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Die Jubla Lyss Biel auf der Reise ins Sommerlager 2011. Foto: zVg

"Kinder dürfen sagen, was sie denken"

Haben Sie kürzlich eine gute Tat vollbracht?

Lia Batschelet: Während den letzten zwei Wochen habe ich J+S Jubla-Kurse geleitet. Den jungen Leitern wurde zum Beispiel beigebracht, wie sie mit schwierigen Kindern umgehen können, wie ein Lagerprogramm zusammengestellt werden soll. Meine ganze Tätigkeit bei Jubla kann man als gute Tat verstehen, etwa wenn ich einer Schar von Kindern im Sommerlager den Zugang zur Natur näherbringe.

Ist dies bei der Jubla ein Anspruch, gute Taten zu vollbringen?

Wir vertreten nicht das Motto: "Jeden Tag eine gute Tat". Es geht uns auch weniger um eine einzelne Handlung, wie: "Einem schwachen Menschen über die Strasse helfen". Wichtig ist die Richtung unseres breitgefächerten Handelns. Wir wollen die Kinder ermuntern, begeistern, bei ihnen die Freude wecken, sich in Richtung einer positiven Lebenseinstellung zu entwickeln.

Für die Jungwacht in ihren Gründerjahren war die Erziehung von jungen Menschen wichtig. Sie sollen unter anderem lernen, sich in der Gemeinschaft einzufügen. Wie wichtig ist für Sie solches Gemeinschaftsdenken?

Das steht an erster Stelle der fünf Grundsätze der Jubla an unseren Anlässen und im Lagerleben: zusammen sein; kreativ sein; Natur erleben; mitbestimmen; Glauben leben. Wir haben nicht das Ziel, die Kinder zu erziehen, aber sie sollen lernen, zu teilen, Rücksicht zu nehmen, auf andere einzugehen. Wir sprechen die einzelnen Kinder darauf an, wenn sie Zuhause einen anderen Umgang gewohnt sind, aber die meisten Lagerteilnehmer stellen sich schnell auf dieses Zusammenleben ein. Mitbestimmung gehört wesentlich auch dazu: Die Kinder dürfen sagen, was sie denken und ihre Meinung wird bei einem Entscheid berücksichtigt.

Während die Jungwacht früher in einheitlicher Uniform aufgetreten ist, kommt die Jubla wie ein bunter Haufen daher. Ist bei der heutigen Individualisierung eine einheitliche Bekleidung nicht durchsetzbar?

Manchmal wären wir froh über ein uniformes Erkennungsmerkmal, das uns von einem gewöhnlichen Schulklassenausflug unterscheidet. Das Bedürfnis, sich mit einer gemeinsamen Kleidung als Gruppe zu identifizieren, ist jedenfalls vorhanden. Ich finde es sehr cool, wenn alle im Lager dasselbe T-Shirt tragen, mit einem Motto drauf und einem guten Bild. Dieses wirkt nicht wie eine Uniform, sondern ist individuell gestaltet. Und das Mitmachen ist freiwillig. Wenn das Tragen einer Uniform obligatorisch wäre, würden sich viele Kinder und Jugendliche dabei unwohl fühlen.

Jungwacht und Blauring waren geschlechtergetrennte Organisationen. Was für Erfahrungen machen sie nun mit den gemeinsamen Aktivitäten von Jungen und Mädchen bei der Jubla Lyss Biel?

An vielen Orten in der Schweiz führen Mädchen und Jungen weiterhin getrennte Gruppenstunden durch. Beide Formen haben ihre Vorteile. Ich persönlich würde es mit Frauen allein wahrscheinlich nicht aushalten. Durch gemeinsame Aktivitäten erlernt man den Umgang mit dem anderen Geschlecht, lernt die Verschiedenheiten zu verstehen. Im Lager selber führen wir bewusst auch reine Mädchen- oder Bubenaktivitäten durch. Die Genderfrage wird bei der Jubla ernst genommen, indem dazu angeregt wird, das natürliche und das soziale Geschlecht voneinander zu trennen. Mädchen dürfen sich zutrauen, Zelte zu bauen, Jungs werden akzeptiert, wenn sie gerne Bastelarbeiten machen.

Die Jubla ist mit der katholischen Kirche verbunden, will aber offen sein auch für Kinder und Jugendliche anderer Konfessionen und Kulturen? Wo ist der Glaube bei der Jubla noch wahrnehmbar?

Da gibt es je nach Region sehr grosse Unterschiede. Bei der Jubla Lyss/Biel führen wir während dem Sommerlager einen Besinnungstag durch, der aber so gestaltet wird, dass sich nicht nur katholisch geprägte Kinder angesprochen fühlen. Denn die Lagerteilnehmerlnnen sind Angehörige ganz unterschiedlicher Konfessionen. Grundsätzlich bin ich der Meinung, dass sich der Glaube bei der Jubla in vermittelten christlichen aber auch allgemein menschlichen Grundwerten ausdrücken soll: aufeinander Rücksicht nehmen, den Schwachen helfen, Gemeinschaft pflegen. 

Interview: Niklaus Baschung 

15. Mai 2012