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Óscar Arnulfo Romero, der Kämpfer gegen Ungerechtigkeit, wird in Südamerika schon lange wie ein Heiliger verehrt. Hier ein Bild in einem Waisenhaus in San Salvador. Foto: Larry Towell, Keystone

Moderne «Heilige» an der Westminster Abbey in London: Martin Luther King, Oscar Romero, Dietrich Bonhoeffer. Foto: flickr

Strassenhändler in San Salvador mit Romero Devotionalien. Bild: Reuters

Monseñor Óscar Arnulfo Romero wird seliggesprochen

Was noch vor wenigen Jahren kaum denkbar erschien, wird jetzt vor Pfingsten möglich. Óscar Romero aus El Salvador wird von der katholischen Kirche auch deshalb seliggesprochen, weil er sich an der Seite der Armen für mehr Gerechtigkeit in der Welt einsetzte.


Von Franz-Xaver Hiestand SJ*


«Komm, Heiliger Geist, und sende vom Himmel her Deines Lichtes Strahl. Komm, Vater der Armen; komm, Geber der Gaben; komm, Licht der Herzen; (…) beuge, was starr ist; wärme, was kalt ist; und richte gerade, was krumm wuchs», heisst es sinngemäss in der sogenannten «Pfingstsequenz». Das ist eines der grossen Gebete, in denen sich am Fest des Heiligen Geistes Christen weltweit an Gott wenden.
Mag sein, dass sich dieses Jahr nicht wenige Menschen ein wenig erhört fühlen, wenn sie die Worte dieses Gebetes sprechen. Mag sein, dass sie etwas aufatmen. Mag sein, dass sie sich sagen, dass der ungestüme und unberechenbare, der warmherzige und tröstende Heilige Geist in seiner Kirche immer noch wirksam ist. Denn am 23. Mai dieses Jahres wird Óscar Arnulfo Romero im mittelamerikanischen Land El Salvador seliggesprochen. Dieser Bischof aus Zentralamerika verkörpert beispielhaft den Weg jener Kirche, die sich zunächst an die Reichen und Mächtigen hielt und dann, erschüttert angesichts des Leidens der Menschen, neu orientierte und ihren Einsatz für den Glauben und mehr Gerechtigkeit mit ihrer Auslöschung bezahlte.

Aus einfachen Verhältnissen
Óscar Arnulfo Romeros Biografie spiegelt den Wandel wider, den die Kirche Lateinamerikas nach dem II. Vatikanischen Konzil vollzog. Im Jahre 1917 kam er im Osten des Landes in einer achtköpfigen Familie in einfachen Verhältnissen zur Welt. Nach handwerklicher und schulischer Ausbildung trat er 20-jährig ins Priesterseminar ein. Schon nach einem halben Jahr wurde er zum Studium an die Päpstliche Jesuiten-Universität Gregoriana nach Rom geschickt. Dort wurde er mitten im 2. Weltkrieg 1942 zum Priester geweiht. Ein Jahr später kehrte er in seine Heimat zurück und wurde Pfarrer, Rektor des Priesterseminars und 1967 Sekretär der Bischofskonferenz seines Landes. 1970 wurde er zum Weihbischof ernannt und 1977 zum Erzbischof von San Salvador, der Hauptstadt seines Landes, geweiht. Damals galt er als einer der Wunschkandidaten der reichen Familien und des konservativen Teils des Klerus.

Persönlicher Wandel
Schon im Jahr seines Amtsantritts sah er sich mit politischen Morden an Campesinos und Priestern konfrontiert. Ende Februar 1977 schossen Sicherheitskräfte und die Armee auf einen Zug von Demonstranten, die gegen die kurz zuvor gefälschten Wahlen protestierten. Als kurz darauf Romeros Freund, der sozial engagierte Jesuit Rutilio Grande, erschossen wurde, war das für ihn nach eigenen Angaben ein Schlüsselerlebnis. In der Folge verweigerte er seine Teilnahme an offiziellen staatlichen Veranstaltungen.
Er fürchtete von da an nicht mehr nur die Gewalt der Guerilla, sondern wandte sich auch gegen die Gewalt, die von der staatlichen Armee und paramilitärischen Truppen, die von reichen Familien bezahlt wurden, ausging. Wie viele lateinamerikanische Bischöfe in ihren Konferenzen von Medellín (1968) und Puebla (1979) verstand er die Kirche nun mehr und mehr als «Volk Gottes, das sich mit den Leiden und Hoffnungen des Volkes, insbesondere der Unterdrückten, identifiziert». Das Evangelium neu lesend, begann er, eine Sozialordnung anzuprangern, die auf Ungerechtigkeit und Ausbeutung gründete, und nahm Partei für die Armen.
Am 23. März 1980 richtete er in seiner letzten Predigt in der Kathedrale von San Salvador einen eindringlichen Appell an die Soldaten des Militärregimes, das damals seit einem Jahr das Land beherrschte: «Kein Soldat ist gezwungen, einem Befehl zu folgen, der gegen das Gesetz Gottes verstösst. Einem amoralischen Gesetz ist niemand unterworfen. Es ist an der Zeit, dass ihr euer Gewissen wiederentdeckt und es höher haltet als die Befehle der Sünde.»
Am Tag darauf, am 24. März 1980, wurde er während eines Gottesdienstes bei der Gabenbereitung von einem Auftragskiller erschossen. Sein Tod wurde zum Auftakt des Bürgerkriegs, der zwölf Jahre dauerte, 75 000 Tote forderte und erst mit dem Friedensabkommen 1992 ein Ende fand.

Rasche Verehrung
Seit vielen Jahren verehrt das Volk in El Salvador seinen ehemaligen Erzbischof als Heiligen. Sein Ruf verbreitete sich rasch in ganz Lateinamerika und darüber hinaus. Am Westportal der anglikanischen Westminster Abbey in London steht seit 1998 die steinerne Statue des Erzbischofs Romero in ökumenischer Eintracht mit Frauen wie Manche Masemola und Esther John und Männern wie Dietrich Bonhoeffer und Maximilian Kolbe. Sie alle sind Märtyrerinnen und Märtyrer des 20. Jahrhunderts. Und die Episcopal Church in den USA nahm Romero 2006 probeweise in ihren Kalender auf. Dauerhafte Verehrung bildet bei Seligsprechungen ein wichtiges Merkmal für die kirchliche Anerkennung. Zusammen mit anderen Kriterien wird es in einem gründlichen Verfahren geprüft.
Zehn Jahre nach dem Tod Romeros setzte die Diözese San Salvador den Seligsprechungsprozess in Gang. Im Jahre 1996 wurde das Verfahren nach Rom weitergeleitet. Doch die Angst, ein selig gesprochener Erzbischof, der Partei für die Unterdrückten ergriffen hat, könnte politisch instrumentalisiert werden, erwies sich dann offenbar als Bremsklotz für den Prozess. Es war schliesslich Papst Franziskus, der das Verfahren wieder deblockierte. Anfang 2015 verkündete er: «Der Erzbischof von El Salvador ist ein Märtyrer, der für seinen Glauben gestorben ist.» Jetzt wird Monseñor Romero am 23. Mai zusammen mit drei peruanischen Märtyrern seliggesprochen.

Märtyrer neuen Typs
Das römische Dekret, das die Seligsprechung Romeros verkündet, sieht im «Hass gegen den Glauben» den Grund für Romeros Tod. Der Jesuit Martin Maier, der mehrere Jahre in El Salvador als Pfarrer und Hochschuldozent gearbeitet hat, ergänzt jedoch: «Es gibt auch Märtyrer, die umgebracht werden, weil sie sich für die Gerechtigkeit einsetzen.» Romero sei nach seiner Interpretation ein Märtyrer neuen Typs. Er sei der erste Märtyrer in der katholischen Kirche, der nicht wegen seines Glaubens umgebracht worden ist, sondern, weil er Unrecht angeprangert hat. Maier beruft sich dabei auf Papst Franziskus selbst, welcher eine mögliche Seligsprechung Romeros schon im August 2014 öffentlich sowohl mit dessen Glaubenstreue als auch mit dessen Einsatz für Gerechtigkeit in Zusammenhang brachte.

Kraft der Erinnerung
Sein jüngstes Buch «Entschiedenheit und Widerstand » beendet der Freiburger Moraltheologe Eberhard Schockenhoff mit einem Nachwort. Er übertitelt es mit «Dank an die Märtyrer ». Darin schreibt er, dass «das Gedenken an die Märtyrer eine heilende Kraft für die Gemeinschaft – eines Volkes, der Kirchen oder einer Ordensfamilie (besitzt). Bei allem Versagen wichtiger Institutionen, wie des Staates oder der Kirchen, erinnern die Märtyrer doch daran, dass es in ihnen auch Menschen gab, die nicht den bequemen Weg der Anpassung gingen, sondern die andere Möglichkeit des Widerstands wählten. Von der Erinnerung an ihren Mut und ihre Bereitschaft, dafür in den Tod zu gehen, geht eine heilende und versöhnende Kraft aus, die erst in der Rückschau erkannt wird.»

Würdigung der Befreiungstheologie
Die Seligsprechung Óscar Romeros tröstet viele Christinnen und Christen in Lateinamerika, die noch leben und in den 1960er und 1970er Jahren des letzten Jahrhunderts aus christlicher Überzeugung heraus in die Opposition zu ihren brutalen und korrupten Militärregierungen gingen. Denn sie betrachten Romero als einen der ihren.
Diese Seligsprechung würdigt auch die Befreiungstheologie. Denn obgleich Romero nicht einfach zu dieser Theologie zugerechnet werden kann, liess er sich doch mehr und mehr von vielen ihrer Überlegungen und Methoden leiten.
Schliesslich weckt diese pfingstliche Seligsprechung die Hoffnung, dass auch bisher unbekannte Frauen und Männer, die sich in Lateinamerika und wo immer sonst für mehr Glaube und mehr Gerechtigkeit in der Welt abmühten und dabei getötet wurden, dereinst auf diese Weise geehrt werden.

 

*Der Jesuit Franz-Xaver Hiestand ist Leiter der katholischen Hochschulgemeinde (aki) Zürich

20. Mai 2015