An alles gedacht - das leibliche, das geistige und das spirituelle Wohl. Foto: jm

Mittägliche «Grebt» für das Dekanat Mittelland. Foto: jm

Bittersüsse Veränderung

Im Bistum Basel finden zur Zeit landauf, landab besondere «Beerdigungen» statt. Da in allen zehn Bistumskantonen die Seelsorgeeinheiten neu in Pastoralräumen organisiert werden, haben die Dekanate als Kapitel, Versammlung und Organisationsstruktur des Seelsorgepersonals ausgedient.

Neu gibt es Pastoralraumkonferenzen und verschiedene Leitungsgremien, die sich nun formieren müssen. Die Form der Dekanate (von decanatus – zehn – ein Gebiet das etwas 10 Pfarreien umfasst) wird abgeschafft. Bei sehr traditionellen, hunderte von Jahren alten, historisch gewachsene Dekanaten im Bistum kein einfaches Unterfangen. Die sogenannte «Abkurung» ist ein kompliziertes, bischöflich exakt vorgeschriebenes Verfahren. Dekanatsvermögen, Dekanatsarchive, Delegationen und Gremien müssen überführt und vom Bischofsvikariat amtlich geprüft werden.

An der letzten Versammlung des Dekanates Bern-Mittelland zelebrierte der zuständige Dekan Domherr Alex Maier am 2. Mai im alten Städtchen Wangen an der Aare mit seinem Team die Vorbereitungen zur Abkurung für seine Seelsorgenden mit einem Hochamt in der Kirche St. Christopherus, einer letzten sorgfältigen Versammlung und einer anschliessenden, ausgiebigen Grebt im Hotel Krone. In seiner Predigt erinnerte er gewohnt geschmeidig, elegant und tiefsinnig an den Tagesheiligen Athanasius, der im Konzil von Nicäa sich einer Frage stellen musste, die an Aktualität nichts eingebüsst habe. Die Frage fasste Domherr Maier in einer Liedzeile eines Popsongs zusammen: «Bleibe ich, oder gehe ich?» Seinem Glauben treu bleiben hiess für Athanasius damals, so Maier, ins Exil zu gehen. Er wurde zweimal wegen Streitigkeiten und Verleumdungen verbannt. Der versierte Prediger rief seinen 17 Mitfeiernden ins Gedächtnis, dass bei allen Entwicklungen in der Kirchengeschichte, diese Frage, «Bleibe ich, oder gehe ich», immer wieder Gläubige beschäftigt habe. Und doch stehe die Kirche nach wie vor in der Welt.

An der mittäglichen «Grebt», dem Trauermahl, bei dem notabene kaum Trauerstimmung aufkam, wurde die Bedeutung der Frage klar. Die Organisationsänderung betrifft die Pfarreiangehörigen an der Basis vorerst in kleinen Angeboten wie Reisen, Gottesdiensten und Bildungsanlässen. Widerstände gegen Pastoralräume seien allerdings nach wie vor vorhanden, gerade dort, wo Pfarreien ihre Eigenständigkeit verlören. Die Frage «bleiben oder gehen» sei an verschiedenen Orten und in verschiedenen Gremien Thema, war in den Tischgesprächen zu hören.

Auf Gewohntes verzichten, den Löffel einfach so abgeben, falle schwer. Deshalb drückte der einfallsreiche Domherr seinem Personal am Schluss des vormittäglichen Kapitels einen Löffel in die Hand, zückte einen Rahmbläser aus seiner Tasche und füllte die Löffel mit einer Portion luftigem Rahm, der mit einem kräftigen Schuss Schnaps durchsetzt war. Wenn schon den Löffel abgeben, dann wenigstens mit einem bittersüssen Geschmack im Mund, meinte er lakonisch.

Die bereits errichteten Pastoralräume in der Region Mittelland zeichnen sich durch Innovationsgeist aus. Im Raum Lyss wurden beispielsweise bereits die Pfarreien zu einer Gesamtpfarrei fusioniert. Die gemeinsame Kirchgemeinde bestand schon. In Langenthal gibt es ein neues Haus der Dienste und angepasste Religionsunterrichtskonzepte. Verschiedene soziale Projekte, neue Zusammenarbeitsmodelle unter dem Seelsorgepersonal beginnen zu greifen. Übergänge sind keine einfachen Zeiten. Die Beerdigung des alten Dekanates Mittelland zeigt: Mit Humor und einem feinen Essen ist der Zeitenwandel zumindest ertragbar. Wie lange allerdings die Süsse, die Bittere, im Mund anhält, wird sich zeigen.

Jürg Meienberg

7. Mai 2018
erstellt von «pfarrblatt»
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