«Mehr Brücken, weniger Mauern», der Leitspruch der Scalabrini-Missionare ist aktueller denn je. In Bern, wo die Scalabrini in der Missione cattolica di lingua italiana in der Bovetstrasse ihre Heimat haben, trafen sich nun Jugendliche aus Europa, um für ein Wochenende der Bedeutung der Botschaft der Scalabrini-Missionaren für ihren Alltag auf den Grund zu gehen.
Christian Geltinger
Welchen Fingerabdruck willst du in der Welt hinterlassen? Für welche Werte stehst du ein? Man spürt die latente Überforderung, die die Fragen von Padre Walter im ersten Moment bei seinen Zuhörer:innen auslösen. Aber es sind die Momente der Stille und des Nachdenkens, die unterschwellig das Gefühl von Gemeinschaft herstellen. Es gibt keine richtigen oder falschen Antworten. Wir alle sind Suchende. Jeder und jede muss seinen oder ihren Weg gehen. Das bestätigen auch die unterschiedlichen Hoffnungen und Träume, die die Jungen Erwachsenen zwischen 18 und 25 bewegen. Sie sind aus Italien und Portugal nach Bern gekommen, um sich dort mit ihren Schweizer Altersgenoss:innen darüber auszutauschen, welche Spur sie in ihrem Leben verfolgen wollen. So wie ein junger Mann aus Angola, der jetzt in Portugal lebt und kurz vor der Karriere zum Fussballprofi steht, dem es aber dennoch wichtig ist, jetzt hier in Bern im Saal der Missione zu sitzen.
Roots&Routes
Viele von den Jungen Erwachsenen, die zu dem Wochenende «Roots&Routes» nach Bern gekommen sind und gemeinsam die Verbindungslinien zwischen eigener Identität, Migration und scalabrinischer Spiritualität beleuchten, haben eine doppelte Migrationsgeschichte. Sie leben in europäischen Ländern – teilweise in der zweiten oder dritten Generation – haben aber afrikanische, südamerikanische oder asiatische Wurzeln. Padre Tomi, Mitte 30, kommt selbst von den Philippinen und lebet heute in der Zentrale der Scalabrini in Mailand, wo er für die weltweite Jugendarbeit zuständig ist. Sein Mitbruder Padre Walter war zuletzt in Uganda und ist derzeit für den Orden in Basel tätig.
Was alle miteinander verbindet, ist der Wunsch Grenzen zu überwinden. Das war auch der Auftrag, dem sich der italienische Bischof Scalabrini verpflichtet fühlte, als er 1887 den Orden gründete. Insbesondere im Kontext der Arbeitsmigration im Zuge der Industrialisierung begleiteten die Missionare anfangs die italienischen Communities, die wie hier im weitgehend protestantischen Bern eine neue Heimat fanden und zum Prosperieren der noch jungen Bundesstadt beitrugen. Das gemeinsame Leben von Kultur, Tradition und Glauben war ihnen dabei eine wichtige Stütze im Alltag.
Noch heute ist die Missione eine Anlaufstelle für Menschen, die meist aus beruflichen Gründen aus den italienischsprachigen Gebieten nach Bern kommen. Allerdings hat sich ihre soziale Struktur verändert. Und die Kinder der zweiten, dritten oder vierten Generation, die heute voll integriert ist, sprechen ein astreines Berndeutsch. Und doch ist auch für sie die Missione ein besonderer Ort, der Ort, an dem sie einen Teil ihrer kulturellen Identität erfahren haben.
Es ist wie eine grosse Familie.
Man hat es gelernt, selbstverständlich auf Menschen zuzugehen und sie mit offenen Armen willkommen zu heissen. Dieses Verhalten korrespondiert auch mit den Aussagen der jungen Menschen nach einem gelungenen Leben: Mit Menschen in Beziehung sein, füreinander da sein, anderen mit Liebe und Respekt begegnen, das sind die zentralen Aussagen. Es sind nicht die Grosstaten, sondern die vielen alltäglichen Momente, die unserem Leben Sinn geben.
Liebe und Respekt
Dem Leben vorbehaltslos positiv zu begegnen, das ist auch die Botschaft der Missionare. Von aussen betrachtet mag das für manche naiv wirken. Viele von uns haben sich abtrainiert, das Positive zu erkennen. Gleichwohl gehört natürlich auch das, was wir Scheitern nennen, zum Leben dazu, Scheitern bei der Suche nach Gott, Scheitern mit Lebensentwürfen, Scheitern an den eigenen Ansprüchen, aber auch das Scheitern von Kirche oder das Verblassen von Traditionen und Strukturen. Das Leben stellt heute andere Fragen an einen jungen Menschen als vor hundert Jahren. Umso mehr zeigt sich hier die Stabilität einer Community, die das Gegenüber in seiner Verschiedenheit einfach sein lässt, mit Liebe und Respekt. Und genau dieser Geist war in der Missione cattolica di lingua italiana spürbar.
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