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Franziska Brücker singt und komponiert für ihre Band Mad Girl, bildet mit Lea Dudzik das Duo Rice, arbeitet mit dem Zürcher Künstlerkollektiv «Der Pfeil» und unterrichtet Gesang in Luzern und Altdorf.

John Voirol ist Dozent für Saxophon am Institut Jazz der Hochschule Luzern, leitet dort verschiedene Ensembles. Er hat über 40 Jahre mit Musikern aus aller Welt verschiedene Musik-Genres durchforstet.

Aus der Stille wachsen Klang und Kraft

Stimmen, Saxophon und die Weisheit von Psalmen finden zusammen zu einem besonderen Konzert. Die Jazz-Vesper – dieser Tage in der Berner Dreifaltigkeitskirche und in Bern-Bethlehem.

Ruhig und still zeigt sich der Kirchenraum. Es brennen ein paar Kerzen. Im Chor stehen Mikrophone und liegen Kabel. Immer wieder betreten Besucherinnen und Besucher die Kirche und suchen in den Bänken verteilt einen Platz. In der friedlichen Atmosphäre des Gotteshauses sinnen sie ihren Gedanken nach oder unterhalten sich flüsternd, ohne jemanden zu stören. Wenn dann John Voirol und Franziska Brücker dazu stossen, beginnt ihr Konzert nicht mit einem Paukenschlag sondern ganz leise.

«Wach auf meine Seele»

In und aus der Stille wachsen Töne und Klänge – die Atmosphäre verändert sich durch ein feines Zwiegespräch zwischen Saxophon und Stimme, das allmählich in Fahrt kommt. Es ist ein Erlebnis, welch warme Töne John Voirol diesem funkelnden metallenen Blasinstrument entlockt. Dank dem kleinen Holzplättchen, das im Mundstück die Töne erzeugt, vibriert sich dieser Klangkörper durch die ganze Kirche und singt und schwingt und swingt. Melodien entwickeln sich, türmen sich auf als Gefühlskaskaden, um schliesslich überall in der Kirche, in jedem Seitenschiff und auch zuhinterst auf der Empore zu verklingen, sich zu verstreuen, als Schwall oder tröpfchenweise die menschlichen Seelen zu erreichen.

«Spring nicht mehr fort von dir selbst»

Es sind nicht Songs oder Lieder, welche Sängerin Franziska Brücker interpretiert. Sie ist selber das Instrument. Ihre Stimme löst sich im freien Fall und steigt empor: Sie «chüschelet» und «tüsselet» durch den Raum. Sie findet Kratzer und Kerben, oder auch bunte Kombinationen, sie reckt und streckt sich mal fast wie ein Schrei gegen oder mit dem Saxophon, aber dann doch nicht – denn es ist eine leise Koloratur zu vernehmen, als wäre grad der Gesang erfunden worden. Erstaunte Klänge umgarnen die Welt. Dazu braucht es weder Worte noch aufgeschriebene Noten. Die Stimme streichelt und berührt, sie kritisiert und protestiert. Aus diesem Mund kommt ein ganzes Orchester von Farben zwischen hell und dunkel. Diese Musik lässt nachdenken, voraus schauen und hier sein.

«Nimm deine Gefühle wahr»

Improvisation ist immer etwas Provisorisches. Darin steckt die Echtheit des gerade Erfundenen. Sie ist verletzlich und überraschend. Mitten hinein liest André Flury die Texte des Schriftstellers Pierre Stutz. Sie sind gewachsen auf der Kraft der Psalmen, dieser verdichteten Lebenserfahrung, dieser Suche nach Sinn, diesem Schrei in tiefster Not, diesem Kampf gegen Unrecht. Psalmen sind Gotteslob und feiern das Vertrauen ins Leben und die Hoffnung trotz allem. Psalmen sind zweieinhalbtausend Jahre alte jüdische Gebete, von christlichen Kirchen, Klöstern, Musik und Literatur vielfältig aufgenommen. Und hier ganz neu beäugt, bespielt, betrachtet. In sphärischen Tönen von heute.

«Folge deiner Intuition»

Wenn zu einer Jazz-Vesper geladen wird, sind die Kirchen nicht gerade mit Publikum überfüllt. Vielleicht haben viele Menschen keinen Zugang zu der Musik, die als Jazz bezeichnet wird. Obschon sie nicht abschreckt oder verängstigt. Diese Musik sucht und findet eigentlich jede und jeden. Vielleicht stösst der kirchliche Raum manche Menschen ab, die Mühe mit der Kirche als Institution haben. Vielleicht denken wir zuviel in Schemen und Normen, um solch spirituelle Impulse neuer Art zu suchen. Denn die Jazz-Vespern sind weder übliche Konzerte noch klassische Gottesdienste. Doch sie feiern das Leben als Musik aus der Seele. Eigene Gefühlswelten können mitschwingen, Erfahrungen von Leid, Freude und Hoffnung einen Ausdruck finden.

«Befreie uns Gott»

Es ist «eine mystische Erfahrung», sagt André Flury, Initiator des Projekts Jazz-Vesper. «Eine ganz neue Form von Meditation oder Gottesdienst». Modern sind auch die Gedichte von Pierre Stutz. Der bekannte Buchautor bringt die Psalmen in eine heutige Sprache und verbindet sie mit urmenschlichen, existentiellen Erfahrungen.

Freitag, 25. September 2020, 19.00-19.45 Uhr
Dreifaltigkeitskirche, Taubenstrasse 4, 3011 Bern
mit Pfarreiseelsorgerin Ursula Fischer und André Flury (Worte)

Sonntag, 27. September 2020, 17.00-17.45 Uhr
St. Mauritiuskirche, Waldmannstrasse 60, 3027 Bern-Bethlehem
mit Pfarreiseelsorgerin Katrin Schulze und André Flury (Worte)

jazz-vesper.ch

jazzvesper.info

16. September 2020
erstellt von Kommunikationsstelle
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