Zu werden, was wir sein können. Foto: jens-johnsson/unsplash

Aufbruch

«Bleib, wie du bist!» Ein gut gemeintes Kompliment, das an Geburtstagen oder zum Jahreswechsel oft zu hören ist. Ein Herr von 72 Jahren, dem ich neulich begegnet bin, setzt dieser Gepflogenheit entschieden etwas anderes entgegen, was mich sehr bewegt hat: «Ich will immer noch ‹werden›!» Er hat recht. Wir kommen nirgends hin, wenn wir stehen bleiben.

Wie viel Gestaltungspotenzial ist im Menschen angelegt! Es gibt Menschheitserzählungen, wie den «Exodus», den Auszug aus Ägypten, welche sehr viel Grundsätzliches über unser Menschsein aussagen. Da steckt viel mehr über unser individuelles «Hier und Heute» drin, als uns bewusst ist. Welche Aufbruchssituationen habe ich selber schon erlebt? Habe ich den Aufbruch selbst herbeigewünscht, oder hat ein äusseres Ereignis dafür gesorgt? Was hat er bei mir bewirkt? Oder stecke ich gerade mittendrin?

Freiheit von …
Der Auszug aus Ägypten steht symbolisch für ein Aufbrechen aus Situationen, die beengen. Wo habe ich selber Bereiche in meinem Leben, die mich einschränken, die mich dazu einladen, mich zu bewegen? Was nehme ich einfach für selbstverständlich hin, obwohl ich es ändern könnte? Manchmal ist es nicht nur Negatives, das uns beengt. Manchmal ist es unsere eigene Komfortzone, die uns daran hindert, zu wachsen. Gibt es Dinge in mir, die mehr Raum wollen, die befreit werden möchten?

Freiheit zu …
Doch mindestens so wichtig ist die Frage, wohin ich unterwegs bin. Genau daraus erhalten wir die Kraft zur Umsetzung. Was ist mein gelobtes Land? Welche Ziele bewirken bei mir ein Gefühl schöpferischer Zukunft? Wo kann ich Lebendigkeit erleben? Aufbruch ist nichts Heldenhaftes. Wenn wir uns Zeiten der Reflexion und des ehrlichen Hinhörens gönnen, werden sich Spuren zeigen, die uns zum Folgen inspirieren. Letztlich geht es darum, das zu werden, was wir sein können. Dafür gibt es keine Altersgrenze. Das ist ein grossartiger Auftrag an unser Menschsein.

 

 

 

Gabriela Scherer
setzt sich als Leadership-Coach im Lassalle-Institut und mit ihrem eigenen Unternehmen für eine Führungskultur «mit Wert-Schöpfung» ein. Stille mag und    sucht sie im Alltag und in regelmässigen Auszeiten.
Illustration: schlorian

 

 

«Wir nehmen uns die Zeit» im Überblick

9. Januar 2019
erstellt von «pfarrblatt» Nr. 2
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  • Spirituelles