Regina Erdin: «Spitalseelsorge ist Beziehungsarbeit.» Foto: Guido Lauper

Der Weg zum Mitmenschen führt zu sich selbst

«Nähe zulassen und Vertrauen aufbauen, um den Zugang zum Innern des Menschen zu erlauben» sind wichtige Bestandteile in Regina Erdins Arbeit als Seelsorgerin in den Spitälern Frutigen, Meiringen und Interlaken («Spitäler fmi»).


Von Guido Lauper


«Das Ganze begann mit einem Unfall und endete mit einer Ausbildung zur Spitalseelsorgerin», erinnert sich Regina Erdin. «Genau nach dem Abschluss meiner Ausbildung im Jahr 2008 suchten die Spitäler Frutigen, Meiringen und Interlaken dann ihre ersten Spitalseelsorgenden.» Seither arbeitet sie dort zu 30 Prozent und teilt sich die Vollzeitstelle mit einem reformierten Kollegen.

Die Beziehungsarbeit in ihrer Seelsorge fasziniert Regina Erdin: «Im Spital tauchen oft Fragen zum Sinn von Leben und Tod auf, die alleine schwer zu beantworten sind. Hier können wir Spitalseelsorgenden unabhängig von Religion, Konfession und Lebensphilosophie Hand bieten.» Dabei betreut sie Menschen aus der ganzen Welt – insbesondere in der Tourismusregion Interlaken.

Begegnung

«Den Patient*innen begegne ich von Mensch zu Mensch und versuche zu spüren, was sie brauchen.» Damit meint sie die unverwechselbare Geschichte jedes Einzelnen, etwa wie Kindheit und Jugend das ganze Leben prägen können. «Viele meistern Schicksalsschläge wie Unfall, Krankheit und Tod aus eigener Kraft; andere können daran zerbrechen.»

Es sei wichtig, herauszuspüren, was jemand brauche, ob Patient*innen eine bedrückende Geschichte oder Lebenslage erzählen können und wollen oder ob man einfach dasitzen und Ruhe ins Zimmer bringen soll. «Durch ein blosses Dasein und Mitgehen wird der leidende Mensch vielleicht wagen, Unabänderliches zu akzeptieren und darauf zu vertrauen, auch in der letzten Grenzsituation angenommen zu sein.» Dabei erfährt Regina Erdin, wie Titel und Vermögen bei schwerer Krankheit nebensächlich werden. «Im Spital ist man einfach nur Mensch mit Ängsten, Sorgen und Bedürftigkeit.»

Ganzheitlich heilen

Auch Patient*innen mit nur kurzem Spitalaufenthalt finden in dieser Ausnahmesituation unverhofft Zeit, sich fern vom Alltag mit sich zu befassen. Auch da sei es wichtig, Zeit zu lassen und zu spüren, was im Moment angebracht sei. Regina Erdin ist überzeugt, dass Spitalseelsorge einen wesentlichen Beitrag zur ganzheitlichen Heilung, zur Bewältigung von Lebenskrisen und in der Begleitung von Sterbenden und ihren Angehörigen leistet und durch keine andere Berufsgruppe ersetzt werden kann.

Dass sie ihre Aufgaben uneingeschränkt erfüllen kann, führt Regina Erdin auf die Akzeptanz und vorzügliche Zusammenarbeit mit allen anderen Disziplinen und Vorgesetzten der Spitäler Frutigen, Meiringen und Interlaken zurück. Dazu komme die Reflexion der eigenen Empfindungen in regelmässigen Supervisionen. Viel Wissen und Kraft schöpfe sie aus der Ausbildung beim legendären Ruedi Albisser, der sich um die Spitalseelsorge und die pastoralpsychologische Ausbildung angehender Theolog*innen verdient gemacht hat. Die Grundlagen zu ihrer Arbeit hat sich Regina Erdin nach Glaubens- und Theologiekursen im «Clinical Pastoral Training» erarbeitet. Wichtig seien auch ihr Praktikum in der Psychiatrie St. Urban, ihre Theater- und Clownausbildung und der Lehrgang «Christliche Spiritualität» gewesen.

Kraft tanken

Wie aber verarbeiten Spitalseelsorgende die Nöte und Schicksale, die sie in den Gesprächen mit rat- und trostsuchenden Menschen erfahren? Regina Erdin tankt Kraft in der Natur, beim Wandern, Velofahren und bei der Gartenarbeit. Ihre wichtigsten Ansprechpersonen sind ihre zwei erwachsenen Kinder, ein Sohn und eine Tocher, die ihr viel Kraft und Freude schenken. Nach ihrer Pensionierung Ende November freut sie sich auf mehr Zeit für Hobbies, Familie und Freunde.


Mehr zur Spitalseelsorge



 

 

6. März 2019
erstellt von «pfarrblatt» Nr. 6
  • Pfarrblatt / Angelus
  • Soziales