News

Die Seelsorgerin Judith Bélat im Regionalgefàngnis Biel. Foto: Eberhard Fink

Seelsorge zwischen Verbänden und Handschellen

Seit Beginn ihres Theologiestudiums ist Judith Belat als katholische Seelsorgerin im Spitalzentrum Biel tätig. Heute arbeitet sie zudem in den Untersuchungsgefängnissen Biel und Bern und im Frauengefängnis Hindelbank. In ihrer Arbeit sucht sie das Verbindende der Religionen, sie glaubt an die Hoffnung und die Kraft des Guten. "Dem Reformator Martin Luther wird folgende Äusserung zugeschrieben: wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich heute ein Apfelbäumchen pflanzen. Ihm möchte ich antworten: Aber ich würde am Abend einen Ap­felkuchen backen."

Judith Belat wirkt offen, oft gerade zu fröhlich, was angesichts ihres nicht leichten Alltags überrascht. Was hat sie dazu bewogen, Spitalseelsorgerin zu werden? "Ich bin in einem religiösen Umfeld aufgewachsen. Religion war für mich nie ein Gegensatz zum täglichen Leben, sondern eine wunderbare Chance. Ich entschied mich für das Studium von Theologie und Philosophie, obwohl ich die Aufnahmeprüfung ans Konservatorium bestanden hatte."

Beziehungsangebot

Judith Belats Aufgaben im Spitalzentrum sind vielfältig. Oft sind es Pflegende, Angehörige oder Ärzte, die sie bitten, Patienten zu besuchen. Die Kranken nehmen das Beziehungsangebot mit Freude an. Die Seelsorgerin berät und unterstützt die Patienten - und oft auch die Angehörigen - in Glaubens-, Lebens- und Sinnfragen. Sie schweigt mit ihnen, hält mit ihnen aus, betet, segnet, hört zu. Sie gestaltet Gottesdienste, betreut Freiwilligengruppen, berät in ethischen Fragen, macht Sterbebegleitung - sie ist da.

"Den direkten Kontakt zu den Patienten schätze ich sehr. Ich bin der Überzeugung, dass derjenige, der glauben kann, zwar nicht sein Leben verlängern, aber die Lebensqualität steigern kann."

Und wie kam Judith Belat zur Arbeit in Gefängnissen? "Da gibt es nichts Originelles oder Spannendes zu erzählen", winkt sie ab. Ein Berufskollege, der im Gefängnis arbeitete, wurde pensioniert, Judith Belat übernahm seine Aufgaben. Ist die Arbeit in einem Spital und in einem Gefängnis nicht voller Gegensätze? Judith Belat schmunzelt: "Im Gefängnis treffe ich meine Kunden jederzeit an, im Spital nicht unbedingt!" In der Untersuchungshaft sei der psychische Leidensdruck der Menschen oft besonders gross. Nach der Verurteilung verbüssen die plötzlich leere Zeit, Ablenkungen durch Medien oder Arbeit fallen weitgehend weg. Der Mensch wird transparenter, offener für religiöse und spirituelle Fragen." Oft werde auch Bilanz gezogen: "Was ist mir wichtig im Leben, wo setze ich neue Schwerpunkte?" Oder es setzt sich die Erkenntnis durch: "Es hätte auch andere Wege gegeben."

Von der Tapferkeit, den vielfältigen Lebens- und Glaubensgeschichten ist die Theologin immer wieder beeindruckt, vieles berührt sie. Etwa der Patient, der glaubt: "Hinter dem Horizont ist immer noch ein anderer Horizont, wenn du traurig bist." Sie macht oft die Erfahrung, dass bereut wird, was der Mensch verpasst oder gar nicht getan hat. Es stimmt sie traurig, wenn ein Patient, der kurz nach der Pensionierung schwer erkrankt, ihr sagt, das Leben sei an ihm vorbeigerauscht. Ohne Empathie und Mitgefühl, so Judith Belat, wäre sie am falschen Platz. Sie habe jedoch gelernt, sich abzugrenzen. Die fröhliche, leichte Seite, die die Seelsorge mit sich bringen kann, wie Hochzeiten, Taufen, Firm- oder Konfirmandenunterricht, fallen in ihrem Tätigkeitsfeld weg. Die Präsenz am Krankenbett und an das Gute Kraft. Einen Ausgleich finde ich im Geigenspiel, bei Spaziergängen und im Gesang." Zudem sei Humor wichtig, oft kann sie sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. "Zum Beispiel, wenn ein Gefängnisinsasse von mir wissen will, ob sich der Richter mit 5000 Franken bestechen lasse. Oder wenn mich eine über­zeugten Atheistin bittet, für sie zu beten."

 

Seelsorge im Spitalzentrum

Die Seelsorge des Spitalzentrums Biel begleitet Patienten und deren Angehörige auf ihrem Glaubens- und Lebensweg. Hauptaufgaben der Spitalseelsorge sind seelsorgerische Gespräche, Begleitung und Betreuung von Schwerkranken und Sterbenden, Begleitung und Beratung von Angehörigen, Präsenz im Notfall und die Durchführung von Gottesdiensten sowie von liturgischen Handlungen und Ritualen. Nebst der römisch-katholischen gibt es im Spitalzentrum auch eine evangelisch-reformierte Seelsorge.

 Karin Ledermann

* Dieser Artikel ist zuerst in der Hauszeitung "à propos" des Spitalzentrums Biel erschienen und wurde freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

26. Mai 2014