weltliteratur (es gibt Autoren oder Autorinnen, die man unbedingt gelesen haben muss, auch mit Genuss). Damit ist mein Bücherregal fast schon voll! Und die Frage nach dem Buch fürs Leben bleibt immer noch unbeantwortet. Welches ist Ihr Buch fürs Leben? Können Sie einen Entscheid treffen? Ich poche auf das Recht auf «nicht wählen müssen». Ein Aufenthalt auf einer Insel kommt nur in Frage, wenn es dort eine öffentliche Bibliothek (selbstverständlich mit dem «pfarrblatt»!) gibt. Und ein Kreis von leidenschaftlichen Leserinnen und Lesern. Geteilte Lese-Freude ist ja bekanntlich viel schöner. Ich möchte hier meine ewige Dankbarkeit an alle ausdrücken, die bei mir die Freude an Büchern geweckt haben. Diese Freude ist unverzichtbar. Und ein Leben ohne Buch undenkbar. Gäbe es aber nur ein Buch? Dann die Bibel (Altgriechisch: Buch), Helden (und Heldinnen), Könige, Dichter, Weise: Das Buch bietet eine unerschöpfliche Vielfalt an Geschichten, meditativen Anstössen und Heilsbotschaften, die unsere Hoffnung stillt!
Anne Durrer (1962), Apothekerin, Mediensprecherin santésuisse, aufgewachsen in der Nähe von Genf, wohnt in Bern. Autorenportraits

Donnerstag, 19. Januar 2012 / Sie glänzt. Sie verzückt. Sie verheisst und spiegelt den Himmel. Und sie zerplatzt in Windeseile. Die Seifenblase. Da verschulden sich nicht nur Einzelne massiv, nein, ganze Gesellschaften leben in grossem Masse über ihre Verhältnisse. Mehr und mehr. Aufgeblasen das Ganze. Schillernd nach aussen und eines Tages zerplatzt die Blase. Der Schein wird entlarvt. Der Traum vom Immer- Mehr ist ausgeträumt. Und bezahlen muss die Allgemeinheit und nicht selten trifft es die Schwächsten am meisten. Da wird mit Geld jongliert und spekuliert, hin und her, in Windeseile. Da werden «Geldprodukte » verkauft, die selbst die Verkäufer nicht mehr verstehen. Mehr und mehr. Aufgeblasen das Ganze. Schillernd nach aussen und eines Tages zerplatzt die Blase. Der Schein wird entlarvt. Der Traum vom Immer-Mehr ist ausgeträumt. Und die Brandstifter schleichen sich mit Abfindungssummen davon und nicht selten zahlen die Steuerzahlenden die Zeche. Da verheissen Casting-Shows das grosse Glück. Miss-Wahlen versprechen Ruhm und Ehre. Aufgeblasen, für die Kulisse zurechtgemacht. Der schnelle Erfolg ruft. Aufgeblasen das Ganze. Schillernd nach aussen und eines Tages zerplatzt die Blase. Der Schein wird entlarvt. Der Traum vom Immer-Mehr ist ausgeträumt. Und zurück bleiben von einer Industrie missbrauchte Menschen. Sie glänzt. Sie verzückt. Sie verheisst und spiegelt den Himmel. Und sie zerplatzt in Windeseile. Die Seifenblase. Neu ist das alles nicht. Kein Zufall ist in einer der ältesten christlichen Schriften vom Geheimnis Gottes, das nichts anderes ist als das Geheimnis der Liebe, zu lesen: Die Liebe prahlt nicht und bläst sich nicht auf.
Felix Klingenbeck (1966), Pfarreileiter in der Pfarrei St. Johannes, Münsingen. Autorenportrait


Donnerstag, 12. Januar 2012 / Jahresende. Ausruhen nach dem Weihnachtsshoppingstress, Silvesterparty zum Abtanzen, um Mitternacht werden Champagnerflaschen um die Wette geköpft, Feuerwerk, Glückwünsche und ab ins Bett.
Die Jahreswende in Kairo ist leise und bedacht, so richtig zum Feiern ist niemandem zumute, denn alle blicken zurück, auch ich. Auf den arabischen Frühling, der im Winter begann und längst zum Winter wurde. Dabei war der Start so fulminant! Hunderttausende auf den Strassen, «Das Volk will das Ende des Systems!» skandierend. Und dann das Wunder von Kairo: Hosni Mubarak tritt ab. Nach 30 Jahren ist Ägypten ein Scherbenhaufen. Die Euphorie war trotzdem unbeschreiblich, Revolution dank Twitter und Facebook. Flower Power, gemeinsame Gebete zwischen Christen und Muslimen, spontane Jazzkonzerte auf dem Tahrirplatz. Durch Ägypten weht zum ersten Mal ein Hauch von Freiheit.
Ein Jahr danach ist der Siegestaummel verstummt und der berühmteste Platz der arabischen Welt ist zur offenen Kampfzone mutiert. Das Militär, das vorgegeben hat, unsere Revolution heroisch zu schützen, bringt sie ebenso heroisch zu Fall. Vorläufiger «Höhepunkt», der Tritt des Soldaten auf den entblössten Oberkörper einer Demonstrantin, gegen den die ägyptischen Frauen aufmarschieren. Auch ich bin bei ihnen und schreie mir die Wut aus dem Leib.
Doch nicht nur das Militär hält an der Macht, an der alten Ordnung fest, auch der Mann meiner Cousine, ein wohlhabender Geschäftsmann. «Seit der Revolution herrscht Chaos, diese jungen Leute reden und reden und die Wirtschaft steht still!» Diese Aussage durfte ich mir im Freizeitpark von Maadi (Quartier im Süden von Kairo) anhören, als ich mich am Silvestertag mit meiner Cousine zum Tee verabrede. Ewiggestrig rühmt der Gatte die Leistungen Mubaraks in allen Farben des Regenbogens und wie sicher es im Lande war unter ihm. Man nennt sie «Fulul», diese Übriggebliebenen, die entweder keine Wende wünschen, weil sie ihre Privilegien dahinschwinden sehen, in Ruhe gelassen werden wollen oder ganz einfach nicht mehr mitkommen (wollen).
Ganz rot wird sein Kopf, wenn er vor mir hin und her fuchtelt und mir am liebsten das Wort verbieten möchte. Versuche, mit dem Helvetischen in mir – was in diesem Fall das Beste ist – sachlich zu reagieren, spreche von verletzten Menschenrechten, von den 40% unter der Armutsgrenze Lebenden, den 30% Analphabeten im Land, rühme die Demokratie und dass wir eine gerechtere Gesellschaft möchten. «Und das soll die Saura (arab. ‹Revolution›) ändern?» schreit es aus ihm heraus. «Gott sei Dank haben wir noch das Militär, die werden es denen schon zeigen!» Wie recht er hat. Meine Antwort wartet er nicht mehr ab, die schweigende Cousine – sie ist anderer Meinung, hält sich aber vor dem Ehemann zurück – und er verabschieden sich abrupt, der frisch duftende Pfefferminztee dampft noch aus den Tassen.
Die Tage am Tahrir haben die Gesellschaft aufgerüttelt, dabei wurden auch Befindlichkeiten angekratzt, wie Patriarchismus , blinder Respekt der Jüngeren den Älteren gegenüber, grundsätzlich die Idee, dass junge Menschen a priori Unrecht hätten und nichts wüssten vom Leben. Ich sinke in meinen Rattansessel hinein, betrachte die untergehende Sonne über Kairo und weine über Ägypten.
Jasmin El-Sonbati (1960), Tochter einer Österreicherin und eines Ägypters, geboren in Wien, aufgewachsen in Kairo und in Basel. Studium der Romanistik in Basel und Wien. Mitbegründerin des Forums für einen fortschrittlichen Islam. Gymnasiallehrerin in Basel, Autorin und Referentin zu Migration, Islam in der Schweiz und islamische Bewegungen. Sie ist politisch im ägyptischen Demokratisierungsprozess aktiv. Autorenportrait
