Frank Richter (58). Foto: Wikimedia

Denn sie wissen nicht, was sie tun

Der Bürgerrechtler und Theologe Frank Richter wird am 6. und 7. März in Bern über den Populismus sprechen. Für das «pfarrblatt» schreibt er in einem Essay, warum dieses Thema im Osten Deutschlands derart virulent ist. 

Von Frank Richter, Dresden

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht. Ich habe, je älter ich werde, mehr und mehr das Bedürfnis, die Bedeutung der dahin laufenden Zeit zu erkennen. Da ich im christlichen Sinn glaube, unterstelle ich, dass der Geist Gottes in den Geschicken der Geschichte wirkt. Ich möchte nicht anders leben als geistesgegenwärtig und zukunftsfroh. Für mich ist die Geschichte Heilsgeschichte. Ich hoffe wider alle Hoffnungslosigkeit. Das ist die eine Seite meiner Existenz.

Die andere Seite besteht im Bedürfnis, mich auf überkommene Deutungsmuster zu stützen und sie anzuwenden auf die Ereignisse der Gegenwart. «Es gibt nichts Neues unter der Sonne», behauptet der Prediger (Kohelet 1,9). In der Tat: die Heiligen Schriften und die kirchlichen Riten sind wahre Fundgruben. Sie stecken voller alter Geschichten, Metaphern, Aphorismen und Weisheiten, die das aktuelle Chaos gedanklich in Ordnung zu bringen vermögen.

Meine Lieblingsmetapher ist der Karsamstag. Da ich meine religiöse Sozialisation in der katholischen Kirche erfahren habe, weiß ich, dass dies ein stiller und kontemplativer Tag ist. Obgleich die Gläubigen wissen, dass schon am nächsten Morgen Ostern beginnt, tun sie gemeinschaftlich so, als wüssten sie es nicht. Sie sind traurig. Sie sind schweigsam. Sie sind hoffnungslos. Sie beschäftigen sich mit Staubwischen, Holzhacken, Unkrautjäten und anderen Banalitäten.

Streng genommen ist es ihnen untersagt, die Heilige Messe zu feiern. Denn diese Liturgie bedeutet ja immer auch die Auferstehung des Herrn in den Herzen der Gläubigen. Dies aber ist heute noch nicht dran. Heute gilt: Gott ist tot.

Das gemeinschaftliche Einhalten und Aushalten dieses Tages ist religionspädagogisch sinnvoll. Es entwickelt spirituelle Energie. Das Wort Jesu «Vater, verzeih ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun» (Lukasevangelium, Kapitel 23, Vers 34) gilt zunächst den Soldaten. Diese schlagen zwei verurteilte Verbrecher ans Kreuz und tun im Anschluss mit Jesus das gleiche.

Ich gestatte mir, diesen Satz in einem weiterführenden Sinn auf alle Menschen zu beziehen, die über andere den Stab brechen. Es scheint ihnen nichts auszumachen. Sie handeln in einem höheren Auftrag. Sie vollstrecken das Urteil nach kurzem Prozess. Sie beerdigen die Hoffnung. Ihr Tun ist alternativlos. Sie sind die «Karsamstagsmacher». Als solche dominieren sie das Bild für eine gewisse Zeit.

Ich lebe im Osten Deutschlands. Ich bin geboren und aufgewachsen in der DDR. Diesen Staat gibt es nicht mehr. Seine Bürger haben mehrheitlich mit ihm gebrochen. Sie stimmten für sein Ende und die Auflösung hinein in die Bundesrepublik. Die den Staat DDR tragende Ideologie des Marxismus-Leninismus war repressiv und erwies sich als funktionsuntüchtig.

Gleichwohl war sie eine Weltanschauung der Hoffnung. Am Ende der Zeiten würde es eine Gesellschaft des Friedens, der Solidarität und des Wohlstands für alle geben. Diese würde sich nach einer der Geschichte innewohnenden Ordnung entwickeln. Und schon heute gelte es, die Ideale des Sozialismus täglich mit Leben zu füllen. Als sich diese Hoffnung 1989 als Wahnvorstellung entpuppte, ging nicht nur ein Staat zugrunde. Ein Sinnkonstrukt brach zusammen.

Viele im Osten begnügten sich zunächst mit der süßen und trügerischen Verheißung des Westens: «Wohlstand für alle durch Wachstum für immer.» Sie wollten endlich teilhaben. Sie wurden erneut enttäuscht. Manche erkannten zu spät, dass es im Westen nicht um gemeinsame Ideale, Ziele, Visionen und geschichtliche Sinnentwürfe geht, sondern um Wettbewerb, Konkurrenz, Produktion und Konsumtion. Die Fassaden der Häuserzeilen in ostdeutschen Städten wurden hergerichtet. Die Autobahnen sind inzwischen besser als im Westen. Die Herzen vieler Ostdeutscher blieben leer.

Es mag in den Ohren vieler Westdeutscher ungerecht klingen. Aber die Stimmungslage in weiten Teilen des Ostens (nicht in allen!) ist geprägt von wenigstens vier Verlusten: dem Verlust an Bevölkerung, weil Hunderttausende auch noch nach 1990 von Ost nach West gegangen sind; dem Verlust an wirtschaftlicher Infrastruktur, weil 1990 eine zweite Entindustrialisierung des Ostens einsetzte, nachdem es 1945 eine erste gegeben hatte; dem selbst gewählten Verlust der Eigenstaatlichkeit sowie dem Verlust von Orientierung und Sinn.

Im Osten Deutschlands ist säkularer Karsamstag. (Im Westen vielleicht auch, doch davon verstehe ich nur wenig.) Vielleicht überdehne ich die Metapher. Dennoch möchte ich sagen: auch dieser Tag wurde herbeigeführt von Menschen, die nicht wussten, was sie tun.

Was macht mir Sorge? Dass die Hoffnungslosigkeit des ostdeutschen Karsamstags aufgefangen wird von den politischen Aktivisten des rechten Rands. Sie haben den Bedarf nach Orientierung, Anerkennung und Zugehörigkeit genau erkannt.

Was macht mir Hoffnung? Dass ich weiß, dass es solche Karsamstage gibt, die man miteinander einhalten und aushalten muss. Es gibt sie im Fortschreiten einer Gesellschaft ebenso wie im Leben eines jeden Menschen. An solchen Tagen sollte man beieinander bleiben. Man sollte sich in den bewährten Grundsätzen bestärken und beten, dass der Geist Gottes zeigt, wie es weiter gehen kann und schon morgen Ostern beginnt. 

 

Veranstaltungshinweise
«Wir sind das Volk!» Populismus – was nun? Offener Gesprächsabend mit Frank Richter, Bürgerrechtler und Theologe aus Dresden – Response Anna de Quervain, Operation Libero. Mittwoch, 6. März, 19.00. Ort: In der Offenen Kirche Heiliggeist (die beim Bahnhof Bern). Infos: www.refforum.ch

Mit Populist*innen reden? Workshop. Im Gespräch mit Frank Richter über das, was Demokratie lebendig hält. Donnerstag, 7. März, 18.15. Ort: Reformiertes Forum, Länggassstrasse 41, 3012 Bern.
Anmeldung erwünscht: thomas.schuepbach(at)refbejuso.ch

Lese-Tipps
Frank Richter: «Hört endlich zu! Weil Demokratie Auseinandersetzung bedeutet», Ullstein-Verlag 2018
Frank Richter: «Gehört Sachsen noch zu Deutschland? Meine Erfahrungen in einer fragilen Demokratie», Ullstein 2019 

 

 

 

1. März 2019
erstellt von «pfarrblatt» online
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