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Suzanne Brun war auch Vizepräsidentin des Katholischen Frauenbundes Bern. Foto: jm

Heiliger Zorn

Suzanne Brun, 90, ist seit sie denken kann mit Kirche und Glauben tief verbunden. Nach dem zweiten Vatikanischen Konzil arbeitete sie ab 1972 in der Kommission für Soziales der Synode 72 mit. Acht Jahre war sie Mitglied im Seelsorgerat des Bistums Basel. In verschiedenen ökumenischen Projekten engagierte sie sich mit ihrem reformierten Ehemann. Nun hat sie der heilige Zorn gepackt.

Frauen wie Suzanne Brun, Männer, Priester, Ordensleute und Jugendliche sorgten nach dem letzten grossen Konzil dafür, dass der frische Wind, der die vatikanischen Räume lüftete, auch die Kirche der Schweiz erreichte. Ab 1972 waren Frauen und Männer, Laien und Priester zu gleichen Teilen an den Prozessen der Synode 72 beteiligt, die sich den Reformen annahmen: «Nicht wie letztes Jahr an der Familiensynode in Rom, an der nur eine Handvoll Frauen teilnehmen durfte», greift Frau Brun ein aktuelles Beispiel auf: «Ich schätze den neuen Papst sehr, habe es aber nicht verstanden, dass die Frauen, wie damals an der Synode 72, nicht zu gleichen Teilen vertreten waren.»

Suzanne Brun, voller Energie und Herzlichkeit, sitzt in ihrem Haus in Grosshöchstetten. Neben ihr ein Krückstock. Sie erholt sich gerade von einer Operation an der Hüfte. Das Wohnzimmer ist erfüllt von Wintersonnenlicht und voller Bücher. Sie trinkt einen Schluck Tee. «Als ich kürzlich das Interview des neuen Nuntius gelesen habe, der darin forderte, Pfarreien ohne Priester müssten schliessen, hat mich das tief traurig gemacht. Alle Pfarreien rund um uns, Konolfingen, Münsingen, Worb, werden von sogenannten ‹Laien› geleitet. Da ist viel Leben, tätige Seelsorge und tiefes, tragendes Gebet in diesen Pfarreien. Wie kann ein Würdeträger solchen Unsinn fordern?» Sie ist direkt mit Händen zu greifen, ihre Empörung darüber, dass ihr langes Wirken für ein fruchtbares Miteinander von Laien und Priestern, für eine lebendige Ökumene in Frage gestellt wird. «In unserer Arbeit in der Synode 72 erlebte ich, dass der damalige Bischof von Basel mit einem reformierten Theologen gemeinsam Eucharistie feierte und die Kommunion aus der Hand einer Frau empfing. Das gab mir und meinem Mann den Mut – wir lebten ja in einer Mischehe – gemeinsam abwechslungsweise bei den Reformierten am Abendmahl teilzunehmen und bei den Katholiken zur Eucharistie zu gehen», erzählt Suzanne Brun und erinnert sich: «Ich bin sehr katholisch aufgewachsen und weiss noch, dass ich einmal als kleines Mädchen aus dem Religionsunterricht weinend nach Hause kam, weil der Pfarrer gesagt hatte, dass nur die Katholiken in den Himmel kommen. Ich fand das ungerecht, weil mein Vater reformiert war. Da hat mich meine Mutter in die Arme genommen und gesagt, weisst du, wir Christen sind wie ein starker Baumder seine Wurzeln in Christus hat. Jeder Ast am Baum wächst in eine eigene Richtung, aber alle stammen vom selben Stamm ab. So sind auch die Reformierten und alle Menschen in Gottes Hand. Meine Mutter war eine tiefgläubige Frau.» Sie unterbricht kurz und schiebt dann nach: «Sie können nun einschätzen, wie mir die Öffnung nach dem zweiten Vatikanischen Konzil gutgetan hat.»

Später, ab 1983, als Suzanne Brun Mitglied des Seelsorgerates war, eines Beratungsgremiums des Bischofs von Basel, kam eine Weisung der Schweizer Bischöfe an die Öffentlichkeit, die das gemeinsame Abendmahl wieder verbot. Ein herber Rückschlag, erinnert sich die 90-jährige: «Um uns im Rat etwas zu beruhigen und uns auf kirchlichen Kurs zu bringen, lud unser Präsident den damaligen Theologieprofessor und heutigen Kardinal Kurt Koch ein. Er hielt einen Vortrag über das sogenannte Dogma der Eucharistie.» Ihr Gesicht verrät, dass sie heute noch darüber hell entsetzt ist: «Man kann doch ein Liebesmahl, ein Sakrament, das die Menschen mit Gott verbindet, nicht in ein Dogma einsperren. Ich hörte eine Viertelstunde zu, dann unterbrach ich Kurt Koch und forderte, dass nun zuerst einmal aus dem ersten Brief an die Korinther, Kapitel 13, vorgelesen werde – sie wissen, aus dem hohen Lied der Liebe. Koch konnte seinen Vortrag nicht beenden. In der Pause kam Pater Roland Trauffer, damals auch Mitglied des Rates, zu mir und sagte: Frau Brun, sie haben eine gefährliche Ausstrahlung. Und ich sagte zu ihm: …und sie sind ein sehr intelligenter Mensch – sie müssen diese Intelligenz aber mit Verantwortung wahrnehmen.»

Ob sie heute das Gefühl habe, die Reformbewegungen seien gescheitert, frage ich sie. Suzanne Brun schüttelt energisch den Kopf: «Im Gegenteil. Überall arbeiten auch verheiratete Theologinnen und Theologen in den Pfarreien, es gibt viele Frauen in Gemeindeleitungen, wir haben Fortschritte in der Ökumene gemacht, denken sie an den Weltgebetstag der Frauen. All das wäre doch ohne das Konzil und die Synode 72 nicht gewachsen. Wir müssen einfach dazu Sorge tragen und dürfen uns nichts vormachen lassen von Ewiggestrigen, die ihren eigenen Machterhalt höherstellen als die Sorge um die Menschen.» Sagt’s und greift zur Teetasse: «Man sollte doch etwas tun jetzt, gegen diese Anmassung. Deshalb habe ich mich gemeldet bei Ihnen.» Herzlichen Dank, Frau Brun.

Jürg Meienberg


Lesen/Hören Sie zum Thema:
"Die Kirche muss das Bild der Ehe polieren",
Ein Interview mit Nuntius Thomas Gullickson, Tagesanzeiger 15.12.2015
"Pfarreien ohne Priester schliessen". Kommentar von Bernhard Waldmüller, pfarrblatt Nr.1-2 , 23.12.2015
"Vatikan-Botschafter provoziert." Bericht in der Rundschau, SRF, 27.1.2016

Kirchliche Allianz «Es reicht!»

Leserbriefe zum Thema "Nuntius Gullickson" finden Sie HIER

27. Januar 2016
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