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Sinti auf dem Standplatz Buech in Bern-Bethlehem (Foto: Danielle Liniger)

Scheren- und Messerschleifen, traditionelles Handwerk von Fahrenden in der Schweiz (Foto: Marc Lettau)

Ursula Waser ist Präsidentin der Stiftung Naschet Jenische. Als Angehörige der Minderheit der Jenischen in der Schweiz war sie selber von Rassismus und Diskriminierung betroffen.

«Wir sind ein kleines Volk, aber voll betroffen»

Viele selbständige Jenische, Sinti und Roma können in der Corona-Krise nicht mehr arbeiten. Sie bekommen Unterstützung auch von der Stiftung Naschet Jenische, die den Opfern des Hilfswerkes "Kinder der Landstrasse" zur Seite steht. Die Katholische Kirche Region Bern hilft mit. Stiftungspräsidentin Uschi Waser nimmt Stellung.

Was bewirkt Corona bei Jenischen, Roma und Sinti?

Ursula Waser: Viele sind selbständig, sie erleiden wegen der Einschränkungen durch Covid-19 grosse Einkommensverluste. Tätigkeiten wie Altmetall sammeln, Antiquitätenhandel, Musik, Hausieren, Messerschleifen oder Marktfahren sind ihre Haupteinnahmequellen. Das Ausüben dieser Tür-zu-Tür-Arbeit brach im Frühling 2020 durch die Pandemie abrupt zusammen.

Ihre Stiftung hilft den Betroffenen?

Unser Schwerpunkt ist die Beratung und Begleitung der Opfer des Hilfswerkes "Kinder der Landstrasse" von Pro Juventute, das von 1926 bis 1972 die Kultur der Jenischen bekämpfte und gewaltsam hunderte von Kindern aus ihren Familien herausgerissen hat. Wir unterstützen Betroffene und helfen bei der Suche nach Informationen in Archiven, um die Geschichte aufzuarbeiten.

Die brutale Geschichte wirkt bis heute?

Diese Erfahrungen haben unser Leben geprägt. Viele haben noch Angst vor Behördenwillkür und Diskriminierung. Deshalb wollen sie nichts mit Ämtern zu tun haben. Aber sie hätten heute zum Beispiel Kurzarbeitsentschädigung oder Sozialleistungen zugute. Weil die Betroffenen keinen Kontakt mit den Behörden wollen, spart die Sozialhilfe seit dem Corona-Ausbruch viel Geld.

Die Lebensweise von Fahrenden hat es schwer?

Viele sind selbständig und brauchen die grosse Freiheit. Sie führen häufig keine Buchhaltung und leben von der Hand in den Mund, das gehört zu ihrer Kultur. Dies betrifft nicht nur Fahrende, sondern alle Sinti, Jenische und Roma. Viele von ihnen möchten zwar, können aber gar nicht fahren und leben auch nicht in Wohnwagen, weil es zum Beispiel kaum Standplätze gibt.

Neue Standplätze werden kaum eingerichtet?

Seit ein paar Jahren sind Jenische, Roma und Sinti in der Schweiz zwar als nationale Minderheit anerkannt - ob fahrend oder sesshaft. Doch eigentlich will niemand die Fahrenden haben, auch wenn Tausende von Schweizern jedes Jahr mit Wohnwagen in die Ferien fahren. Sie kopieren diese Lebensweise als Ferienromantik und zur Erholung. Gerade im Winter wären jedoch viele Plätze frei für Fahrende, etwa bei Schwimmbädern oder ähnlichen Einrichtungen. Dort gäbe es Infrastruktur: Parkplätze, Wasser, Strom - mit kleinstem Aufwand wären saisonale Standplätze realisierbar.

Corona erschwert alles?

Arbeit von Haus zu Haus geht nicht mehr. Restaurants oder Altersheime sind geschlossen und lassen keine Messer schleifen. Die gegenseitige Angst vor Ansteckung stoppt die Geschäfte. Viele Leute verdienen weniger und können einem Jenischen an der Türe nichts abkaufen. Wo begabte Handwerker sonst Reparaturen oder Renovationen ausführen, geht nichts mehr. Die Menschen haben andere Sorgen als zum Beispiel Fensterläden streichen zu lassen.

Wie helfen Sie den Leuten?

Beratung und Begleitung sind wichtig. Wir wollen die Leute dorthin zu führen, wo sie berechtigte Unterstützung erhalten und helfen beim Gang zu Ämtern. Doch sie haben grosse Vorbehalte. Viele Ansprüche werden von Jenischen, Sinti und Roma nicht geltend gemacht: Einige haben Angst, sie müssten Gelder zurückzahlen. Andere fürchten, das Sozialamt nähme das Auto für den Wohnwagen weg, um Schulden zu bezahlen, was die eigene Lebensweise vernichten würde. Manche Leute schauen es als Verrat an, mit Behörden zusammenzuarbeiten.

Sie kämpfen für Ihre Lebensweise?

Wir Jenischen sind wie die Sinti und Roma ein kleines Volk, aber voll betroffen von der Corona-Krise. Jeder und jede Einzelne ist direkt betroffen - unsere ganze Kultur und Lebensweise ist betroffen. Doch wir müssen selber aktiv sein. Jeder Tag, an dem Jenische, Sinti und Roma auf ihre Rechte verzichten, ist ein verlorener Tag und verschlimmert die Situation.

Die Berner Kirche unterstützt Sie zurzeit?

Prekäre Lebensbedingungen führen während der Pandemie in die Armut. Nun konnten wir dank der Unterstützung der Glückskette oder der Katholischen Kirche Region Bern direkt helfen. Zur Linderung akuter Not wurden Einkaufsgutscheine abgegeben und dringende Rechnungen übernommen, zum Beispiel für die Krankenkasse und Versicherungen. Alle Betroffenen bekamen Beratung, um ihre Einkommenssituation zu verbessern, etwa durch Anmeldung bei staatlichen Stellen wie AHV-Erwerbsersatz, Sozialhilfe, Familienausgleichskasse, etc.

Die Krise ist nicht vorbei?

Die Dankbarkeit für die kirchliche Unterstützung ist sehr gross. In der Region Bern konnten wir Dutzenden von Personen mit insgesamt über 20'000 Franken in der Not beistehen. Die Situation ist leider nach wie vor dramatisch. Die Hilfe via die Stiftung Naschet Jenische ist nur ein Tropfen auf einen heissen Stein. Selbst wenn Corona vorbei ist, braucht es eine Anlaufzeit, bis die selbständige Arbeit der Jenischen, Sinti und Roma wieder einen Boden bekommt.

Interview: Karl Johannes Rechsteiner

 

www.naschet-jenische.ch

www.kathbern.ch/corona-hilfspaket

23. Februar 2021
erstellt von Karl Johannes Rechsteiner
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