Kathleen Bühler vermittelt Kunst. Nur wenn wir miteinander diskutieren, lernen und nachdenken, kommen wir weiter. Foto: Kunstmuseum Bern

Das darf man zeigen

«Ich als Mensch» heisst die Ausstellung der Schweizer Künstlerin Miriam Cahn im Kunstmuseum Bern. Im Rahmenprogramm gibt es einen Dialog zwischen der Kuratorin Kathleen Bühler und dem katholischen Theologen André Flury. Wir haben mit Kathleen Bühler vorab die Ausstellung besucht.


Von Andreas Krummenacher


Es ist eine sperrige Kunst, nicht einfach konsumierbar. Die Künstlerin Miriam Cahn setzt sich mit Krieg und Atom, den Flüchtlingstragödien, aber auch mit Pornografie, dem Geschlechterverhältnis und unserem Umgang mit dem Körper auseinander. Sie liefert eine explizit weibliche Sicht. Zornig, engagiert, politisch. Sie ist sich nicht zu fein, Kriegsgeräte zu malen, Gewalt und Tod.

Für Kuratorin Kathleen Bühler ist ein Museum der ideale Ort, um Wertediskussionen in der Gesellschaft zu führen. Klassische Kunst habe den Marktwert oder den historischen Wert gefunden. Bei der Gegenwartskunst sei das nicht der Fall. «Wir gehen davon aus, dass etwas wichtig ist, aktuell, aus diesen Gründen holen wir das ins Museum. Spannend ist nun, darüber zu diskutieren, wieso wir finden, dass etwas wichtig ist und ob das auch der Meinung des Publikums entspricht», erläutert Kathleen Bühler.

Ist Kunst nicht elitär? Kathleen Bühler stimmt teilweise zu: «Wir predigen tatsächlich meistens zu den Bekehrten.» Aber gerade darum sei eine Veranstaltungsreihe wie «Kunst und Religion im Dialog» interessant. Hier würden auch andere Menschen angesprochen. Die aktuelle Ausstellung zum Werk von Miriam Cahn eigne sich für diese Reihe ausgezeichnet. Gehe es der Künstlerin doch um existenzielle Fragen.
Kathleen Bühler ergänzt: «Das, was unter die Haut geht in ihrer Kunst, das macht es spannend in einem religiösen Zusammenhang. Oder ihre Bewunderung für die Natur, die seelenvollen Darstellungen des Gebirges, die Sorge um die Tiere – diese Themen erscheinen bei ihr sehr körperlich, sind aber gleichzeitig sehr spirituell, transzendent.»

Anders als die Theologie ziehe die Künstlerin Miriam Cahn mit ihren Bildern andere Register, sie führe bildhafte Argumente ins Feld. Diese Bilder sind nicht eindeutig. Für Kathleen Bühler ist das bei der Kunst sehr oft der Fall, dass man es also «nicht genau weiss», keine exakten Antworten geliefert bekommt. Die Künstlerin serviert mir nicht Lösungen oder Vorgaben. Ich darf es anders sehen. Sie schreibt mir nichts vor. «Es ist nicht so, dass die Künstlerin ausweichen würde oder nichts wüsste – sie präsentiert die Komplexität der Themen. Sie präsentiert mir Dilemmata. Es ist schön, aber gleichzeitig zerstörerisch; es ist schmerzhaft, aber gleichzeitig lustvoll – wo finden wir uns hier als Menschen?» Das fragt die Kuratorin Kathleen Bühler.

Miriam Cahn beschäftigt sich mit dem Universellen. «Wir sind alle so spezialisiert und ausdifferenziert. Was aber haben wir als ganze Gesellschaft für Chancen, wo haben wir gemeinsame Berührungspunkte? Bei Miriam Cahn geht das noch weiter: wo sind die Berührungspunkte mit den Flüchtenden, mit Tieren? Niemand will über das Universelle reden. Ich finde aber, wir können nicht ohne», meint Kathleen Bühler.

Wenn Sie mit André Flury bloss über ein Bild in der Ausstellung reden müssten, welches würden Sie aussuchen? Lachend erwidert Kathleen Bühler: «Das kommt darauf an, ob ich ihn in Verlegenheit bringen will.» Sie geht dann durch den Raum, um Bilder zu zeigen, die ihr wichtig sind. Zum Schluss stehen wir vor einem Bild mit dem Titel «Abbau». Es ist ein Selbstbildnis der Künstlerin, das sie nach dem Abbau einer grossen Ausstellung in «ihrer müden Zufriedenheit» gemalt hat. Man sieht einen alten, nackten Körper von der Seite, der Kopf geneigt, grinsend. Ohne Eitelkeit. «Das darf man zeigen», sagt Kathleen Bühler, «das Material ist doch bei uns allen gleich.»

 

Hinweis:
Sonntag, 17. März, 15.00–16.00, Kunstmuseum Bern. In der Ausstellung Miriam Cahn – Ich als Mensch. André Flury (Katholische Kirche Region Bern) im Dialog mit Kathleen Bühler (Kunstmuseum Bern).
Treffpunkt: bei der Kasse, Kosten: Ausstellungseintritt. Anmeldung: kunstvermittlung(at)zpk.org, 031 359 01 94, Infos: www.kathbern.ch/kunst

 

 

7. März 2019
erstellt von «pfarrblatt» Nr. 6
  • Pfarrblatt / Angelus
  • Bildung