21 Texte ihres Partners Angelo Lottaz dienten der Künstlerin Yolanda Jacot-Parel als Anregung für einen Zyklus von Bildern, die in der Kirche St. Josef in Köniz ausgestellt werden.

Ein Baby ist immer ein Baby.

Angelo Lottaz und Yolanda Jacot-Parel bekennen sich mit ihrer Ausstellung "...und plötzlich" zu einer universellen Menschenwürde.

Angelo Lottaz und Yolanda Jacot-Parel stellen sich mit ihrer Ausstellung «...und plötzlich» der Barbarei der Gegenwart entgegen und bekennen sich zu einer universellen Menschenwürde.

Christian Geltinger 

 

Der Titel «...und plötzlich» assoziiert den Eindruck eines Einschnitts. Weltweite kriegerische Auseinandersetzungen sind nichts Neues. Was hat gerade das Jahr 2022 so besonders gemacht?

Angelo Lottaz: Es war vor allen Dingen die Gleichzeitigkeit der Konflikte, die plötzlich so über uns hereinbrachen. Wir merkten, dass die unerträgliche Gleichzeitigkeit – das Grauen des Krieges, die Ermordung von Menschen und die Zerstörung von Heimat einerseits und ihr sicherer, gleichgebliebener Alltag und das private Glück andererseits – etwas in uns auslöste, das mit einfachen Worten nicht zu beschreiben war.

Yolanda Jacot-Parel: Wir wollten uns nicht der Ohnmacht ausliefern, wir wollten uns der Barbarei entgegenstellen.

Die Texte und Bilder haben als Ausgangspunkt die kriegerischen Auseinandersetzungen, mit denen wir es in jüngster Welt tagtäglich in den Medien zu tun haben. Ist die Kunst ein Mittel, damit fertig zu werden oder wird man durch die Beschäftigung noch mehr in diese Grausamkeiten hineingezogen?

Yolanda Jacot-Parel: Für mich war der Prozess der künstlerischen Auseinandersetzung mit dem Unrecht in der Welt eher ein Prozess der immer intensiveren Bewusstwerdung, eine Art Annäherung, ein an mich ran Lassen. Ich hatte alle Texte zur Verfügung, immer wieder gelesen und geschaut, was sie mit mir machen. Daraus sind 21 Bilder entstanden. Dabei konnte ich – bewusst oder unbewusst – auswählen, welches Gedicht ich mir zu welchem Zeitpunkt vornehme. Am Ende der 21 Bilder war es dann aber auch wichtig, das Ganze für einen Moment setzen zu lassen.

Angelo Lottaz: Ich habe eher den Eindruck, dass ich mich radikalisiert habe. Nicht im politischen oder aktivistischen Sinne, aber oft habe ich das Gefühl, dass meine Sprache noch viel zu milde ist angesichts des Unrechts, das Menschen auch hier in der Schweiz erfahren.

Was bedeutet das für unser alltägliches Leben?

Yolanda Jacot-Parel: Ein Baby ist immer ein Baby und hat das gleiche Recht auf ein würdiges Leben, egal wo es lebt und wo es herkommt. Das gilt im Gaza ebenso wie in der Schweiz, für Schweizer:innen genauso wie für Sans-Papiers. Es gibt also auch bei uns vor der eigenen Haustür noch genügend zu tun.

Haben die Texte eine religiöse Dimension?

Angelo Lottaz: Die Texte enthalten Zitate aus der Bibel, z.B. aus Psalmen. Manche erkennen sie sofort, manche nicht. Das ist aber für das Verständnis der Texte unwesentlich. Sie sind klein und versteckt. Aber sie sind da. Für mich sind sie keine Banner der Hoffnung. Die Bibel, vor allen Dingen die Geschichte Israels, kennt ja auch viele kriegerische Auseinandersetzungen und die Frohbotschaft hat uns leider nicht davor bewahrt.

Ein elementarer Part der Ausstellung ist die Aufführung, die zum Auftakt der Vernissage gezeigt wird. Hier kommt mit der Musik eine zusätzliche Dimension ins Spiel.

Angelo Lottaz: Es geht nicht um die Musik allein. Der syrische Musiker Hassan Taha lässt durch seine Mitwirkung seine ganze Lebensgeschichte mit in das Projekt einfliessen. Als Beobachtende aus der Ferne können wir über die Barbarei des Krieges nur über das Mittel der Kunst sprechen. Er hat die Folgen persönlich am eigenen Leib erlebt. Er war hier in Schweiz, als der Bürgerkrieg in Syrien ausgebrochen ist, und konnte nicht mehr in seine Heimat zurück. Gleichzeitig scheint es unmöglich für ihn, als studierter Musiker und Komponist hier in der Schweiz Fuss zu fassen. Wir dagegen arbeiten aus einer ziemlich bequemen Haltung heraus.

Welche Wirkung soll bei den Betrachtenden von den Bildern ausgehen?

Yolanda Jacot-Parel: Bilder sind für mich nicht nur Fenster hinaus in die Welt, sondern vor allen Dingen Fenster hinein in die eigene Seele. Wer sich selbst besser kennenlernt und lernt, auf seine Gefühle zu hören, der geht auch anders mit den Menschen um, denen er tagtäglich begegnet. Daher verspreche ich mir, dass ich die Herzen der Menschen im Sinne eines Aufmerksamseins aufschliessen kann, nicht nur für das Leid in der Welt, sondern auch für die eigene Umwelt im Hier und Jetzt. Insofern müssen die Bilder nicht zwangsläufig Schrecken oder Gewaltassoziationen auslösen, auf manche strahlen sie auch Hoffnung und Zuversicht aus.

 

Mehr Informationen zur Ausstellung finden Sie HIER.

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