Gruppenzwang. Foto: Maria Anojh Arulanantham

Zu viel Technologie, zu wenig Menschliches. Foto: Maria Anojh Arulanantham

Aufgrund von Instagram, Snapchat und Co. ständig unter Druck

Michelle H. (16)* erzählt über das Selbstbewusstsein, den Druck, sich anzupassen, und weshalb sie sich nicht von Berühmtheiten beeinflussen lässt.

In Bern trifft man oft auf Jugendliche, die einen einzigartigen Stil haben und ganz klar ihre eigene Meinung vertreten. Hier ist auch Michelle H. gerne. «Auf der Bundesterrasse kann ich immer meine Freunde treffen und wir haben gleichzeitig eine schöne Aussicht auf Bern.»

«Unsicherheiten machen uns menschlich»

Ihr selbstbewusstes Auftreten vor ihren Freunden spiegelt sich in ihrem Ton wider: «Ich bezeichne mich definitiv als eine selbstbewusste Person. Obwohl ich auch meine Unsicherheiten habe. » Sie meint jedoch, dies mache eine Person menschlich. Die sozialen Medien erleichtern die Selbstakzeptanz aber nicht. «Die Jugendlichen müssen verstehen, dass auf Profilen wie Instagram und Facebook nur die schönsten Lebensmomente einer Person gezeigt werden.» Sie selbst habe Glück gehabt, dies relativ schnell zu realisieren.

Michelle sagt, dass sie weiterdenke als andere Leute in ihrem Alter und sie sich somit von ihnen unterscheide. «Mir fällt häufig auf, dass ich viel mehr werthalte als die meisten Jugendlichen. Mir ist zum Beispiel bewusst, wie wichtig meine Ausbildung für meine Zukunft ist, und ich nehme sie dementsprechend ernst. »

Immun gegen den Gruppenzwang

Sie habe Freunde, welche dieselbe Einstellung haben wie sie, trotzdem seien die meisten hauptsächlich an anderem interessiert: Oberflächlichkeit, Drogen und Ausgang. Den Druck, mitzuhalten, verspürt sie aber nicht. Sie habe einen ständigen Tunnelblick, der sie vor allem auf das Wichtige im Leben fokussieren lasse. Michelle hat sich in den vergangenen Wochen für Flüchtlinge engagiert: «Ich sehe es als selbstverständlich zu helfen, ein bisschen Zeit für andere Menschen haben alle.» Sie meint, sie wolle nicht nur «eine weitere Person in der Welt» sein, die sich auf irgendeine Weise bereichert, denn davon gebe es genug.

«Eine äusserst intelligente, aber äusserst faule Generation»

Salvador Dalís Meinung scheint auch Mi- chelle zu vertreten: «Intelligenz ohne Ehrgeiz ist ein Vogel ohne Flügel.» Sie empfinde es als traurig, dass viele Jugendliche ihre Chancen und Plattformen nicht nützen. Dass manche Erwachsenen diese Anschauung ebenfalls haben, überrascht sie nicht. Dennoch hält Michelle die meisten Vorurteile gegenüber der Jugend für ungerechtfertigt: «Ich kenne keinen aggressiven Jugendlichen und keine verwöhnte Jugendliche.» Sie betrachtet es als störend, dass das oft behauptet wird.

Zu viel Technologie, zu wenig Menschliches

Meist hat die ältere Generation Vorurteile gegenüber Jugendlichen. «Wir wollen beweisen, dass wir auch anders sein können.» Es gebe aber auch wirklich negative Seiten an ihrer Generation. «Viele sind nur noch am Handy und verpassen die echte Welt.» Selber findet sie auch, dass sie viel zu viel a m Handy ist. «Ich fühle mich nicht sicher ohne das Smartphone in meiner Tasche.» Das Selbstbewusstsein nimmt mit dem Handy zu, was auch sehr gefährlich sein kann. «Wir vergessen oft, dass sich hinter jedem User immer ein Mensch versteckt.» Daher die rasante Entwicklung von Cypermobbing. «Zum Glück war ich im Internet immer zurückhaltend.» Michelle kenne jedoch genug, die in di e Gefahren des Internets gekommen sind. «Das Schreckliche ist, dass wir fast nie handeln, wir verstecken uns.»

«Wir wollen alle dem Ideal entsprechen»

Der Stil und das Auftreten sind für alle Jugendlichen wichtig. Das Aussehen ist auch für Michelle bedeutsam, weil sie sich in einem Lebensabschnitt befindet, wo sie sich selber finden muss und auch anderen gefallen will. «Man ist nicht sicher mit sich selbst und darum brauchen wir auch viel Bestätigung.» Sie findet es schade, dass wir alle dem gängigen Schönheitsideal entsprechen wollen. «Das Traurige ist, dass wir uns die Probleme und die Komplexe selber machen.» Daher möchte Michelle in Zukunft etwas bewirken. Eine Zeitlang hatte sie ihre Haare violett. Sie möchte, dass wir unsere eigene Schönheit definieren und uns nicht nach einem Massstab orientieren. «Innerliche sowie äussere Schönheit sollte keine Grenzen haben.»

Zu viele Vorbilder

Auf die Frage, ob sie ein Vorbild habe, antwortet Michelle: «Meine Mutter. Sie ist aber eher eine grosse Inspiration für mich, ich habe kein Vorbild.» Michelle sagt, Vorbild töne, als ob man genau wie diese Person sein wolle, und das versuchten viele Jugendliche heutzutage. «Viele junge Frauen eifern Kylie Jenner nach und junge Männer Justin Bieber.» Michelle lässt sich nicht beeinflussen und bleibt stets sie selbst. Sie sagt, sie sei keine Schauspielerin. «Ich möchte nicht eine Rolle spielen oder eine Kopie von jemanden sein, deshalb bleibe ich einfach so, wie ich bin.»

* Vollständiger Name der Redaktion bekannt.

Autorinnen: Lilian Wild, Florence Nri, Fotos: Maria Anojh Arulanantham

Lesen Sie auch

Was uns beschäftigt

Das Aufeinandertreffen zweier Kulturen
Queer
Medien-Tipps
Die «pfarrblatt»-Jugendredaktion im Porträt

 

 

3. Oktober 2018
erstellt von «pfarrblatt» Nr. 41-42
  • Pfarrblatt / Angelus
  • Soziales