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Bei uns schlafen Sie besser... - Regina Moscato

„Ferien“ und „Ausschlafen“ sind für viele Menschen synonyme Begriffe. Wer ausserhalb der Ferienzeit gerne lang und viel schläft, gilt im Alltag nicht unbedingt als Vorzeigemodell einer produktiven Arbeitskraft. Nur in den Ferien scheint der „Siebenschläfer“ unter den Menschen seine Bedürfnisse einmal ohne Gewissensbisse ausleben zu dürfen. Dabei haben aber „psychologische Tests und Messungen mit dem Elektroenzephalografen (EEG) offenbart, dass das Gehirn im Schlaf hochproduktiv ist. Es verarbeitet nicht nur tagsüber gemachte Erfahrungen, sondern vertieft und festigt sogar alles neu Gelernte.“ (vgl. Ulrich Schnabel: Vom Glück des Nichtstuns, S.105)

Im Schlafen sind wir produktiv, im Ruhen schöpferisch: „Dichter, Musiker und Denker bezeugen: Müssiggang ist aller grossen Ideen Anfang. Schöpferische Einfälle kommen uns häufig gerade dann, wenn wir sie nicht herbeizuzwingen versuchen, sondern die Gedanken schweifen lassen und der sprichwörtlichen Muse die Zeit und Gelegenheit geben, uns zu küssen. Und welcher Ort wäre dafür besser geeignet als das eigene Bett?“ (vgl. Ulrich Schnabel: Vom Glück des Nichtstuns, S.103)

Und last but not least möge der „Schlaf“ uns über jedwede Ferien hinaus zum Symbol einer Grundhaltung werden, die uns hilft, dem Leben - vor allem manchen Sorgen darin – zu begegnen:

 

„Nun sagt man mir, dass es Menschen gibt,
die gut arbeiten und schlecht schlafen.
Die nicht schlafen. Welcher Mangel an Vertrauen in mich. 
Das ist noch fast schlimmer, als wenn sie schlecht arbeiteten, aber gut schliefen,
als wenn sie nicht arbeiteten, aber schliefen…
Wie sich das Kind unschuldig bettet im Arm seiner Mutter,
so betten sie sich ja nicht unschuldig im Arm meiner Vorsehung. 
Sie haben Mut zu der Arbeit. Sie haben nicht Mut zum Nichtstun.
Sie haben die Tugend der Arbeit. Doch haben sie nicht die Tugend des Nichtstuns (...)
Wer nicht schläft, ist untreu der Hoffnung.
Und das ist die grösste Untreue.
Weil es die Untreue gegen den grössten Glauben ist.
Arme Kinder, am Abend verwalten sie ihre Geschäfte mit Weisheit,
doch entschliessen sich nicht, wenn es Abends wurde, bescheiden sich nicht
deren Verwaltung anzuvertrauen meiner Weisheit. 
Als sei ich vielleicht nicht fähig, etwas mich darum zu kümmern,
sie zu lenken und zu verwalten mit all diesem Drum und Dran. 
Ich verwalte ja noch ganz andere, ihr armen Leute, 
ich lenke die Schöpfung, vielleicht ist das noch schwieriger.
Ihr könntet vielleicht ohne grossen Schaden eure Geschäfte 
In meine Hände legen, ihr weisen Menschen. 
Ich bin ja vielleicht ebenso weise wie ihr.
Für die Dauer einer Nacht könntet ihr sie mir vielleicht überlassen.
Die Zeit, die ihr schlaft,
möchte ich meinen. 
Und am anderen Morgen fändet ihr sie vielleicht nicht allzu verdorben (…)
Ich aber sage euch: Wer es versteht, dem Morgen zu überlassen, der ist Gott am 
wohlgefälligsten.
Wer wie ein Kind schläft, der schläft auch wie meine liebe Hoffnung.
Und ich sage euch: Überlasst nur dem morgigen Tage jene Sorgen und Leiden, die euch heute zernagen
Und die euch heute verzehren könnten.
Überlasst dem Morgen das Schluchzen, das euch erstickt,
wenn ihr das heutige Unglück gewahrt.
Dieses Schluchzen, das in euch aufsteigt und das euch würgt.
Überlasst nur dem Morgen die Tränen, die Augen und Kopf euch erfüllen. 
Die euch überschwemmen. Euch niederfallen. Die euch rinnen, die Tränen.
Denn zwischen heute und morgen bin ich, Gott, vielleicht an euch vorübergegangen.“

(Charles Péguy: Im Schweigen des Lichts. Freiburg 1982,96-99)

14. Juli 2012