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Bild: cc, mueritz, flickr.com

Zehn Franken (Marie-Louise Beyeler)

In den alttestamentlichen Texten des Advents ist immer wieder die Rede von Gerechtigkeit, so auch an jenem Tag, an dem ich mich einerseits auf einen Gottesdienst vorbereitet habe und die Texte „mit mir trage“, an dem ich mir andererseits einen Moment nehmen kann, um Weihnachtsbesorgungen zu machen. 

Im Bahnhof spricht mich ein junger Mann an, er trägt einen Rucksack mit Schlafmätteli und eine Gitarre mit sich und erzählt mir von einer langen Reise, die sein Kollege und er hinter sich hätten, von fehlendem Geld und dem Bedürfnis nach einem Kaffee. Ich kenne einige solcher eindrücklicher Geschichten, meist sind sie gut erfunden, aber, so meldet sich meine innere Stimme, was bist du für ein Mensch, wenn du zögerst? Wenn du an Lüge denkst, wenn dich jemand um etwas Geld bittet? Ist das gerecht? 

Ein paar Minuten später zanken sich auf der Rolltreppe eines Warenhauses ein Mann und eine Frau, beide sehen recht mitgenommen aus. „Er hat mir diese Zehnernote gegeben, damit ich mir etwas Besonderes leisten kann“, poltert der Mann. „Ich habe sie genommen, um meiner Mutter ein Geschenk zu kaufen“, schreit die Frau. Sie werden lauter, ich befürchte, dass der Mann gleich zuschlägt. Beim Verlassen des Warenhauses sehe ich sie wieder – sie liegen einander in den Armen, die Frau weint.

Zehn Franken als Problem, und das inmitten von Bergen von Schokolade, Weihnachtsschmuck, in Gold und Glitzer verpackten Körperpflege-Sets. Das an einem Nachmittag, an dem in diesem Haus Tausende von Franken ausgegeben werden für mehr oder weniger sinnvolle Geschenke. 

Wo ist hier Gerechtigkeit? Hier, jetzt, an diesem Tag? Nicht als wohlgefälliger Gedanke, sondern als Konkretum? Von mir kommt das Heil, meine Gerechtigkeit wird sich bald offenbaren: Gelingt es uns, in dieser Perspektive zu handeln? 

22. Dezember 2011