«Die Jazz-Vesper bietet einen neuen Zugang zur Essenz jahrhundertealter Gebete.» Franziska Brücker. Foto: François Gribi

«Als würde ich zwei Instrumente singen»

Im Raum Bern gibt es im März und Mai wieder Jazz-Vespern. Psalmgebete des international bekannten Theologen Pierre Stutz werden dabei im Wechsel gelesen und anschliessend von modernem Jazz interpretiert. Die Jazz-Sängerin Franziska Brücker macht das mit ihrer Stimme. Wie sie diese neue Form des Abendgebetes erlebt, erklärt sie im Gespräch.


Interview: Andreas Krummenacher


«pfarrblatt»: Ist Ihr Jazz-Gesang reine Improvisation oder singen Sie Text?

Franziska Brücker: Die Stücke stehen in der Tradition von Jazzstandards. Das heisst, es gibt eine Melodie, welche mit Akkorden unterlegt ist und welche die Form bestimmt.
Über diese Form wird improvisiert. Manchmal über die ganze Form, manchmal auch nur über Ausschnitte. Die Länge der Improvisation, also die Anzahl Wiederholungen des Ausschnitts oder der Form, ist offen und die improvisierende Person zeigt an, wann es wieder zurück in die Melodie geht. Die Melodien sind oft ohne Text angelegt und ich singe nur Silben, sogenannte Scat-Silben.

Wieso machen Sie bei den Jazz-Vespern mit?

Die Jazz-Vesper macht es möglich, verschiedene Situationen zu erleben, in die ich sonst nicht komme. Zum einen die wunderbaren Räume mit ihrer ganz persönlichen akustischen Verhaltensweise. Zum anderen der Platz, den die Stimme in der Gruppe einnimmt. Ganz zu Beginn waren wir drei Bläser und Gesang, dann Saxofon, Bassposaune und Gesang und nun Saxofon und Gesang. Dass die Stimme als Harmonieinstrument zwischen Bläsern eingesetzt wird, verlangt von mir eine ganz andere Arbeit, als wenn ich Lead singe. Den Wechsel zwischen im Satz singen und mit der Melodie hervortreten ist für mich wahnsinnig spannend und fast so, als würde ich zwei Instrumente singen.

Wieso singen Sie explizit Jazz, was möchten Sie mit dieser Musik ausdrücken?

«Jazz» ist ein sehr grosser Begriff. Darunter verstehe ich vor allem Musik mit improvisiertem Anteil und mit einer offenen Herangehensweise an die Musik. Es sind also weniger klare Klangvorstellungen, Instrumentierung oder Kompositionen, die meine Vorstellung von Jazz definieren, als eine Haltung.

Ich habe von Jazz keine Ahnung. Können Sie mich überzeugen, an der Jazz- Vesper teilzunehmen?

Sie brauchen von Jazz keine Ahnung zu haben, um an der Jazz-Vesper teilzunehmen. Jazz steht hier für die Neuinterpretation und für den gelebten Augenblick der Improvisation. Die Jazz-Vesper bietet einen neuen Zugang zur Essenz jahrhundertealter Gebete, den Sie aber immer noch selber finden dürfen.

Spielen diese Gebete für Ihren Gesang eine Rolle?

Die Psalmgebete sind die Grundlagen für die von John Voirol geschriebenen Stücke. Er studiert sie und findet einen musikalischen Ausdruck dafür. Über die Musik gehen wir also sehr direkt auf die Psalmen ein. Wie sich das Stück dann entwickelt, was jeder im Moment dazu beiträgt, ist sehr vielfältig.

 


Jazz-Vespern im Raum Bern

Der Theologe André Flury von der Berner Fachstelle Kirche im Dialog ist verantwortlich für das Projekt. Der Jazzmusiker John Voirol hat die Kompositionen geschrieben und interpretiert zusammen mit der Sängerin Franziska Brücker die Psalmgedichte von Pierre Stutz.

Orte und Daten:

15. März, 19.00–19.45: Dreifaltigkeits-Kirche, Taubenstrasse 4, 3011 Bern
23. März, 18.00–18.45: St.-Martins-Kirche, Bernstrasse 16, 3076 Worb
24. März, 18.00–18.45: St.-Franziskus-Kirche, Stämpflistrasse 26, 3052 Zollikofen
12. Mai, 17.00–17.45: St.-Antonius-Kirche, Morgenstrasse 65, 3018 Bern-Bümpliz
25. Mai, 17.00–17.45: St.-Josefs-Kirche, Stapfenstrasse 25, 3098 Köniz

Infos: www.jazzvesper.info

 

 

 

 

20. Februar 2019
erstellt von «pfarrblatt» Nr. 5
  • Pfarrblatt / Angelus
  • Veranstaltungen