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Ursula Muther, Verwalterin, erlebt die Zusammenarbeit zwischen der Landeskirche und den pastoral Tätigen als fruchtbar. Foto: Niklaus Baschung

Die Landeskirche: Hardware für das kirchliche Leben

Interview: Niklaus Baschung

Die röm.-kath. Landeskirche des Kantons Bern kann in diesem Jahr ihr 30-jähriges Bestehen feiern. Trotzdem können sich manche Kirchenmitglieder unter dieser Institution wenig vorstellen. Weshalb?

Ursula Muther: Das ist nachvollziehbar, denn die Landeskirche ist eine Organisation im Hintergrund, ein "Dachverband" für die Kirchgemeinden des Kantons. Katholiken kennen normalerweise ihren Pfarrer, ihre Pfarrei. Den Begriff Kirche bringen sie in Verbindung mit dem Bischof und mit pastoralen Tätigkeiten. Und in diesem Kontext findet ja auch das Leben der Gläubigen statt. Kommt dazu, dass die Landeskirche des Kantons Bern eine junge Institution ist.

Was macht für Sie die Landeskirche heute unverzichtbar?

Es ist wichtig, dass auf der Kantonsebene eine Organisation die Interessen der Kirche in ihrer regionalen Vielfalt vertritt. Die einzelnen Kirchgemeinden werden mit immer komplexeren Fragen konfrontiert, so dass eine übergeordnete Koordination notwendig wird. Mit der Mobilität der Gesellschaft sind die Menschen auch immer weniger in einer einzelnen Pfarrei verankert. Die Landeskirche betreut vor allem die Spezialseelsorge wie in Gefängnissen, im Spital, in einem Care-Team, die von einer Kirchgemeinde allein gar nicht geleistet werden kann. Dieser Aufgabenbereich hat an Bedeutung zugenommen.

Sie haben als Verwalterin zahlreiche Geschäfte für die Synode, das Parlament der Landeskirche, mit vorbereitet. Dabei gilt es, pastorale Anliegen mit Interessen der Kirchgemeinden zu verknüpfen. Wie erleben Sie solche Verhandlungen?

Es gibt keine Schwierigkeiten, wenn alle ihre Grenzen und Kompetenzen respektieren. Die Landeskirche hat den Zweck, den Rahmen zu bilden, während für die inhaltlichen Fragen die pastorale Seite zuständig ist. Die Zusammenarbeit erlebe ich als fruchtbar und respektvoll. Hingegen bedaure ich, wenn die für die Seelsorge Verantwortlichen die Entlastung von administrativen Aufgaben durch die Verwaltung zuweilen als Einmischung empfinden.

2006 verabschiedete die Synode, das Parlament der Landeskirche, eine Erklärung, in der sie die Zulassung von Viri probati und der Frauenordination verlangt. Noch immer wird auf die Antwort des Bischofs gewartet. Bereut die Landeskirche mittlerweile diese Erklärung?

Die Landeskirche bietet hier eine Plattform für die Kirchenbasis, um ihre Anliegen beim Bistum zu deponieren. Daher macht die Erklärung durchaus Sinn. Selbstverständlich liegen diese Fragen zu strukturellen Veränderungen. nicht in unserer Kompetenz, aber wir können den Bischof auf die Sorgen und Wünsche der Gläubigen aufmerksam machen. Die Hoffnung, dass die Erklärung rasch konkrete Folgen hat, habe ich nie geteilt.

Bereits mehrmals konnte die Synode im Berner Rathaus tagen. Wie wichtig ist diese öffentliche Anerkennung?

Die öffentliche Anerkennung der Kirchgemeinden war im Kanton schon vor der Gründung der Landeskirche gewährleistet. Die Verbindung von Kirche und Staat ist wohl in keinem anderen Kanton so stark, wie auch die Besoldung der Pfarrstellen durch den Berner Staat zeigt. Die Beziehung ist respektvoll, bei kirchlichen Fragen werden wir angehört und einbezogen. Zurzeit wird mit einer Motion im Grossen Rat gefordert, dass Pfarrstellen künftig via Kirchensteuern zu bezahlen seien. Das würde diese Beziehung auf den Prüfstand stellen und hätte einschneidende Folgen für die Finanzierung der pastoralen Aufgaben.

An der nächsten Synode wird das Synodepräsidium und der Synodalrat neu bestimmt und die neu gewählten Synodalen führen ihre erste Sitzung durch. Was motiviert Menschen zu diesem Dienst für die Kirche?

Es sind oft Menschen, die sich allgemein in der Verantwortung gegenüber der Gesellschaft sehen und diese nun im Rahmen der Landeskirche wahrnehmen. Synodale können die eigentliche Kirchenstruktur nicht verändern, das wäre eine falsche Erwartung, aber sie können die finanziellen und organisatorischen Mittel zur Verfügung stellen, damit die pastoralen Aufgaben wahrgenommen werden können. Es ist daher hilfreich, wenn die Abgeordneten bereits entsprechende Erfahrungen in ihren Kirchgemeinden gemacht haben.

Vor welchen Herausforderungen steht die Landeskirche in naher Zukunft?

Die Kirche muss gegenüber der Öffentlichkeit, gegenüber dem Steuerzahler besser darstellen, für welche Dienste, für welche Werte sie einsteht. Ansonsten wird sie an Bedeutung verlieren und muss, wie die erwähnte Motion zeigt, mit empfindlichen Einbussen rechnen. Die Herausforderung besteht also in der Glaubwürdigkeit, mit der die Kirche ihre Anliegen vertritt. Dazu gehört auch die Hintergrundarbeit wie sie die Landeskirche und die Kirchgemeinden leisten. Sie bilden, um einen Vergleich mit der Computerwelt zu machen, die Hardware für das kirchliche Leben.

Sie selber werden ab 1. August als Direktorin das Jugendheim in Prêles, ein Heim für Jugendliche im Massnahmenvollzug, führen. Bringen Sie da auch Erfahrungen aus Ihrer Tätigkeit in der Kirche ein?

Ich gehe zurück zu meinen Wurzeln, denn vor der Managementweiterbildung habe ich Sozialarbeit studiert. Aus meiner Tätigkeit in der Kirche nehme ich die zahlreichen Begegnungen mit interessanten, engagierten Menschen mit spannenden Hintergründen mit. Von dieser Zusammenarbeit werde ich weiterhin profitieren. Auch in meiner neuen Aufgabe wird es um menschliche Beziehungen gehen - das ist der rote Faden in meiner beruflichen Laufbahn.

Interview:  Niklaus Baschung

10. Juni 2012