«Die Kirche ist für mich mehr als ihre inneren Strukturen. Sie ist Beheimatung.» Jerko Bozic. Foto: Ruben Sprich

Berufung oder Liebe

2001 weihte Bischof Kurt Koch den damals 29-jährigen Diakon Jerko Bozic zum Priester. Mehrere Jahre wirkte dieser in seiner Heimatregion Thun als Seelsorger. Er kannte die Menschen dort, und sie schätzten ihn. Als er sich für seine grosse Liebe entschied, begann für Bozic die Suche nach einem neuen Weg – und ein neues Leben. Heute, knapp 20 Jahre später, ist er Pastoralassistent im Seeland und dreifacher Vater.

Autorin: Anouk Hiedl

Klare Bilder, kräftige Farben und ein behagliches Licht prägen das Sitzungszimmer im Pfarreizentrum Büren. Ein grosser Teppich liegt unter dem Holztisch, die Atmosphäre ist einladend. Ruhig und ohne Umschweife beginnt Jerko Bozic zu erzählen. «Mein Bezug zum Priestertum war früh da. Bereits als Kind habe ich mit meinem Bruder ‹gepriestert›, er war der Ministrant.» Als Jugendlicher schloss er die Matura als Einziger seines Jahrgangs in Altgriechisch und Latein ab.

Während des Theologiestudiums in Luzern und München wurde ihm klar, dass er wirklich Priester werden wollte, und er absolvierte die Berufseinführung. «Bei der Priesterweihe in der Solothurner Kathedrale war ich aufgeregt, nahm all die Eindrücke auf und fragte mich, was nun wohl alles kommen würde. Gleichzeitig fühlte ich mich bei dieser feierlichen Aufnahme ins Bistum und bei meinem ersten Schlusssegen von den vielen Anwesenden in der kirchlichen Familie aufgehoben und getragen.»

Seine Primiz feierte der damals 29-Jährige in seiner Heimatpfarrei Thun, wo er ein Jahr zuvor zum Diakon geweiht worden war. «Es war ein wunderbares, grosses Fest, bei dem ich die Freude und auch die Erwartungen der Leute spürte.» Diesen Erwartungen begegnete Bozic danach im Gottesdienst, bei der Jugendarbeit, bei Hausbesuchen, der Seelsorge im Spital und Altersheim und beim Beichthören immer wieder. «Mit der Zeit erkannte ich, dass meine Hauptaufgabe das Zuhören war. Diese kirchliche Form von Liebe wird nicht abgerechnet. Man ist da, gibt Zuspruch und hilft beim Tragen und Loslassen. So habe ich als Priester gewirkt.»

Glaube, Liebe, Hoffnung

Dem ganzen Spektrum von Pfarrei und Pastoral ausgesetzt, verarbeitete Bozic abends vieles allein zu Hause, einiges auch im Austausch mit dem Gospelchor und der Sakristanengruppe. Als gesundheitliche Probleme einsetzten, wurde der Austausch für den jungen Priester wichtiger. Insbesondere mit einer Sakristanin entwickelten sich intensive Gespräche. «Sie sagte, was ich dachte, noch bevor ich es ausgesprochen hatte. Dass mich jemand so lesen konnte, hatte ich bisher noch mit niemandem erlebt.» Tiefe Gefühle entstanden, bis sich Bozic eingestand: Das ist Liebe.

«Plötzlich war da eine Tür zu einem anderen Menschen. Und dazwischen eine geschlossene Glastüre.» Bozic schwankte zwischen Berufung und Liebe. Beides ging nicht. Sollte er alles Kirchliche, sein ganzes bisheriges Leben aufgeben? Mitten in diesen Wirren erreichte ihn im Sommer 2004 eine Versetzungsanfrage von Bischof Kurt Koch. «Erst machte ich mir vor, der Wechsel nach Burgdorf würde mein Dilemma lösen. Dennoch beantragte ich, die neue Stelle etwas später als vorgesehen anzutreten.»

Nach zwei Monaten kristallisierte sich heraus, was für ihn stimmte – Bozic wollte «einen sauberen Schnitt». Im Oktober informierte er als Erstes seine Eltern, was für beide Seiten zuerst nicht einfach war. Es folgte der Gang zum Bischof. «Kurt Koch hörte mich an. Danach bat er mich, ihn zu segnen. Und er versprach, dass ich nach meiner Laisierung weiterhin im Bistum Basel arbeiten dürfe», berichtet Bozic. Nach einer letzten Messe als Aushilfspriester in Grindelwald informierte er sein Umfeld und stellte alle priesterlichen Handlungen ein.

«Ich bekam viele positive und auch einige negative Rückmeldungen», erinnert er sich. «Die Kirchgemeinde Burgdorf, insbesondere deren damaliger Präsident Samuel Bürki, begegneten uns aber mit grossem Verständnis und Wohlwollen.» Jerko Bozic hatte zu Hause plötzlich viel Zeit. «Nun hatten wir einander als Paar. Beruflich stand ich vor dem Nichts.» Auf der Arbeitsvermittlungsstelle galt es zu klären, ob er selbstverschuldet stellenlos sei, was seinen Anspruch auf Arbeitslosengeld beeinflussen würde. Dazu brauchte er die Bestätigung des Bistums, dass er seinen gelernten Beruf nicht mehr ausüben könne.
Jerko Bozic orientierte sich neu, half in einem Pfarreisekretariat aus und hielt sich im Rahmen seines Sozial- arbeitstudiums mit bezahlten Praktika über Wasser. 2007 heirateten seine Frau und er zivil.

Treu und kritisch

Sein Laisierungsverfahren dauerte bis zur Unterschrift des Papstes zwei Jahre. Bozic fühlte sich im öffentlichen Sozialdienst nicht wohl und fragte Bischof Felix Gmür an, ob das Versprechen seines Vorgängers noch gelte. Zusammen mit seiner Frau wurde er eingeladen, eine mögliche Tätigkeit im kirchlichen Bereich zu besprechen – in den meisten anderen Bistümern der Welt «ein Ding der Unmöglichkeit».

2012 zog die Familie ins Seeland. Dort wirkt Bozic seither als Pastoralassistent, und dort liess sich das Paar 2017 kirchlich trauen. Heute haben die beiden drei Kinder. Jerko Bozics Frau Annamarie und die Eltern der beiden haben seinen Abschied vom Priestertum begleitet und mitgetragen. Konvertieren wollte Bozic nie, auch nicht zu einer katholischen Ostkirche. «Ihre spirituelle Kultur und die byzantinische Liturgie sind ganz anders als unsere. Die römisch-katholische Kirche ist für mich mehr als ihre inneren Strukturen. Sie ist Beheimatung, und ich fühle mich als Teil davon.»

Es sei allerdings an der Zeit, katholische Priester von der Pflicht zum Zölibat zu entbinden. Er verstehe nicht, dass man selbst innerkatholisch nicht voneinander lerne, in den unierten Kirchen zum Beispiel dürften Priester heiraten. In der katholischen Kirche werde der Zölibat diskutiert, und es tue sich etwas, wenn auch ganz langsam. «Unser Bischof unterstützt, wo er kann, doch die Abschaffung der Zölibatspflicht liegt nicht in seiner Hand.»

Jungen angehenden katholischen Priestern empfiehlt Bozic, ihre Berufung ernst zu nehmen, sie reifen zu lassen und erst etwas anderes zu machen. Als Pastoralassistent und laisierter Priester darf Bozic keine Sakramente mehr spenden und keine Leitungsaufgaben übernehmen. Seine Berufung als katholischer Priester aber bleibt. Die besten Rückmeldungen erhalte er nach Beerdigungen. «Die Liebe zu meiner Familie ist in meine Berufung eingebettet. Das zölibatäre Priestersein bringt Herausforderungen. Ein Beruf mit Familie auch», hält er fest. «Gott hat mir die Kraft für diesen Weg gegeben, und ich bin glücklich so.»

 

Vielfalt der Seelsorgenden in der Schweiz

Die Kirchenstatistiken des Schweizerischen Pastoralsoziologischen Instituts (SPI) zeigen die grossen Veränderungen auf, die in den letzten Jahrzehnten beim kirchlichen Personal stattgefunden haben. Parallel zum Rückgang der Priester in den letzten Jahrzehnten hat die Zahl der ständigen Diakone und der kirchlichen Mitarbeitenden ohne Weihe, zum Beispiel Pastoralassistent*innen, in den letzten 30 Jahren stark zugenommen. Im Bistum Basel etwa stieg der Anteil der Pastoralassistent*innen in der Pfarreiseelsorge seit 1983 von gut 10 auf 40 Prozent, während sich der Anteil der Diözesanpriester von ursprünglich 76 Prozent mehr als halbierte. Das Bistum weist zudem mit 14 Prozent den höchsten Anteil an Diakonen auf. Aktuell sind über 2000 Seelsorgende mit einem Universitätsabschluss in den Schweizer Bistümern tätig.


Weitere Informationen

Entwicklungen des geistlichen Personals in der Schweiz auf der Webseite des Schweizerischen Pastoralsoziologischen Instituts

Entwicklungen aller Seelsorgenden in der Schweiz auf der Webseite des Schweizerischen Pastoralsoziologischen Instituts

 

Zum Dossier «Liebe»

5. Februar 2019
erstellt von «pfarrblatt» Nr. 4
  • Pfarrblatt / Angelus