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Die unabhängige Wahrheitskommission stellt in Tegucigalpa, der Hauptstadt von Honduras, ihren Bericht vor, welcher die Ereignisse im Zusammenhang mit dem zivil-militärischen Putsch von 2009 untersucht. Foto: zVg

Im freiwilligen Einsatz für bedrohte Menschenrechte

 Ich bin seit Anfang August in Honduras und begleite als Teil eines 4-köpfigen Teams Menschenrechtsverteidiger/innen bei ihrer Arbeit. In Honduras werden seit dem zivil-militärischen Putsch von 2009, Personen gezielt verfolgt, die sich für das Recht auf Land, Arbeit, freie Meinungsäusserung und politische Selbstbestimmung einsetzen. Der Grund liegt darin, dass sich mit dem Putsch einige Superreiche an die Macht gehievt haben, die den Staat als ihre eigene Firma verstehen mit der sie viel Gewinn erwirtschaften können.

 Seit 2009 wurden beispielsweise die Bildung privatisiert, der Mindestlohn gesenkt, die zuvor begonnene Landreform rückgängig gemacht und im grossen Stil Land, Flüsse, Strände, Seen und Gebiete mit Bodenschätzen an ausländische Konzerne und Privatpersonen verkauft. Grossprojekte wie Bergbau, Wasserkraftwerke, neuartige Tourismuszentren und sogenannte "Modellstädte" stehen für grosse Gewinne, andernseits aber auch für soziale Desaster: Vertreibungen, verseuchte Böden, fehlendes Grundwasser, abgeholzte Tropenwälder. Zudem wurde Honduras in den letzten drei Jahren zum wichtigsten Drogenumschlagplatz in Zentralamerika: 73% des Drogenhandels von Süd- nach Nordamerika wird über das zentralamerikansiche Land abgewickelt. Davon profitiert nicht nur das organisierte Verbrechen, sondern ebenso zahlreiche Personen aus Regierungs- und Wirtschaftskreisen.

Wahrheitskommission

Wer sich allerdings gegen diese Politik des Ausverkaufs und der Bereicherung wehrt, lebt äusserst gefährlich. Dies zeigt die Statistik: Seit 2009 wurden über 190 Personen im Widerstand gegen diese Politik gezielt ermordet, unter ihnen zahlreiche Anwälte, Aktivistinnen und Aktivsten von Bauernorganisationen, Schwulen- und Lesbenbewegung und Gewerkschaften, zudem besonders auffällig viele Frauen. Der jüngst veröffentlichte Bericht einer unabhängigen Wahrheitskommission beschreibt 1662 Fälle von schweren Menschenrechtsverletzungen seit dem Putsch.

 In diesem Kontext leistet das Internationale Menschenrechts-Begleitprojekt (PROAH), welches von Peace Watch Switzerland unterstützt wird, einen wichtigen Beitrag zur Stärkung der Arbeit von Menschenrechtsverteidiger/innen vor Ort. Ich selber bin seit August Freiwilliger bei PROAH. Wir begleiten beispielsweise Anwältinnen und Zeugen vor Gericht, sind in Dörfern präsent, in denen es jüngst zu Übergriffen gegen die Zivilbevölkerung kam und begleiten bedrohte Aktivisten von Basisorganisationen bei ihrer Arbeit. 

Unbeschreibliche Hingabe

Unsere Arbeit findet in einem durch Gewalt geprägten Umfeld statt, in dem Basisorganisationen einen beeindruckenden Kampf um ihr Recht auf Selbstbestimmung und eine existenzsichernde Lebensgrundlage führen. Doch inmitten zahlreicher Frustrationen, beeindruckt mich die unbeschreibliche Hingabe zahlreicher Menschen und ihr Glaube an Veränderungen. Ich möchte Ihnen zwei Beispiele dafür erzählen: Alfredo Lopez ist Vizepräsident der Basisorganisation OFRANEH, welche über 60 Garifuna-Gemeinden an der Karibikküste Honduras' vertritt. Das Garifuna-Volk stammt ursprünglich aus Afrika, flüchtete vor der Sklaverei und siedelte im 16. Jahrhundert an die Nordküste Guatemalas, Honduras' und Nicaraguas. Gemeinsam mit Freiwilligen aus seinem Dorf betreibt Alfredo "Coco dulce", ein Basisradio, welches ungeschminkt über die Ereignisse in der Region berichtet. Alfredo ist ein gefragter Mann im Kampf gegen den Verlust ihres seit über 450 Jahren bewohnten Landes. Er weiss genau Bescheid über die Strategien von Grossgrundbesitzern, Regierung, internationalen Organismen und Tourismuskonzernen zur Eroberung ihres Landes, besonders der Strände und Bodenschätze. 

Aus diesem Grund war er über sieben Jahre im Gefängnis. 2010 wurde das einfache Haus seiner Familie von Unbekannten niedergebrannt. Eine Aufklärung dieser Ereignisse hat nie stattgefunden. Doch Alfredo ist nicht zum Schweigen zu bringen. Gestern (4. Oktober 2012) begleitete ich ihn zum Gericht, wo Fausto, ein armer Mann aus seinem Volk wegen "Landraubs" angeklagt war - dies, weil sich sein reicher, weisshäutiger Nachbar an seiner misslichen Hütte störte. Alfredo liess den Richter wissen, dass die Anklage ohne jegliche Rechtsgrundlage geführt wird und dass die wahren Gründe für die Anklage der weitverbreitete Rassismus gegen die Garifuna-Bevölkerung, sowie die Interessen an ihrem Land seien. Alfredo ist für viele Garifuna Grund zur Hoffnung: Auch wenn in den nächsten Jahren zahlreiche Garifuna-Gemeinden ihr Land an Grossinvestoren verlieren werden, dank Menschen wie Alfredo werden gleichzeitig viele Menschen in ihrem Kampf um ihr Land gestärkt. Alfredo meinte: "Solange Garifunas um ihr Land kämpfen, haben sie eine Zukunft, eine Hoffnung und eine Identität."

 Wahrheitskommission

 Am 3. Oktober wurde in der Hauptstadt Tegucigalpa der Bericht der unabhängigen Wahrheitskommission einer grossen Öffentlichkeit vorgestellt, welcher die Ereignisse im Zusammenhang mit dem zivil-militärischen Putsch von 2009 untersuchte. Im Bericht kommen zahlreiche Opfer von Menschenrechtsverletzungen, sowie Angehörige von Ermordeten zu Wort, die erstmals einer grösseren Öffentlichkeit berichten konnten, was ihnen angetan wurde. Diese Tatsache gibt unzähligen Menschen Mut, die lange Zeit nur Lügen und Beschönigungen über die Ereignisse hören konnten. Eine Mutter, die ihren Sohn bei den Protesten 2009 verlor, sagte stellvertretend für viele: "Es tut gut, endlich die Wahrheit zu hören. Ich wusste immer, dass mein Sohn kein Verbrecher war, doch nun steht das endlich auch in einem offiziellen Dokument." Mit dem Wahrheitsbericht verbindet sich der grosse Wunsch, dass in Honduras endlich die Wahrheit gesagt und gehört werden darf. Wahrheit kann so zum Grundstein für eine neue Gesellschaft werden, in der Gerechtigkeit, Aufrichtigkeit und die Sorge für das Wohl aller Menschen der Straflosigkeit, Korruption und dem Recht des Stärkeren ein Ende setzen. Doch bis dahin ist es noch ein langer Weg. 

Herzliche Grüsse mit viel karibischer Sonne aus Tela, Honduras! 

Andreas Hugentobler-Alvarez 

10. Oktober 2012