News

Antonio Perissinotto ist Wirtschaftsinformatiker und aktiv in der Missione Cattolica di lingua italiana di Berna. Er engagiert sich zum Beispiel im Consiglio Pastorale und ist Mitglied der Projektgruppe «Zukunft» der Gesamtkirchgemeinde Bern und Umgebung.

Die Missione Cattolica di lingua italiana in Bern - Foto: Matthias-Dominic Hoyos

Foto: Matthias-Dominic Hoyos

«Die Missione ist Heimat nicht nur für Menschen aus Italien»

Zur Gesamtkirchgemeinde Bern gehören zwölf Kirchgemeinden und zwei Missionen. Eine Neuorganisation soll gleiche Rechte für alle katholischen Mitglieder möglich machen - damit Menschen aus den Missionen besser mitreden können. Antonio ­Perissinotto von der Missione Cattolica di lingua italiana gibt Auskunft.

Sind Sie sowohl ä Bärner Giel wie ein Secondo?

Antonio Perissinotto: Als Kind machte ich in der Jungwacht Dreifaltigkeit mit. Aber ich war auch ein Kind der Missione Cattolica. Als Jugendlicher habe ich geholfen, ab 1979 die Pfadfinder*innen in der Missione aufzubauen, die es immer noch gibt. Heute engagiere ich mich vielfältig zum Beispiel als Präsident der Informatikkommission der Gesamtkirchgemeinde und auch ausserhalb der Kirche.

Ihre Eltern haben mitgeholfen, die Missione aufzubauen?

Mein Vater war Elektromonteur und meine Mutter half im Restaurant der Missione aus. Wie zahlreiche andere Migrant*innen bauten sie mit den Missionaren die Missione Cattolica mit viel Eigenleistungen und Herzblut auf. Es sollte ein Treffpunkt für die vielen Saisonniers und Familien werden. Damals lebte man noch den Traum, Geld zu verdienen, um später nach Italien ­zurückzukehren. Es gab Weiterbildungen und beim Essen im Restaurant konnten sich die Arbeiter wie zu Hause fühlen.

Gab es eine italienische Schule?

Die Migrantenfamilien wollten ihre Kultur behalten als Vorbereitung zur Rückkehr ins Heimatland. Mit Sonderstatus wurden Kindergarten, Grundschule und eigene Lehrer*innen zugelassen. Die Kinder mussten für weiterführende Schulen nach Italien. Ich bin froh, dass meine Eltern sich bald für den Verbleib in der Schweiz entschieden und mich in der Länggasse einschulten.

Hat sich die Missione immer gewandelt?

Die Geschichte geht bis ins Jahr 1927 zurück. Zeitweise über 4000 Arbeiter*innen aus Italien wurden von den Bonomellianer-Priestern ­betreut. 1947 übernahmen die Scalabrinianer die Unterstützung der Migrant*innen. Die Missione Cattolica ist heute Heimat nicht nur für Menschen aus Italien. Viele Mitglieder unserer Gemeinschaft leben in sprachlich gemischten Ehen oder haben eine andere Nationalität als Italien oder die Schweiz. Wir sind nun eine Art italienischsprachige Pfarrei.

Wie unterscheiden sich Missionen von Kirchgemeinden?

Unsere Gemeinschaft ist nicht wie eine Kirchgemeinde als Territorium abgegrenzt. Die Mitglieder sind überall in der Region Bern zu Hause und durch die Sprache verbunden. Das Centro familiare und die Sozialberatung sind Teil des Netzwerkes der Fachstelle Sozialarbeit FASA, wie auch das interessante Projekt für die Unterstützung von Flüchtlingen mit der eritreisch-katholischen Gemeinschaft. Wir suchen die Zusammenarbeit in der Kirche und den Quartieren.

Werden nun Missionen staatskirchenrechtlich besser integriert?

Wir sind Teil der einen katholischen Kirche. Wir alle sind getauft und wollen deshalb eine Zwei-­Klassen-Gesellschaft verhindern. Leider sind die Missionen seit der neuen Verfassung nur noch indirekt über die Kommission für anderssprachige Gemeinschaften im kantonalen Landeskirchenparlament vertreten. In der Gesamtkirchgemeinde Bern sollen wir nun möglichst wie die territorialen Kirchgemeinden behandelt werden. Rechtlich, finanziell, bei Infrastruktur und Personalem, den Vertretungen in Gremien wie dem Grossen Kirchenrat usw.

Bringt das viel Veränderung?

Die Missionen könnten sich in Zukunft ähnlich wie Kirchgemeinden organisieren. Ein gewählter Missionsrat würde das duale Prinzip der Kirche analog der Kirchgemeinden sicherstellen. Durch die enge Zusammenarbeit in der Gesamtkirchgemeinde haben wir die Chance, einen gemeinsamen Weg zu gehen. Mit diesen Strukturen können wir unseren Gemeinschaften mehr Kontinuität bieten.

Ein Sprung in etwas Neues?

Ich bin zuversichtlich, dass wir mit der neuen Organisation das Bewährte behalten und Neues weiterentwickeln können. Ich bin kein Jurist. Doch ich habe bei der Erarbeitung des neuen Organisationsreglements in der Arbeitsgruppe viel Solidarität gespürt. Es ist eine respektvolle Suche nach dem gemeinsamen Weg. Katholisch-­Bern ist wie eine Familie. Geprägt von gegenseitiger Zuneigung, Vergebung, einem liebevollen Miteinander und dem Festhalten am Willen Gottes können wir eine aufrichtige Gemeinschaft erfahren. Dies sind übrigens Worte von Papst Franziskus, der 2021 zum Jahr der Familie ausgerufen hat. So entsteht Kirche: gemeinsam offen und unterwegs.

Interview: Karl Johannes Rechsteiner

 

Seit 2019 hat eine Projektgruppe im Auftrag des Grossen Kirchenrates ein neues Organisationsreglement für die römisch-katholische Gesamtkirchgemeinde Bern und Umgebung erarbeitet. Es wird nächstens im Kirchenparlament beraten und kommt voraussichtlich gegen Ende 2021 vors Volk.

www.kathbern.ch/zukunftgkg

12. März 2021
erstellt von Karl Johannes Rechsteiner
  • Kirche und Staat
  • Brennpunkte
  • Kommunikationsdienste