Viele Paare warten zu lange, bevor sie sich Unterstützung holen. Peter Neuhaus, Paartherapeut.

Aktive Beziehungspflege

In der katholischen Kirche der Region Bern gibt es eine Beratungsstelle für Beziehungsfragen. Peter Neuhaus arbeitet dort als Paartherapeut. Ein lösungsorientiertes Gespräch.

Interview: Andreas Krummenacher

«pfarrblatt»: Was ist eine Paartherapie?

Peter Neuhaus: Am Anfang steht die Frage, welche Ziele die Partner mit der Beratung verfolgen. Wichtig ist, wie sich das Paar die Probleme erklärt und wie hoch die Bereitschaft ist, sich zu engagieren. Manchmal sind zwar rasche Verbesserungen möglich – je chronischer die Probleme, desto sinnvoller aber ein längerer Beratungszeitraum. Je nach Zielsetzung ist es nun Aufgabe des*der Therapeut*in, passende Interventionen und Methoden anzubieten. Es gibt zahlreiche Therapieansätze. Wir bieten neue Sicht- und Herangehensweisen und einen neutralen Rahmen an.

Was sind die häufigsten besprochenen Themen?

Die meisten melden sich, weil sie an ihrer Beziehung leiden, unzufrieden sind. Oft fühlen sich beide Partner zutiefst unverstanden, kritisiert, alleine und reagieren in ihrer individuellen Form darauf: z. B. mit lautem Protest, verbalem Angriff – eher die Frauen – oder mit Rückzug – eher die Männer. Dieses Muster ist verständlich, verstärkt jedoch häufig das Gefühl von Distanz und Auseinanderleben. Dieser Teufelskreis ist oft die Ursache, dass auch in Bereichen der Alltagsbewältigung, Kindererziehung oder Sexualität kaum mehr sachlich miteinander nach Lösungen gesucht werden kann, weil permanent die wunden Punkte getroffen werden.

Ist der Gang zur Therapie nicht oftmals zu spät?

Tatsächlich warten viele Paare zu lange, bevor sie sich Unterstützung holen. Gerade wenn der beschriebene Teufelskreis chronisch geworden ist, spüren die Partner oft kaum mehr eine emotionale Verbindung, Resignation hat sich schon breitgemacht. Oft scheint vielen Menschen die Schwelle hoch, sich zu melden. Dabei gibt es wirkungsvolle Methoden, die nachhaltig die Bindung stärken können. Es gibt aber auch zunehmend die Paare, die den grossen Einfluss ihrer Beziehung auf ihr Befinden erkennen und frühzeitig reagieren, wenn sie Störungen bemerken. Erfreulich ist aus unserer Sicht, dass heute bei jüngeren Paaren das Bewusstsein steigt, dass für eine gute Beziehung aktiv etwas getan werden muss.

Stichwort Valentinstag: Gibt es in unserer Gesellschaft einen Zwang zur totalen Harmonie?

Eine glückliche Beziehung ist nach wie vor für viele eines der wichtigsten Lebensziele. Gleichzeitig haben wir nach wie vor ein verklärtes, zu romantisches Bild von Liebesbeziehungen. Die Liebesfilme hören oft auf, wenn sich die Verliebten endlich gefunden haben. Wir brauchen realistische Vorstellungen für die Zeit, wenn die Verliebtheit abnimmt, die Macken des Partners und die Herausforderungen des Alltags zutage treten. Enttäuschungen sind vorprogrammiert, eine Beziehung hat jedoch auch das Potenzial zu gemeinsamer Entwicklung, Verbundenheit und Tiefe.

Ist es für die eigene Beziehung eine Herausforderung, Paartherapeut zu sein?

Ich bin seit mehr als 20 Jahren glücklich unverheiratet, zwei Kinder inklusive. Es freut mich, dass sich unsere Beziehung in den letzten Jahren stabilisiert und vertieft hat – es gehört auch etwas Glück dazu, Krisen zu überstehen. Ein wichtiger Schlüssel war für mich, dass wir Unterschiedlichkeiten besser akzeptieren und konstruktiver damit umgehen. Eine allzu therapeutische Brille kommt aber verständlicherweise bei meiner Partnerin nicht immer gut an. Wenigstens hat sie in einem Streit schon länger nicht mehr gesagt «... und so einer will Therapeut sein...».

 

Peter Neuhaus (53), Einzel-, Paar- und Familientherapeut mit systemischer, emotionsfokussierter und lösungsorientierter Ausbildung, seit gut fünf Jahren tätig auf der Fachstelle Ehe-Partnerschaft-Familie. Die nächsten Paarkurse dieser Fachstelle gibt es im März, die Paar-Abende starten im April. Das ganze Angebot finden Sie unter www.injederbeziehung.ch.

 

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5. Februar 2019
erstellt von «pfarrblatt» Nr. 4
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