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"Dünn wie Apfelschale" - Angela Büchel Sladkovic

Während der letzten Monate war ich in einer muslimisch-christlichen Arbeitsgruppe unterwegs. In den Sitzungen und Gesprächen waren mir die „fremden“ Frauen in vielen Momenten sehr vertraut, die unterschiedliche Religionszugehörigkeit schien irrelevant, mehr noch, etwas Verbindendes war zu spüren. Dann wieder wurde mir bewusst, dass wir als Mehrheit und Minderheit dieses Land unterschiedlich wahr­nehmen, dass die hitzige Debatte um den Islam Musliminnen natürlich ganz anders trifft, dass sie mit Widerständen kämpfen, die uns anderen fremd sind. In manchen Augenblicken und manchen Worten taten sich wiederum Welten auf, die faszinierten… befremdeten… herausforderten… 

Wie geht es Ihnen mit Differenzen? Welche Unterschiede machen Ihnen zu schaffen, welche Differenzen empfinden Sie als produktiv? Hilde Domin, die unfreiwillige Weltenbummlerin, die jahrelang auf der Dominikanischen Insel lebte, erzählte in ihren Lesungen manchmal eine Geschichte. Darin kam zum Ausdruck, welches Ausmass an Bedeutung Hilde Domin der unterschiedlichen Hautfarbe ihrer MitbewohnerInnen gibt - dünn wie Apfelschale. Die Haut, die Hülle, die Kleidung, das Kopftuch, etc. ist nicht alles… dahinter steckt viel mehr: pulsierendes Leben. Ich lese die Geschichte als Einladung, nicht beim Offensichtlichen, nicht beim sichtbar Trennenden, stehen zu bleiben. Es gibt eine zweite und dritte Lesart. 

Ich persönlich habe mir vorgenommen, es wie Eva zu machen - Sie wissen schon, die vom Anfang der Geschichte, die Mutter alles Lebendigen: neugierig, wissensdurstig, offen neuen Erkenntnissen gegenüber lasse ich mich vom Unbekannten verführen und koste den Apfel. Ich weiss, das Bild ist etwas schief, da unsere Schalen zu achten sind; gerade weil sie so dünn sind, bedarf es der besonderen Achtsamkeit. Überschreiten kann ich nur eigene Grenzen. Also: Ich verzichte auf das „Paradies“ und gebe mich in die Differenzen hinein, auch wenn ich ringen muss mit Gegensätzlichem und mich plagen mit vielen Fragen. Ich gehe Wege, öffne mich den Menschen jenseits meiner Schalen, bereit, mich von ihnen nähren zu lassen. Das gemeinsame Essen wird kräftig sein.    

20. März 2012