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Bin ich ein Mensch?

Im Spitalalltag kriege ich vieles zu Ohren, und das allermeiste kann ich verstehen. Eine Bemerkung aber, die ich oft höre, bleibt mir jeweils quer im Ohreingang stecken. «Il ne voulait jamais être un légume!», resumiert die Familie, als der Arzt nach dem mutmasslichen Willen ihres im Koma liegenden Vaters fragt. Die gleiche Angst formuliert die welsche Dame, die ich nach einem Hirnschlag mit halbseitiger Lähmung besuche: «Je suis devenue un légume.»

Hilflosigkeit und Hilfsbedürftigkeit werden also jenseits des grossen Mooses mit Gemüse in Verbindung gebracht. Das erstaunt mich, ruft doch Gemüse bei mir ganz andere Bilder hervor: knackige Rüebli und Radiesli, sonnengereifte Tomaten. Doch auch diesseits des Röstigrabens ist von «dahinvegetieren» die Rede, wenn das Leben scheinbar nur noch passiv stattfindet und Lebensqualität fraglich geworden ist. In letzter Zeit häufen sich wissenschaftliche Studien, die auch Pflanzen ein reichhaltiges Innenleben einräumen. Tomatenpflanzen zum Beispiel warnen ihre Nachbarinnen vor Schädlingen und liefern ihnen gleich noch den chemischen Grundstoff für das passende Abwehrmittel.

Der Unterschied zwischen mir und einem Broccoli liegt vielleicht weniger in den kommunikativen Fähigkeiten als in deren Sichtbarkeit. Was aber unterscheidet mich von meiner Katze? Für diese Frage entwickelten Psychologen in den 1970er-Jahren den sogenannten Rouge-Test. Kleinkindern und Tieren wurde vor einem Spiegel rote Farbe auf den Kopf getupft. Wer sich selber im Spiegel erkennt und darum versucht, die Farbe wegzuwischen, kann auf jeden Fall sicher sein, zur Gattung Mensch (ab zwei Jahren aufwärts), Schimpanse, Elefant, Delphin, Krähe, Elster oder Putzerlippfisch zu gehören. Wer das rotfleckige Gegenüber jedoch lediglich verwundert betrachtet, ist maximal ein Hund oder eine Katze.

Das sogenannte Ich-Bewusstsein unterscheidet uns also von anderen Lebewesen. Wer sich als etwas Eigenständiges erkennt, gehört zu den sogenannt höher entwickelten Lebewesen. Leider ist diese «höhere» Fähigkeit nicht notgedrungen mit mehr Lebensqualität verbunden. Wenigstens nicht bei den Menschen. Vielmehr verleitet dieses Ich-Bewusstsein dazu, die eigene Lebensqualität höher zu gewichten als die fremde. In dieser Hinsicht sind uns vermutlich die Tomatenpflanzen einen Schritt voraus.

Marianne Kramer, ref. Seelsorgerin

Gedanken aus der Spitalseelsorge im Überblick

3. April 2019
erstellt von «pfarrblatt» Nr. 8
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