Nationaldirektor von Missio Bangladesch bei Papst Leo XIV.

Glauben ohne Werke ist tot

Auftakt des Monats der Weltmission in St. Antonius Bümpliz

P. Peter Chanel Gomez ist ein Multi-Jobber. Neben seinem Vollzeitpensum als Nationaldirektor der Päpstlichen Missionswerke (Missio) hat er noch fünf weitere Ämter, unter anderem als Professor für Theologie. Im Oktober ist er in der Schweiz unterwegs, um im Rahmen des Monats der Weltmission auf die Situation in Bangladesch aufmerksam zu machen. Der Auftakt ist in St. Antonius in Bern Bümpliz.

Christian Geltinger

 

Wie würden Sie Ihre Funktion als Nationaldirektor der Päpstlichen Missionswerke (PMW) in Bangladesch beschreiben?

In enger Zusammenarbeit mit den Diözesandirektoren widmen wir uns der Förderung des missionarischen Bewusstseins und der aktiven Teilnahme an der Evangelisierung. Ich bin dabei das Bindeglied zwischen den Diözesen Bangladeschs und dem Generalsekretariat der PMW in Rom.

Das Wort «Evangelisierung» hat insbesondere in den deutschsprachigen Ländern einen paternalistischen Beigeschmack. Wie ist Ihre Erfahrung in Bangladesch?

Als Missionsland glaubten die Katholiken in Bangladesch traditionell bis vor kurzem, dass die Evangelisierung allein in der Verantwortung des Klerus und der Missionare liege. Eine unserer Hauptaufgaben besteht daher darin, den Menschen bewusst zu machen, dass auch sie als getaufte Christen dazu berufen sind, das Evangelium zu verkünden. Um dies zu erreichen, organisieren wir Glaubensbildungsprogramme und missionarische Aktivitäten in Pfarreien und Diözesen im ganzen Land.

Das hört sich synodal an.

Als Papst Franziskus 2021 den synodalen Prozess in Gang setzte, hat die Kirche in Bangladesch ihn sofort angenommen. Innerhalb weniger Wochen wurde er in Diözesanversammlungen, Pfarrgottesdiensten, Ausbildungsprogrammen und sogar bei gesellschaftlichen Zusammenkünften beachtet. Diese schnelle und enthusiastische Reaktion stand in starkem Kontrast zu dem, was ich bei Besuchen in einigen europäischen Ländern beobachtet habe, wo dieselbe Initiative erst viel später, sogar erst 2023, an Fahrt gewann.

Erschwert die Bezeichnung «Päpstliche» Missionswerke die Mittelbeschaffung?

In meinen drei Jahren als Nationaldirektor habe ich festgestellt, dass es Spannungen zwischen Rom und einigen wichtigen Geberländern gibt, darunter auch denen im deutschsprachigen Raum. Diese Spannungen haben vielleicht mit den Unterschieden in den Rechtssystemen, kulturellen Werten oder sogar Verwaltungsansätzen zu tun. In Bangladesch stossen wir nicht auf solche Kritik. Sie fühlen sich inspiriert und sind stolz darauf, dass Rom auf sie schaut.

Erwarten Sie, dass der Übergang von Papst Franziskus zu Papst Leo XIV. die Arbeit der Missionswerke verändern wird?

Ich gehe nicht davon aus, dass es einschneidende Veränderungen geben wird. Allerdings erwarte ich eine stärkere Betonung der Zusammenarbeit, Transparenz und soliden Managementpraktiken.

Warum sind vor allem die lokalen Kirchen vor Ort so wichtige Partner?

Durch die gemeinsamen Wurzeln im Glauben an Christus haben sie bereits tiefgreifende Beziehungen zu den Menschen. Dies verleiht ihnen in Krisenzeiten Glaubwürdigkeit und Vertrauen.  Ihre Präsenz ist nicht vorübergehend. Sie verfügen über feste Strukturen – Pfarreien, Schulen, Gesundheitszentren –, die in Notfällen schnell mobilisiert werden können. Sie verstehen die sozialen Dynamiken, Stärken und Schwächen ihrer Gemeinden. Dies ermöglicht ihnen, kontextbezogene und wirksame Maßnahmen zu ergreifen, die auf die spezifischen lokalen Herausforderungen zugeschnitten sind. Sie bieten aber nicht nur materielle Hilfe, sondern auch psychosoziale und spirituelle Betreuung, die von säkularen Organisationen oft übersehen wird.

Wie sieht das religiöse Leben in Bangladesch aus?

Bangladesch ist eines der am dichtesten besiedelten Länder der Welt. Seine Bevölkerung ist tief religiös. Der Islam ist mit 91,04% der Bevölkerung die vorherrschende Religion; Hindus machen 7,95% aus, Buddhisten 0,61%, Christen 0,30 % und eine kleine Anzahl praktiziert indigene Religionen.

Früher herrschte in Bangladesch eine grössere religiöse Toleranz. Menschen unterschiedlicher Glaubensrichtungen nahmen an den Festen der anderen teil, und die soziale Harmonie war deutlicher sichtbar. Etwa zehn Jahre nach der Unabhängigkeit im Jahr 1971 begann jedoch der religiöse Fanatismus zu wachsen. Radikale Führer beeinflussten nach und nach die Denkweise der einfachen Bürger, die einst für ihre Freundlichkeit und Offenheit bekannt waren.

Wie äussert sich die muslimische Dominanz seit der Unabhängigkeit im Jahr 1971?

Obwohl die Verfassung Religionsfreiheit garantiert, werden die religiösen Minderheiten massiv diskriminiert. Auf Grund von steigendem religiösen Fanatismus und Misstrauen gegenüber der christlichen Minderheit gibt es strenge staatliche Restriktionen für Missionsarbeit und Auflagen für deren Finanzierung. Evangelisierung und missionarische Aktivitäten sind offiziell verboten, während islamische Predigten und Bekehrungen offen und mit staatlicher Unterstützung stattfinden. Angriffe auf Gebetsstätten von Minderheiten, insbesondere auf Hindu-Tempel, wurden häufiger.

Ist in diesem Klima interreligiöser Dialog überhaupt möglich?

Als Minderheit müssen wir mit der Mehrheitsbevölkerung so leben, wie sie ist. Missverständnisse führen oft zu Konflikten, Misstrauen und sogar Unterdrückung. Der interreligiöse Dialog als Ausdruck des gegenseitigen Respekts ist eine Voraussetzung für einen dauerhaften Frieden. Die Bischofskonferenz hat eine Kommission für interreligiösen Dialog eingerichtet. Darüber hinaus gibt es eine politisch anerkannte Plattform, die Hindu-Buddhist-Christian Association, in der viele katholische Führungskräfte aktiv mitwirken.

Berücksichtigen Sie bei der Hilfeleistung den religiösen Hintergrund der Menschen?

Als Katholiken können wir keine Form von Diskriminierung unterstützen. Dies verstösst gegen die Werte des Evangeliums. Die meisten unserer katholischen Einrichtungen – Schulen, Universitäten, Krankenhäuser, Apotheken und technische Ausbildungszentren – stehen allen Menschen offen.

Wo sehen Sie derzeit die dringendsten Bedürfnisse bei den Menschen in Bangladesch?

Das A und O ist der Zugang zu Bildung, insbesondere in ländlichen und unterentwickelten Gebieten. Darüber hinaus sind wichtigsten Aufgaben die Bekämpfung der Ungleichheit zwischen den Geschlechtern, die Förderung, Stärkung und Ausbildung von Frauen sowie die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit, insbesondere bei der jungen Generation.

Was wünschen Sie sich zur Verbesserung des Arbeitsalltags von Missio in Bangladesch?

Da die lokalen Kirchen stark in der Seelsorge engagiert sind, fehlt ihnen manchmal auch die fachliche Kompetenz in den Bereichen Projektmanagement und Buchhaltung. Viele Gemeinden haben Schwierigkeiten, langfristige Strategien zur Selbstversorgung zu entwickeln und umzusetzen, oft aufgrund eines Mangels an ausgebildeten Fachkräften. Es braucht also nicht nur die finanzielle Unterstützung zum Auf- und Ausbau der vorhandenen Strukturen, sondern auch Weiterbildung. Leider liegen manche Diözesen auch sehr dezentral und wir sind nach wie vor auf den Öffentlichen Verkehr angewiesen. Das kostet Zeit und Energie.

Kommen Sie auch manchmal an Ihre persönlichen Grenzen?

Neben meiner Tätigkeit als Nationaldirektor der PMW habe ich noch fünf weitere Ämter inne, darunter das des Exekutivsekretärs der Bischofskommission für Liturgie und Gebet in Bangladesch und Professor für Liturgiewissenschaft. Aufgrund dieser hohen Arbeitsbelastung kann ich mich nicht zu 100% der PMW widmen. Leider bin ich aufgrund finanzieller Zwänge nicht in der Lage, zusätzliche Vollzeitmitarbeiter einzustellen, die mich bei diesen Aufgaben unterstützen könnten. Diese Herausforderungen verlangsamen das Tempo unserer Mission, obwohl die Nachfrage nach unserer Arbeit sehr hoch ist.

Was hilft Ihnen in diesem Moment?

Die Unterstützung, die wir alle hier erfahren, beschränkt sich nicht nur auf materielle Spenden. Auch Gebete und Ermutigungen sind wirkungsvolle Mittel, um unsere Mission zu stärken. Ich kenne viele Menschen, die regelmässig für mich beten und mir Mut zusprechen, was mir grossen Trost spendet. Dank der sozialen Medien verbreiten viele auch Nachrichten, Botschaften, Artikel, Fotos und Videos über unsere Aktivitäten an ihre Freunde und Netzwerke. Mission ist immer eine gemeinsame Verantwortung, und solche moralische und spirituelle Unterstützung stärkt uns, wenn die Ressourcen knapp sind.

Was möchten Sie den Menschen in der Schweiz mit auf den Weg geben?

Trotz der Unterschiede in Bezug auf Entfernung, Kultur und Lebensumstände sind wir alle eine Familie in Christus Jesus. Lasst uns als Schwesterkirchen füreinander beten. Lasst uns einander mit unserem Glauben, unserem Zeugnis und unseren Ressourcen unterstützen. Glaube bedeutet nicht nur, an Christus zu glauben, sondern auch, wie Christus zu leben und seinen Fussstapfen zu folgen. Wie der heilige Jakobus uns erinnert: Der Glaube ohne Werke ist tot. Lasst uns daher Missionare der Hoffnung sein.

 

P. Peter Chanel Gomes, geboren 1981 in Tuital/Dhaka in Bangladesch. 2011 Priesterweihe in der Erzdiözese Dhaka. Seit 2022 Nationaldirektor der Päpstlichen Missionswerke in Bangladesch.

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