Amina Sulaiman hat mit ihren sechs Jahren Unvorstellbares gesehen und durchgemacht. Foto: Alexandra Wey

Amina hat den Lebensmut nicht verloren

Auch zu Beginn des achten Kriegsjahrs ist in Syrien kein Ende des Leidens in Sicht. Zwischen Ruinen und als Vertriebene fern ihrer Heimat kämpfen die Menschen ums Überleben. Mit ihren sechs Jahren hat Amina Sulaiman* bereits unvorstellbare Gewalt erlebt. Bei der Caritas findet sie Unterstützung. Eine Geschichte vom Weiterleben und Weitergehen aus Aleppo.

Amina ist nicht zu halten. Wild hüpft die aufgeweckte Sechsjährige mit ihren Freundinnen vor ihrem Haus im Osten Aleppos umher und rennt mit den Nachbarsmädchen durch die Strassen. Wären da nicht die Krücken, wären da nicht das ausgebrannte Auto und die Trümmer an jeder Strassenecke – Amina wäre auf den ersten Blick nicht anzumerken, was sie durchgemacht hat. Und wie schwierig ihr Leben immer noch ist.

Unvorstellbare Gewalt, grosse Verantwortung

Familie Sulaiman lebte in einem Dorf in der Nähe von Hama, der Stadt am Orontes zwischen Homs und Aleppo, als das geschah, was Aminas Leben für immer verändern sollte. Amina war damals noch ein Kleinkind. Ihre Mutter Doha* erinnert sich an jedes Detail. «Amina schlief, als unser Haus eines nachts von einer Mörsergranate getroffen wurde. Die Zimmerdecke über ihr stürzte ein. Ich rannte sofort zu Amina. Überall war Blut. Eine riesige Wunde klaffte an ihrem Bein.»

Die Ärzte machten Doha wenig Hoffnung. «Ich versprach, alles zu verkaufen, was ich hatte, um die Operationen zu bezahlen und das Bein zu retten», sagt sie. Aber es war aussichtslos: Aminas Bein war zu schwer verletzt. Es musste amputiert werden. Eine schwere Zeit brach an für das tapfere Mädchen. «Lange Zeit begann das Bein jedes Mal zu bluten, wenn Amina sich bewegte», erzählt die Mutter.

Auf Doha lastete die Verantwortung schwer. Sie zieht ihre fünf Kinder und eine Stieftochter grösstenteils alleine gross – und sie tat, was sie konnte, um Aminas Leben angenehmer zu machen. Unermüdlich kämpfte sie dafür, dass ihre Tochter trotz des Verlusts ihres Beines eine möglichst normale Kindheit haben konnte. Doch das, was Amina, noch im Wachstum, am meisten geholfen hätte – eine Prothese –, konnte sich Doha nicht leisten. Zudem quälte sie jeden Tag die Angst vor der nächsten Granate, davor, dass ihren Kindern im umkämpften Hama Ähnliches noch einmal oder noch Schlimmeres zustossen könnte. «Die Sicherheitslage in Hama ist katastrophal», erzählt Doha. Vor ein paar Monaten floh die Familie deshalb aus ihrem Dorf und zog nach Aleppo.

Überleben in Ostaleppo nach dem Ende der Kampfhandlungen

Als sie in Aleppo ankamen, waren hier zwar die Zeiten vorbei, als die Menschen vor Raketen Schutz suchen oder mit nichts als ihren Kleidern am Leib aus ihren Häusern flüchten mussten. Doch gerade im Quartier der «roten Erde», was Ard al-Hamra übersetzt bedeutet, hatten die Auseinandersetzungen bis Ende 2016 noch intensiv getobt. «Jeden Tag starben die Menschen um uns herum. Wir haben uns hinter der Toilette versteckt und unter den Treppen», erzählt eine Nachbarin. Wer geblieben ist, hat unsagbares Leid und Verlust erlitten. Ein Drittel der Menschen hier haben Familienmitglieder an den Krieg verloren.

Schon vor dem Krieg war Ard al-Hamra kein reiches Quartier. «Die Menschen hier führten ein einfaches, aber würdevolles Leben», erzählt Magi Tabbakh, die das Caritas-Programm im Quartier koordiniert. Als Familie Sulaiman in Ard al-Hamra ankam, hatte der Krieg dem längst ein Ende bereitet. Die meisten der einfachen Steinhäuser sind schwer beschädigt, einzelne liegen komplett in Ruinen. Raketen machten mehrere Häuserzeilen dem Erdboden gleich. Die Wasser- und Stromversorgung blieb lange Zeit komplett zusammengebrochen. Wasser zumindest gibt es zwar heute wieder. Wegen der kaputten Leitungen versickert es allerdings vielerorts zwischen den Trümmern oder in der Erde der unbefestigten Strassen.

Die Caritas hilft

Jeden Tag stehen die Familien vor der Herausforderung, genug Nahrungsmittel zu beschaffen. Auch Doha und ihrer Familie fehlt es an vielem. «Das Leben ist schwierig», sagt sie, «alles ist so teuer.» Seit dem Ausbruch des Kriegs haben sich die Preise im Schnitt verzehnfacht. Von der Caritas erhält Familie Sulaiman regelmässig Hilfsgüter wie Nahrungsmittel, Kleider, Decken oder Windeln für Aminas jüngere Geschwister.

Und dann half die Caritas mit dem, was Doha schon nicht mehr zu hoffen wagte: «Amina konnte eine Physiotherapie im Spital beginnen und erhielt endlich eine Holzprothese.» Dafür ist sie sehr dankbar. Und Amina geniesst nicht nur ihre wiedergewonnene Freiheit. Sie ist auch übermütiger geworden. «Nun sagt sie zu mir: ‹Jetzt, wo ich wieder zwei Beine habe, muss ich nicht mehr gehorchen ›». Doha lacht.

Der Traum von der Rückkehr

Doha träumt davon, mit ihrer Familie nach Hama zurückzukehren – zurück zu Aminas Grosseltern, zurück in ihre Heimat. «Die Menschen in Aleppo sind gut zu uns. Aber Hama ist unser Zuhause. Im Moment ist jedoch an Rückkehr nicht zu denken. Die Sicherheitslage erlaubt es nicht.»

Und was wünscht sich Amina? Das Mädchen, das so gerne zeichnet, denkt weit voraus. «Ich möchte später Ärztin werden – am liebsten Spezialistin für die Beine.»

Anna Haselbach/Caritas Schweiz

*Namen zum Schutz der Personen geändert

Caritas Schweiz hilft den Menschen aus Syrien dabei, ihr Überleben zu sichern.
Spendenkonto Caritas Schweiz: 60-7000-4 (Vermerk Syrien).
Mehr zum Engagement der Caritas für die Opfer der Syrienkrise: www.caritas.ch/syrien

7. März 2018
erstellt von «pfarrblatt»
  • Pfarrblatt / Angelus