Besser statt mehr

Verein Vision 2035 eröffnet eine neue Perspektive auf das Thema Suffizienz.

Andreas vom Verein Vision 2035 eröffnet eine neue Perspektive auf das Thema Suffizienz. Den Zugang zu «besser statt mehr» findet er über Spiritualität. Im Interview spricht er von der vereinenden Konstante seines Engagements, wie Achtsamkeit und Suffizienz zusammenhängen und was das alles mit der zweisprachigen Bieler Nischenzeitung «Vision 2035» zu tun hat. Unter suffizientem Verhalten verstehen wir ein «besser statt mehr»: ein genügsamerer Umgang mit natürlichen Ressourcen bei gleichbleibend hohem Wohlbefinden.

Zoe Lehmann

 

Was motiviert dich, ressourcenleicht zu leben?

Es ist nicht allein das Thema Suffizienz, das mich umtreibt, sondern allgemeine Themen wie Natur und Ökologie im Wechselspiel mit unserer Gesellschaft. Ich interessiere mich seit jeher für Zusammenhänge und versuche, ihnen auf den Grund zu gehen. Sobald ich begonnen hatte, mir beim Einkaufen Gedanken über die Herstellung und die Herkunft der Produkte zu machen, landete ich unweigerlich bei einem nachhaltigen Lebensstil. Wer sich einmal ernsthaft mit intensiver Landwirtschaft auseinandersetzt, kommt schnell zum Schluss, dass dies nicht die Lösung sein kann. Im eigenen Garten komme ich ja auch nicht auf die Idee, den Boden mitsamt darin wachsenden Rüebli grossflächig mit Pestiziden zu behandeln. Leider hinterfragen nur wenige Menschen solche Zusammenhänge und machen sich bewusst solche Überlegungen. Wer sich aber in solchen Gedanken übt, wird sich schnell der Belastungen bewusst, die durch den eigenen Lebenswandel entstehen. Ich bin überzeugt: Personen, die sich Gedanken über die Umwelt machen und sich darin üben, Zusammenhänge zu erkennen, konsumieren weniger. Eine weitere, sehr starke Motivation zu einem ressourcenleichten Leben ergab sich für mich aus Jahren der Achtsamkeitspraxis. Achtsamkeit bedeutet für mich ein Bewusstwerden aller mentalen und physischen Vorgänge, von Moment zu Moment. Durch eine kontinuierlich aufrechterhaltene Achtsamkeit ergibt sich eine Sammlung des Geistes und aus dieser Sammlung entsteht zwangsläufig ein inneres Glücksgefühl, das sehr stark werden kann. Hier lässt sich der Bogen zu Wohlbefinden durch suffizientes Verhalten schlagen: Sobald ich in der Lage bin, Glücksgefühle von innen, unabhängig von äusseren Umständen zu erleben, brauche ich nicht zu konsumieren, um glücklich zu sein. Der achtsame, gesammelte Geist ist mir immer nah, er ist einfach und gratis zu haben. Dadurch strebe ich nicht nach «immer mehr», was mir wiederum zu einer gewissen Leichtigkeit, Unbeschwertheit und Gelassenheit verhilft. Achtsamkeit hilft, sich bewusst zu machen, was man wirklich braucht.

Würdest du sagen, dieses Bedürfnis, Zusammenhänge zu erkennen sei auch der Grund für dein Engagement bei der Zeitschrift «Vision 2035»? Welches Ziel verfolgt ihr mit der Zeitschrift?

Zusammenhänge sichtbar zu machen und Menschen zum Denken anregen ist sicher ein Grund meines Engagements. Bei «Vision 2035» verfolgen wir einen «positiven Journalismus»: Wir möchten unsere Leser:innen anstossen, zum Denken anregen, ihnen neue Ideen und einen Blick über den Tellerrand liefern. Wir machen nachhaltige Initiativen sichtbar und geben ihnen eine Starthilfe, sei dies durch Publizität, durch Vernetzung oder temporärer Zur-Verfügung-Stellung unseres Vereinskontos. Uns geht es nicht einfach darum, die Menschen wachzurütteln und vor Augen zu führen, was alles schief läuft in der Welt. Stattdessen zeigen wir Geschichten des Gelingens. Wir portraitieren Ideen, Initiativen und Gruppen, die etwas wagten, das nun wirklich funktioniert und einen positiven Nutzen hat. Wenn sich Menschen nach der Lektüre inspiriert fühlen, selbst etwas zu wagen und zu verändern, ist unser Ziel erreicht. Wir möchten positive Handlungsmöglichkeiten bieten und unsere Leser:innen inspirieren. «Vision 2035» verstehen wir als Medium im Sinne der «Transition Town»-Initiativen. Es geht darum, Menschen zu vernetzen sowie Fähigkeiten und Ressourcen zusammenzubringen und so eine Art “Graswurzelbewegung” zu schaffen, die wirklichen Wandel initiieren kann. Mir selbst verschafft mein Engagement darüber hinaus Befriedigung, etwas Sinnvolles angestossen und Schritte in die richtige Richtung unternommen zu haben.

Und wie funktioniert es konkret, solch eine Zeitschrift herauszugeben?

Meist definiert das Kernteam ein Thema, das wir über unsere Kanäle nach Aussen kommunizieren. Dann folgt eine offene Redaktionssitzung, an der Interessierten teilnehmen und ihre Beiträge vorschlagen können. Daraufhin entscheiden wir, ob wir ausreichend Inhalte haben, um das Thema möglichst breit zu beleuchten. Sollte eine Perspektive fehlen, holen wir sie proaktiv ein oder produzieren selbst einen Beitrag dazu. Nebst den fest besetzten Ressorts wie Layout, Fundraising, usw. haben wir auch Journalist:innen im Kernteam, die regelmässig für uns schreiben. Früher hatten wir Mühe, die Seiten mit externen Beiträgen zu füllen. Heute ist das umgekehrt, wir erhalten regelmässig zu viele Beiträge und müssen entweder die Beiträge kürzen oder die Ausgabe vergrössern. Pro Jahr geben wir etwa 4 Ausgaben mit einer Auflage von 2000 Exemplaren heraus. Wir haben ca. 500 Abonnent:innen, den Rest legen wir gratis in Restaurants, Bars, Kulturstätten, usw. in Biel und Umgebung auf. Aus den Beiträgen der Abos und der Einnahmen aus Inseraten erstellen wir ein Budget, das die Kern-Redaktionsarbeit deckt. Wir haben auch schon kleine finanzielle Unterstützungen erhalten, etwa durch den Kanton, der uns als zweisprachiges Medium temporär unterstützt hat, einigen Texten sogenannte “Sprachbrücken”, resp. Kurzzusammenfassungen inkl. Glossar in der anderen Sprache beizufügen. Natürlich leisten wir für jede Ausgabe immer noch viel unbezahlte Arbeit, aber wir erhalten auch die Möglichkeit, uns mit interessanten Menschen zu vernetzen und Sinnvolles zu tun.

 

Zoe Lehmann ist Mitarbeitende der Katholischen Kirche Region Bern im Netzwerk Nachhaltigkeit, das im DOCK8 abgesiedelt ist. Mehr zum Netzwerk Nachhaltigkeit finden Sie HIER.

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