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Bistumskathedrale. Bild: cc, pppspics, flickr.com

Soziale Studien

Bei 70 %-Arbeitszeit bleibt mir neben der Beschäftigung im Haushalt noch reichlich Zeit für anderes; denn irgendwann sind die Toiletten geputzt, die Speiseresten entfernt und die Spinnweben vernichtet. So habe ich es mir zum Hobby gemacht, soziale Studien zu betreiben. Da wähle ich einen ganz pragmatischen Ansatz und will dabei meine Sinne schulen. Das geht so. Ich setze mich irgendwo auf eine Parkbank, in eine Gasse einer Stadt oder eben wie heute auf die untersten Treppenstufen vor die Bistumskathedrale in Solothurn. Danach schliesse ich die Augen und versuche anhand der Schritte herauszufinden, zu welcher sozialen Schicht, zu welchem Milieu oder welcher Berufsgattung die Passanten gehören. Meine Fähigkeiten sind schon «Wetten dass»-würdig. Da – ich höre schlurfende Schritte und rieche Zigarettenrauch. Jawohl ... ein Lehrling auf dem Weg zur Berufsschule. Dann, zackig dynamische Schritte! Ich öffne die Augen und wieder ein Volltreffer: unser Bischof Felix auf dem Weg zu einem Pfarreibesuch. Dann höre ich längere Zeit keine Schritte mehr. 

M: Träumst Du?
Ich öffne die Augen und M steht vor mir. Ich habe ihn nicht gehört. P: Nein, ich mache soziale Studien – du weisst schon – mein neues Hobby. Aber Dich habe ich nicht gehört. Schleichst Du?
M: Von wegen. Eigentlich war ich schön laut. Aber vor dir bin ich wie ein «Nichts»!
P: Sorry! Einige «pfarrblatt»-LeserInnen haben mir auch schon gesagt, sie vermuten, dass es dich gar nicht gibt. 
M: Na ja! Einen wie mich kann man schon vergessen oder noch mehr, gar nicht sehen wollen.
P: Aber du stehst hier vor mir, leibhaftig.
M: Aus Fleisch und Blut.

Ich stehe auf und wir schlendern hinunter Richtung Aare, dann über die Fussgängerbrücke.

M: Deine «pfarrblatt»-LeserInnen haben mich einfach noch nie gesehen. Deshalb glauben sie nicht, dass es mich gibt.
P: So sollte ich wohl ein Foto von Dir in das «pfarrblatt» stellen. 
M: Unterlass das bitte. Entweder glauben sie, dass es mich gibt, oder sie lassen es sein. Oder denkst Du, dass ein Foto meine Existenz beweist? Du könntest irgendeines nehmen! 
P: Ja, wer weiss denn schon, wer M ist. Ähnlich ist es mit diesem G. Dieser lässt sich auch kaum beweisen, man muss ihn erfahren.
M: Ja, auch von G kann man kein Foto in ein «pfarrblatt» stellen. Es wäre ein Bild, und es ist besser, wenn man kein fixes von G macht.
P: Deshalb diese Bilderverbots-Story. Dann gibt es noch einige Leser, die glauben, ich hätte die Erlebnisse mit dir frei erfunden. 
M: Das könnte schon eher stimmen.
P: Sie müssten dabei gewesen sein, damit mir geglaubt würde.
M: Ein wenig hast du schon dazu erfunden. 
P: Okay, ich gebe es zu. Die Phantasie ist teilweise mit mir durchgebrannt. So habe ich die eine oder andere Geschichte an einen anderen Ort gelegt. 
M: Oder mehrere Erlebnisse aneinandergereiht, sozusagen, um die Spannung so richtig aufzubauen. 
P: Vielleicht ist es jenen auch so ergangen, welche die biblischen Geschichten geschrieben haben.
M: Meinst Du, sie haben Erfahrungen und Erlebnisse neu geordnet. 
P: ... interpretiert! 
M: ... konstruiert! Das ist starker Tobak!

M und ich zünden nach diesem Dialog eine Zigarette an, rauchen genüsslich und blasen den Rauch Richtung Himmel hinauf. Ein schönes Bild, nicht? Damit es gesagt ist: Hier habe ich nicht die Wahrheit geschrieben. M raucht nämlich seit 8 Jahren nicht mehr. 

Patrik Böhler, Religionspädagoge, Erwachsenenbildner, Mitarbeiter der Fachstelle Religionspädagogik, lebt in Bern. Autorenportraits

8. November 2012