Spekulation, die jeglicher Aufsicht entbehrt. Foto: Handmade Pictures/iStock

Beim heiligen Spekulatius!

Wer einen Tee oder Kaffee bestellt, erhält meist noch einen Keks dazu – öfters einen Spekulatius mit Zimt, Kardamom, Nelken und Karamellgeschmack. Warum das Gebäck aus dem nördlichen Europa diesen Namen trägt, ist nicht ganz klar.

Wikipedia meint, es könne von dem lateinischen Wort «speculator» (Aufseher), einer Bezeichnung für Bischöfe, abstammen. Die Abbildungen auf dem Gebäck stellten nämlich traditionell die Nikolausgeschichte dar. Obwohl ich dieses Güetzi eigentlich gerne mag, erinnert mich der Name doch leider an die zeitgenössische Spekulation, die jeglicher Aufsicht entbehrt.

Mich verleitet der Begriff selber zu einer kleinen Spekulation, zu einer kleinen , frei erfundenen Geschichte, wie es zu diesem Namen hätte kommen können: Vor langer Zeit gab es in den Nordländern einmal eine eigenartige Kaste, Spekulazier genannt. Sie trugen schwarze Anzüge und schoben grosse Geldmengen hin und her. Von Süden nach Norden und von unten nach oben.

Die Bevölkerung liess die Spekulazier gewähren, waren deren Praktiken doch nur schwer zu durchschauen. Der eine Spekulazier kaufte Wagenladungen von Salz auf und wartete, bis die Vorräte der anderen zur Neige gingen. Ein zweiter füllte Schiffe mit Getreide und liess diese auf dem Meer umherfahren, bis die Menschen hungrig wurden. In trockenen Jahren erwarb eine Gruppe Spekulazier alle Wasserfassungen rund um die Städte und verkaufte dann das Wasser in kleinen Flaschen.

Obwohl die anderen Kasten sich dem Gemeinwohl verpflichtet hatten, tolerierten sie dieses heute unrechtmässige Verhalten der Spekulazier-Kaste erstaunlicherweise während vieler leidgeprägter Jahrzehnte. Doch irgendwann mussten auch die Spekulazier kleinere Brötchen backen: Sie wurden von der Volksversammlung und dem damaligen Kirchenbund verpflichtet, fortan menschenfreundlich zu handeln und mit ihren Tätigkeiten einen realen Gegenwert für die Bevölkerung einzubringen.

Als Wiedereingliederungsmassnahme mussten die Spekulazier Kekse backen. Die dann entstanden Keks- Sorte erinnert noch heute an jene Zeit und an den historischen Entscheid. Dass die Spekulazier später wieder versuchten, die Backstuben hinter sich zu lassen und mit dem Kekshandel Geld zu machen, ist leider in den Geschichtsbüchern unzureichend dokumentiert.

Möglicherweise schütteln Sie jetzt den Kopf ob meiner Geschichte. Aber ich bin sicher, Sie wird ihnen beim nächsten Tee oder Kaffee mit Spekulatius wieder in den Sinn kommen.


«Wir nehmen uns die Zeit» im Überblick

 

 

 

Susan Glättli 38, die Geografin hat sich der Nachhaltigkeit und der Kommunikation verschrieben. Sie liebt Worte, nicht festgehaltene Musik, Wildnis und integre Menschen.

 

 

16. Mai 2018
erstellt von «pfarrblatt»
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