Bischof Felix Gmür vor der Solothurner Kathedrale. Foto: Pascal Tissier

Wir sind Menschen mit einem hörenden Herz

Liebe Schwestern und Brüder

Vor einem Jahr wurde ich zum Bischof von Basel geweiht. Die Feier fand in Olten statt, weil unsere Bistumskathedrale kurz davor ausgebrannt war. Seither wird sie renoviert. Auf der Baustelle treffen sich verschiedene Spezialistinnen und Spezialisten, um ein gemeinschaftliches Projekt umzusetzen. Sie haben ein gemeinsames Ziel und verfolgen es mit grosser Hingabe. Die Baustelle verändert sich jeden Tag. Ständig sieht man Fortschritte. Die Baustelle lebt. Sie ist ein lebendiges Universum.

Die Renovationsarbeiten laufen auf Hochtouren, so dass die Kathedrale am 30. September wieder eingesegnet werden kann. Die alte Kirche erstrahlt in einem neuen Kleid, und zusätzlich bereichern sie neue Elemente, z.B. ein neuer Altar.

Was für unsere Kathedrale gilt, das gilt auch für die Kirche, ja für uns alle. Wir nehmen in unserem Leben viel Altes mit, denn wir sind geprägt durch unsere Erfahrungen. Dazu kommen neue Begegnungen und Erlebnisse, Herausforderungen und Pläne. So verbinden sich im Lauf der Zeit stets Altes und Neues. Wir alle, unsere Pfarreien, ja die ganze Kirche ist damit eigentlich immer in Renovation. Die Geschichte zeigt, dass die Art und Weise, den Glauben weiterzugeben und zu leben, sich immer gewandelt hat. Das gilt auch für die kirchlichen Strukturen, das Verhältnis der Kirche zur Welt und anderes mehr. Gerade für unsere Tage stelle ich fest, dass sich auch die Kirche im Bistum Basel stark wandelt.

Den Glauben ins Spiel bringen! Ich spürte im vergangenen Jahr eine grosse Bereitschaft, sich dem Wandel und den veränderten Bedingungen zu stellen. Das ist ermutigend, und dafür bin ich dankbar. Ich will aber nicht verschweigen, dass ich auch Ängste und sogar Resignation erfahren habe. Die Menschen stellen sich zu Recht wichtige Fragen. Kann und soll sich denn alles verändern? Wo führt das hin? War es denn früher nicht auch gut? Was bringen die neuen Pastoralräume? Wie können wir heute das Evangelium verkünden, dass es auch wirklich bei den Leuten ankommt?

Wir Christinnen und Christen orientieren uns bei wichtigen Fragen zunächst an der Bibel.

"Rede, Herr; denn dein Diener hört" (1Sam 3,9), sagt Eli zu seinem Schüler Samuel. Dieses Wort ist eine Art Konzentrat der Botschaft des Alten Testaments. Der Mensch wird als Gottes Diener gesehen. Sein Dienst richtet sich nach demWillen des Herrn. Das ist so zentral, dass wir es in jedem Vaterunser als Bitte wiederholen: "Dein Wille geschehe". In die gleiche Richtung geht mein Wahlspruch als Bischof: "Begreift, was der Wille des Herrn ist"(Eph 5,17).

Wie können wir den Willen des Herrn begreifen? "Rede, Herr; denn dein Diener hört". Gott redet; wir hören. Wir Christen glauben an einen Gott, der spricht. Er spricht zu uns. Hören! Hier tut sich für uns eine Baustelle auf. Es ist ein ganzes Lebensprogramm, das uns die Bibel aufgibt: Hören. Das Wort Gottes soll bei uns richtig ankommen, unser Leben prägen, unser Herz berühren. Mit unseren Herzen hören wir nachhaltiger als mit unseren Ohren. Deshalb bittet König Salomon Gott um ein hörendes Herz(vgl. 1 Kon 3,9).

Wer mit dem Herzen auf Gott hört, öffnet sich für seinen Willen. Das ist ein dauernder Prozess. Salomon bittet um ein hörendes Herz, damit er sein Volk gut regieren kann. Wir brauchen hörende Herzen, um nach Gottes Willen gemäss dem Evangelium zu leben. So tragen wir dazu bei, dass die Kirche und die Gesellschaft nachhaltig vom Evangelium geprägt sind. Am besten helfen uns dabei persönliche Kontakte. Jesus lädt die beiden Johannesjünger zu sich nach Hause ein: "Kommt und seht!" (Joh 1,39). Ich ermuntere Sie, einladende Menschen zu sein, alte Beziehungen freundschaftlich zu pflegen und neue Beziehungen wohlwollend zu knüpfen.

Mit uns Christinnen und Christen, die das Wort Gottes im Herzen hören und uns ständig wandeln, wandelt sich auch die Kirche. Es ist ein Fortschritt zum Guten hin, weil die Beziehung zu Gott tiefer und das Verhältnis zu unseren Mitmenschen menschlicher wird. In dieser Hoffnung grüsse ich Sie und bitte für Ihr Leben um den Segen Gottes.

Ihr +Felix Gmür, Bischof von Basel

4. Februar 2012