Wohin führt er die Kirche? Papst Franziskus ist seit fünf Jahren im Amt. Foto: Keystone/AP/Alessandra Tarantino

Bamherzigkeit vom Rand der Welt

Vor exakt fünf Jahren wurde der Argentinier Jorge Mario Bergoglio zum Papst gewählt. Am Abend des 13. März 2013 trat der Erzbischof von Buenos Aires als Papst Franziskus mit den Worten «Buona sera» vor die jubelnde Menge. Dann liess er sich segnen.

Ein Papst ist in der heutigen Zeit eine anachronistische Figur. Aus der Zeit gefallen. Gottähnlich, unfehlbar, hoheitlich, ganz oben, ganz gross, autoritär, glanz- und prunkvoll. Das alles in Verbindung mit einer Kirche, mit Religion - unmöglich. Dennoch scheinen viele Menschen in diese Figur, in dieses Symbol ganz viel Hoffnung zu legen. Es ist eine Projektionsfigur für mannigfache Wünsche, Sehnsüchte gar. Ein Papst geniesst weltweite Aufmerksamkeit, ist selbst in aufgeklärten Zeiten präsent, wird gehört. Wieso? Was erwarten wir, was erhoffen wir?

Vor exakt fünf Jahren wurde der Argentinier Jorge Mario Bergoglio zum Papst gewählt. Am Abend des 13. März 2013 trat der Erzbischof von Buenos Aires als Papst Franziskus vor die jubelnde Menge. Etwas ungelenk und verlegen wünschte er den Anwesenden zunächst einen guten Abend. Das war ungewöhnlich. «Buona sera» - spricht so ein Papst? Für viele noch ungewöhnlicher war dann die Bitte des neuen Oberhauptes der römisch-katholischen Kirche, man mögen ihn doch segnen, er habe das für diese schwierige Aufgabe dringend nötig.

Mit diesen einfachen Handlungen und Gesten nahm Franziskus die Menschen augenblicklich für sich ein. Diese zeichenhaften, symbolischen Momente sind für diesen Papst und für sein Pontifikat wohl bis heute prägend. Er wohnt beispielsweise nicht im apostolischen Palast, sondern in einem einfachen Zimmer im Gästehaus Santa Martha. Allmorgendlich feiert er hier die Messe wie ein einfacher Pfarrer. Papst Franziskus trägt ein Blechkreuz auf der Brust, fährt vorzugsweise mit einem Fiat durch die Stadt, schwört auf seine ausgetretenen Gesundheitsschuhe und bedient sich nur ungern der verschiedenen päpstlichen Kleidungsstücke für besondere Angelegenheiten, die sein Vorgänger durchaus zu schätzen wusste.

Das sind Äusserlichkeiten, recht eigentlich unbedeutend und dennoch werden sie immer wieder kolportiert. Sie ändern das Ansehen der Kirche insgesamt und dasjenige des Papstamtes im Besonderen. Sie sorgten und sorgen für weltweite Publizität. Dieser Papst ist in allen Medien präsent. Punkto Öffentlichkeitsarbeit ist er für die Institution Kirche Gold wert.

Noch deutlicher wird das, wenn er am Gründonnerstag Gefangenen oder Flüchtlingen die Füsse wäscht, wenn er sich wöchentlich mit Missbrauchsopfer trifft, ohne das zu kommunizieren und es dann trotzdem irgendwie bekannt wird. Es scheint aber, dass es Franziskus ernst ist damit. Er meint es wirklich. Bei seiner Wahl betonte er, er komme vom Rand dieser Welt, vom anderen Ende. Die Kirche müsse sich nun insgesamt an die Ränder begeben, die Kirche müsse arm werden und sich an die Seite der Armen stellen. Die Vertreter einer solchen Kirche müssten ein einfaches Leben führen, so der Papst.

Er reist darum an die Ränder, er reist nach Lesbos oder Lampedusa, um sich intensiv mit den Flüchtlingen zu beschäftigen. Er geht zu den Armen hin, er umarmt von Krankheit und Mühsal entstellte Menschen. An die Ränder gehen. Das sagte Kardinal Bergoglio schon in seiner quasi «Bewerbungsrede» für das Papstamt im Konklave. Für viele galt er als Aussenseiter, obwohl er schon bei der Wahl Joseph Ratzingers die zweitmeisten Stimmen erhalten hatte. Nach dessen Rücktritt war seine Wahl dann folgerichtig.

Benedikt konnte das Ruder nicht herumreissen, die Kirche versankt in einem Strudel aus Missbrauchsskandalen, Mauscheleien in der Kurie und einem Bankenskandal. Eine starre, zentralistische Kirche, fern der Menschen. Der Mann aus Südamerika musste das richten. Eine Kirche, so sagte es Bergoglio in der Rede vor den Kardinälen, die sich nicht um die Menschen kümmere, die sich nur um sich selbst kreise, eine solche Kirche werde krank.

Bloss fünf Jahre wolle er Papst sein, hat Franziskus nach seiner Wahl gesagt. Davon ist keine Rede mehr. Angesichts der laufenden Reformen kann er auch unmöglich zurücktreten. Das gäbe unter den Kardinälen wohl einen Aufstand. Die Grabenkämpfe sind schon jetzt überdeutlich. Die Kirche, so ist es der Wille des Papstes, solle weniger römisch werden. Die Kurie in Rom soll an Bedeutung verlieren. Da sehen manche ihre Pfründe schwinden. Nicht nur das, Franziskus will in vielen der umkämpften Themen, den Bischofskonferenzen vor Ort grösstmögliche Freiheit lassen. Es sind das die Dauerbrenner, welche diese Kirche längst hätte klären sollen. Die Haltung insgesamt zur Sexualität, zur Homosexualität, Scheidung, Frauenpriestertum. Die Ausrichtung ist noch immer umkämpft. Wir schreiben das Jahr 2018!

Für einige ist Franziskus mit seiner Haltung, die Lehre müsse sich immer an der Lebenswirklichkeit der Menschen messen lassen, ein Totengräber der Tradition. Weil diese Haltung keine klare Aussage macht, pro oder contra, ist er für andere ein bloss mittelmässiger Reformer. Franziskus will die Tradition beibehalten, die Regeln sollen bestehen bleiben, die Anwendung davon aber könne sich je nach Einzelfall ändern.

Im nachsynodalen Schreiben zur Familiensynode «Amoris Laetitia» (die Freude der Liebe) betont er, wie wichtig die Barmherzigkeit sei. Diese geht ihm über alles. 2016 ruft er gar als «Heiliges Jahr der Barmherzigkeit» aus. Barmherzigkeit. Das fordert er auch gegenüber Homosexuellen, zumindest Mitgefühl und Takt. «Wenn jemand homosexuell ist und Gott sucht und guten Willens ist, wer bin ich, über ihn zu richten?», das sagt Franziskus 2013 auf dem Rückflug vom Weltjugendtag in Brasilien.

Diese Barmherzigkeit findet Papst Franziskus im gegenwärtigen Wirtschaftssystem nicht. Das ist überhaupt sein zentralstes Anliegen - «Diese Wirtschaft tötet», schreibt er knallhart im ersten apostolischen Schreiben «Evangelii gaudium». Seine Schriften hallen zweifellos nach. Sie regen zum Diskurs an. Hier wird er einerseits als Theologe sichtbar - und zwar als südamerikanischer Theologe, als durchaus belesener Pastoraltheologe - andererseits zeigt er sich in seinen Schriften als Hirte, als Mensch, als Priester bei den Gläubigen. In seiner Umwelt-Enzyklika «Laudato si» zeigt sich der Jesuit Franziskus überzeugt, dass die Menschheit mit der Schöpfung untergehen werde, wenn sie so weiterwirtschafte.

Das alles führt zu Diskussionen, zu inhaltlichen Auseinandersetzungen. Wie überhaupt vieles, das dieser Papst sagt und tut und anregt und ignoriert und falsch macht, wie also dieser Papst Franziskus insgesamt zu Diskussionen Anlass gibt. Franziskus bringt das Gespräch in Gang. Für die katholische Kirche ist das ziemlich positiv.

Andreas Krummenacher

13. März 2018
erstellt von «pfarrblatt»
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