Ein Schwarmgeist und das Gottvertrauen

Die Moosegg bietet 1000 Meter über dem Emmental eine herrliche Aussicht auf die Alpen - und ist Gastgeberin für ein begeisterndes Schauspiel nach Simon Gfeller. Lebens- und Glaubensfragen werden mit Ernsthaftigkeit und einem Lächeln inszeniert. Die Spielfreude des grossen Ensembles samt Kindergruppe macht aus dem Stück ein Erlebnis. Ein Gespräch mit Regisseur Simon Burkhalter.

Vor 150 Jahren wurde Simon Gfeller im emmentalischen Trachselwald geboren. Mit seinen Mundartgeschichten eroberte er in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts die Herzen eines breiten Publikums. Fürs diesjährige Gedenkjahr entschloss sich der junge Regisseur Simon Burkhalter das eher unbekannte Stück "Schwarmgeischt" aufzuführen, das noch nie seinen Weg auf eine Bühne gefunden hat. Der Stoff packte den 23-jährigen Förderpreisträger der Burgergemeinde Bern: "Das Original strotzt vor Wortwucht und einem gewaltigen Berndeutsch." Es brauchte eine Überarbeitung des Stücks, um es zu verdichten und daraus einen ergreifenden Abend zu gestalten. Burkhalter machte sich an die Arbeit und schenkte dem Gfeller-Schauspiel mehr Tempo und Aktualität und profilierte die Figuren.

1914 ist in einem Weiler im Emmental die Welt noch in Ordnung. Stüdi, eine junge Mutter ist mit ihren Kindern alleine auf dem Hof, ihr Mann an der Front. Sie gibt ihr Bestes, um im Alltag zu bestehen. Halt findet sie bei einem benachbarten Kesselflicker und seiner Frau. Auf einmal erkrankt ihr Kind schwer, die Tante meint, es sei gegen das Gottvertrauen, einen Arzt beizuziehen und will das Kind durch Gebet und Handauflegen heilen. Das bringt Stüdi mit sich und ihrem Glauben in Konflikt.

Ähnlichkeiten zu Gotthelf

Das Theater wird auf einer charmanten Waldbühne aufgeführt. Sehr passend, weil der "Schwarmgeist" selber in den Högern und Chrächen des Emmentals spielt - ähnlich wie die Geschichten des Jeremias Gotthelf. "Grundsätzlich merkt man, dass Gfeller ähnlich wie Gotthelf sein Umfeld gut beobachtete", erklärt Simon Burkhalter: "Die Figuren sind keine Kunstfiguren, sondern könnten unter uns gelebt haben." Und eben, was bei Gfeller besonders auffalle, sei seine gewaltige Sprache: "Seine Werke sind wahre Epen und strotzen nur so vor sprachlichem Bilderreichtum." Doch die Story ist keineswegs veraltet, sondern birgt viel Aktualität in sich. Die grösste Parallele zu heute sieht Burkhalter denn auch in der Übertragbarkeit: "Der fanatische Glaube von Elise, das Festhalten an Idealen bringt die Familie in eine verzwickte Situation." Im Stück heisse es so schön: "Es isch aus e Frag vom Mass. Es isch nüt uf dere Wäut so guet, dass es im Übermass nid würd schade."

Fanatismus war und bleibt aktuell und gefährlich. "Das Stück lebt von der Thematik des Gefangenseins in einem fanatischen Gedankengut", sieht Simon Burkhalter die Bezüge zu heute. Es bleibe jedoch nicht alles nur dunkel und grau. Eine Protagonistin bleibt in ihren Gedanken sehr klar: "Trotz ihres schicksalhaften Lebens hat sie nie den Halt oder den Glauben an Gott verloren", beschreibt der Leiter des Moosegg-Freilichtspiele diese hoffnungsvolle Figur: "Sie erkennt aber, dass man seine Menschenpflicht erfüllen muss und nicht nur auf höhere Mächte vertrauen darf."

Eindrucksvolle Sprache, beredtes Schweigen

Alle Figuren im "Schwarmgeist" sprechen auf der Bühne viel. Aber sie schweigen genau so oft. "Gfeller schafft es, eine Ruhe zu gestalten, von welcher seine Texte und Figuren leben", ist Simon Burkhalter fasziniert. Gfeller selber schrieb über seine Figuren in diesem Drama: "Ich weiss sehr gut, wie gerne man auf dem Theater leidenschaftlich feurige Menschen sieht. Aber wenn ich unseren Stamm schildern und dafür Verständnis erwecken wollte, dürfte ich ihn doch nicht anders schildern, als er ist. Auch beim Spielen sollte alles seinen gemächlichen Trapp gehen." Sein Anliegen sei "ein gefährliches Experiment", wusste Gfeller: "Vielleicht trägt aber doch die innere Wahrheit den Sieg davon über äusserliches Gebaren." Diese Aussage beschreibt treffend, was Simon Burkhalter und auch das Publikum am "Schwarmgeist" besonders gefällt. Die sechs Darstellerinnen und Darsteller machen aus dem Text eine äusserst lebendige Geschichte. Feinfühlig begleitet von extra dazu komponierter Musik.

kjr

www.freilichtspielemoosegg.ch

20. Juni 2018
erstellt von Kommunikationsstelle
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