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Unser Spiegelbild in Afrika

Mitte November ist der Kinostart des preisgekrönten Dokumentarfilms "African Mirror - René Gardis Afrika" von Mischa Hedinger.

Das Kino an der Berner Schwanengasse heisst immer noch Kino Rex. Anfangs der 1960er-Jahre lief dort "Mandara - ein aussergewöhnliches Filmdokument aus Kamerun von René Gardi" mit Aufnahmen und Gestaltung durch den Berner Filmpionier Charles Zbinden. Dort, wo vor bald 60 Jahren dieses "filmische Wunderwerk aus Afrika" gezeigt wurde, kommt nun ein Dokumentarfilm über den damaligen "Zauber der schwarzen Wildnis" ins Programm. "African Mirror - René Gardis Afrika" von Mischa Hedinger ist ein Film mit Sprengkraft, der hinter dem schwärmerischen Afrikabild des Berner Reiseschriftstellers René Gardi Abgründe entdeckt. Nach seiner Premiere an der Berlinale hat der Film bereits eine erfolgreiche Festivalkarriere hinter sich und wurde soeben mit dem Berner Filmpreis 2019 ausgezeichnet.

In Bern ist der Film zurzeit im Kino Rex zu sehen.

Info: www.africanmirror.ch - http://www.rexbern.ch

Wie René Gardi nach Bern zurückkehrt

René Gardi prägte das Schweizer Afrikabild und schwärmte in Büchern, Fernsehsendungen und Filmen von den schönen nackten Wilden und der vormodernen Zeit. Ein neuer Dokumentarfilm von Mischa Hedinger blickt nun hinter diese Klischees und hält uns einen Spiegel vor.

Es geschah irgendwann während meiner Primarschulzeit in den 1960er-Jahren. Da betrat ein kräftiger Mann unser Klassenzimmer im Berner Brunnmattschulhaus und erzählte uns Geschichten aus Afrika und zeigte Fotos dazu: der legendäre Reise-Schriftsteller René Gardi aus Bern. Während meine Schulkameraden an seinen Lippen hingen, faszinierten mich seine Storys offenbar weniger, wohl weil ich Afrika bereits von Erzählungen aus Missionsheften und Besuchen der Missionare aus meiner Familie kannte, wenn sie über ihr Leben in Tansania oder Simbabwe berichteten. In Erinnerung sind mir jedoch die buschigen Augenbrauen des auffälligen Schulbesuchers geblieben. Diese Episode kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass René Gardi (1909-2000) über Jahrzehnte hinweg unser Bild des afrikanischen Kontinents und seiner Bewohner*innen prägte.

Nun hat Mischa Hedinger aus Zürich darüber einen Dokumentarfilm gedreht. "African Mirror - René Gardis Afrika" erzählt die Geschichte unseres Afrikabildes. Der 35-jährige Filmemacher erklärt: "Das Afrikabild des Westens ist bedingt durch die Selbstwahrnehmung. Man sieht sich im Anderen. Jede Gesellschaft hat das Bedürfnis nach Bildern des Anderen, um dadurch ihre eigene Identität zu bestimmen." So ist Hedinger überzeugt, "dass Gardis Werk nicht von Afrika und den Afrikaner*innen handelt, sondern von uns und unserer Geschichte." Dann zitiert er den kamerunischen Philosophen Achille Mbembe: "Das, was wir 'Afrika' nennen, ist eine Ansammlung von Wünschen, Sehnsüchten und naiven Fantasien. Diese werden gefördert, weiterverbreitet und bewirtschaftet."

René Gardis heile Welt

Mischa Hedinger hat seinen Film aus Bild-, Ton- und Textdokumenten des Archivs von René 
Gardi zusammengestellt. Durch die Montage des Materials versucht er, die Widersprüche und Konflikte des Archivs herauszuarbeiten. So beginnen die alten Bilder neu zu denken. Die angeblich heile Welt war René Gardis Paradies - sein Afrika wurde zur Projektionsfläche für die Sehnsüchte der Zuhausegebliebenen. In den Bildern spiegelt sich unser europäisches Selbstverständnis. Der Film zeigt, wie das Bildermachen auch eine Form des Kolonialismus ist.

Dass dies keinesfalls eine vergangene Geschichte und historische Fussnote ist, beweist das tägliche Afrikabild der heutigen Medien. So publizierten die Tageszeitungen der Tamedia samt "Bund" und "Berner Zeitung" erst vor wenigen Tagen eine Reportage einer Wissenschaftsjournalistin über eine Namibia-Reise, die den einst von René Gardi inszenierten Bildern in nichts nachsteht. Zum Titel "Wie Ballack zu den Himba kam" bildet der Aufhänger ein Foto tanzender barbusiger junger Frauen - im Text wird dann von Dünen, Hütten in Form von Igluzelten (in Afrika!) und traditionellen Stammeskulturen geschwärmt, zu denen Haarzöpfe und rötlich bemalte Oberkörper gehören. Oder es wird über fremdartige Klick- und Schnalzlaute der lokalen Sprachen gefaselt, während wir Lesenden nichts über die sozialen, politischen oder wirtschaftlichen Herausforderungen der Bevölkerung 
erfahren. Die als Journalismus verkleideten Tourismus-Klischees sind so lebendig wie zu Gardis Zeiten, als der "Bund" zu dessen Film "Mandara" kommentierte: "Man vernimmt mehr über diese sanften Wilden und ihre Sitte und Bräuche als in einer ganzen Reihe von Geografiestunden." Es ist höchste Zeit für den sehenswerten und gescheiten Film "African Mirror" von Mischa Hedinger.

Karl Johannes Rechsteiner

14. November 2019
erstellt von Kommunikationsstelle
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