SEHEN UND NICHTSEHEN

UNSER LEBEN IST VON WUNDERN UMGEBEN, DIE UNSER HERZ ERFREUEN WOLLEN, ABER WIR SEHEN SIE NICHT

UNSER LEBEN IST VON WUNDERN UMGEBEN, DIE UNSER HERZ ERFREUEN WOLLEN, ABER WIR SEHEN SIE NICHT

An einer U-Bahn-Haltestelle in Washington DC steht an einem kalten Januarmorgen einmal ein Mann mit einer Violine. Er spielt Bach, auch Schubert. Während dieser Zeit kommen im morgendlichen Berufsverkehr Hunderte von Menschen an ihm vorbei. Es dauert ein paar Minuten, bis der erste Passant den Geiger bemerkt. Er verlangsamt seine Schritte für ein paar Sekunden. Aber er unterbricht seinen Weg nicht. Kurz darauf wirft eine Frau den ersten Dollar in den Hut des Musikers, aber sie bleibt nicht stehen.

Dann nähert sich ein kleiner Junge. Er möchte stehen bleiben, aber seine Mutter zieht ihn an der Hand weiter. Das Kind schaut im Gehen zurück, will der Musik weiter zuhören. Aber seine Mutter treibt es an. Wie dieser Junge verhalten sich einige Kinder, aber ausnahmslos drängen ihre Eltern und Begleitpersonen sie zur Eile. Der Musiker spielt, ohne abzusetzen. Insgesamt sechs Menschen bleiben vor ihm stehen und hören ihm für kurze Zeit zu.

Vielleicht zwanzig Vorübergehende werfen eine Münze in den Hut. Nach einer knappen Dreiviertelstunde beendet der Geiger sein Konzert. Es wird still. Aber niemand nimmt davon Notiz, niemand applaudiert.  32 Dollar sind zusammengekommen.

Der Violonist war Joshua Bell, einer der besten Geiger der Welt. Er spielte unter anderem die Chaconne in d-Moll von Johann Sebastian Bach, eines der schwierigsten Stücke, welches für Geige geschrieben wurde. Das Instrument, welches er dafür verwendete, war 3,5 Millionen Dollar wert. Zwei Tage zuvor hatte Joshua Bell vor einem ausverkauften Haus in Boston das gleiche Konzert gegeben. Die Karten für dieses Ereignis kosteten durchschnittlich 150 Dollar.“

Die Kinder liessen sich von der aussergewöhnlichen Musik von Joshua Bell berühren.  Die Erwachsenen hingegen waren blind für die Schönheit der Musik und für die Virtuosität des Künstlers.» Wie oft ist es selbstverständlich für uns, dass wir unsere Augen und Ohren gebrauchen können. Wir sehen alles, aber nehmen es nicht wahr.  

Phil Bosmans, ein belgischer Ordenspriester, schrieb einmal:

„Unser Leben ist von Wundern umgeben, die unser Herz erfreuen wollen, aber wir sehen sie nicht…

Dabei sind meine Augen da für das Licht,

für das Grün des Frühlings,

für das Weiss des Schnees,

für das Grau der Wolken,

für das Blau des Himmels,

für die Sterne der Nacht.

Judith Bélat, lic. theol., Spitalseelsorgerin