Buchtipp: Elena Ferrante, Die neapolitanische Saga

Die Geschichte einer Freundschaft, die über 60 Jahre anhält, beginnt in einem ärmlichen Viertel Neapels in der Nachkriegszeit.

Eine Zeit, die von Gewalt geprägt ist – renitente Kinder werden auch schon mal aus dem Fenster geworfen, was niemanden schockiert – und in der man an allem möglichen sterben konnte: Typhus, Tuberkulose, Streit mit der Camorra, und vielem mehr.

Elena und Lila wachsen zusammen auf, die erste ängstlich, diszipliniert, die zweite wild und furchtlos, kämpfen nebeneinander gegen die Jungs aus dem Land, die sie mit Steinen bewerfen, oder stellen den gefürchteten Camorrista Don Achille zur Rede, den sie verdächtigen, ihre Puppen gestohlen zu haben.
In der Schule fallen sie durch ihre Begabung auf – Lila hat sich das Lesen und Schreiben selber beigebracht, Elena schafft es mit ihrem grossen Fleiss, zu den Klassenbesten zu gehören. Man weiss nie genau, wer eigentlich die geniale der zwei ist – sie ergänzen sich durch ihre Verschiedenheit auf eine ganz besondere Art.

Nach den obligatorischen fünf Jahren Schule darf Lila trotz guter Noten nicht weitermachen und muss in der Schusterwerkstatt ihres Vaters arbeiten. Hier trennen sich scheinbar ihre Wege: Lila heiratet sehr früh den Lebensmittelhändler Stefano Carracci und steigt in wohlhabendere Sphären auf. Elena geht weiter auf die Mittelschule, das Gymnasium und dank eines Stipendiums zum Studium nach Pisa, in den Norden, in eine ganz andere Welt als ihr Quartier in Neapel.

Beide Frauen machen turbulente Zeiten durch: Lila verlässt ihren gewalttätigen Mann, schuftet unter haarsträubenden Bedingungen in einer Wurstfabrik, bringt sich bereits in den Anfängen das Programmieren bei und ganz nebenbei auch ihr Kind durch. Elena findet den Anschluss an linksintellektuelle Kreise – in denen sie sich aber immer als Aussenseiterin und Exotin fühlen wird, publiziert ihr erstes Buch, heiratet und wird die Mutter zweier Töchter.

Die materielle Sicherheit geht aber mit einer inneren Leere einher. Im Hintergrund brodeln die politischen Unruhen, es ist die Zeit der Anschläge der Brigate rosse. Und so geht es mal der einen Freundin gut, während die andere schlimme Zeiten durchmacht, dann wendet sich das Blatt wieder. Lila wird Neapel nie verlassen, Elena kehrt am Schluss dorthin zurück, und ihre Freundschaft behält diesen widerspenstigen Charakter, diese Nähe und gleichzeitig dieses Wegstossen, das sie über 60 Jahre begleitet hat.

Ähnlich geht es einem beim Lesen: einmal ist man der einen näher, dann möchte man ihr zurufen «Was machst du bloss?!» und umgekehrt. Über vier Bände eine berührende Saga und ein lebendiges Porträt von 60 Jahren, die Italien von Grund auf verändert haben.

Sabrina Durante

 

Elena Ferrante, Die neapolitanische Saga:
Band 1: Meine geniale Freundin, 488 Seiten, ISBN 978-3-518-46930-9
Band 2: Die Geschichte eines neuen Namens, 623 Seiten, ISBN 978-3-518-42574-9
Band 3: Die Geschichte der getrennten Wege, 540 Seiten, ISBN 978-3-518-42575-6
Band 4: Die Geschichte des verlorenen Kindes, 614 Seiten, ISBN 978-3-518-42576-3
Übersetzung von Karin Krieger. Alle vier Bände der Neapolitanischen Saga sind im Suhrkamp Verlag erschienen.

25. April 2019
erstellt von «pfarrblatt»